Artikel dieser Ausgabe aus Wellness & Gesundheit
Meine Gesundheitsapotheke
Scheherazades Nebelschleier
Hamam
Das orientalische Dampfbad Hamam entführt aus der Hektik des Alltags in eine märchenhafte Welt, die ebenso entspannend und faszinierend ist wie die Geschichten, die die schöne Scheherazade in Tausendundeiner Nacht erzählt. Im Hamam wird nicht einfach nur geschwitzt: Auf dem Programm steht vielmehr eine porentiefe Rundumreinigung, die sich auf Geist und Seele ebenso wohltuend und klärend auswirkt wie auf Haut und Körper.
Das Wort „Hamam“ kommt aus dem Arabischen und bedeutet schlicht und einfach nur „wärmen“. Im Gegensatz zu der heißen, trockenen Luft, die uns in einer finnischen Sauna ins Schwitzen bringt, ist ein Hamam jedoch auf angenehm milde 38 – 48 Grad Celsius temperiert, und die feine, feuchte Nebelluft, die den Raum erfüllt, ist für die Atemwege spürbar angenehmer. Vor allem aber machten die spezielle Reinigung und Pflege, die der Gast hier durch den „Tellak“, den Bademeister und Masseur, erfährt, das Hamam-Baderitual zu etwas ganz Besonderem.
Die Wohlfühlreise ins Morgenland
Eine Reise in die dampfenden Nebelschleier des Orients tritt man klassischerweise nur mit einem Tuch, dem sogenannten „Pestemal“, bedeckt an. Unter der Dusche wird zunächst der gröbste Staub des Alltags vom Körper gespült. Dann geht es in das oft ganz in Marmor gehaltene Dampfbad. Während des Schwitzens wird mit Hilfe der bereitgestellten „Tas“, einer Kupfer- oder Messingschale, Wasser geschöpft und regelmäßig über den Körper gegossen.
Nach 10 – 15 Minuten haben sich die Muskeln entspannt und die Poren der Haut geöffnet, der Körper ist optimal für die intensive Reinigung durch den Bademeister oder die Bademeisterin vorbereitet. Dazu legt man sich in der Mitte des Raumes auf das Herz des Hamams, den beheizten „Nabelstein“ aus Marmor. Hier erfolgt zunächst ein Körperpeeling, das vom Tellak durch Reiben mit einem rauen Spezialhandschuh aus Wildseide oder Ziegenhaar (der „Kese“) durchgeführt wird.
Nach dem Peeling wird der Gast massiert. Dabei ist er vom Hals bis zu den Füßen in Seifenschaum gehüllt, die der Tellak mit Hilfe eines Seifensacks aus Leinen oder Wolle („Lif“) erzeugt. Ob unter der Schaumperlenwolke eher zart geklopft und gezupft oder kräftig geknetet und gedehnt wird, gehört zu den Spezialitäten des jeweiligen Hamam-Meisters.
Mit einem erfrischenden kalten Wasserguss werden die Poren der Haut am Ende der Behandlung wieder geschlossen.
Zum Abschluss gehört eine Ruhephase in einem kühleren Raum unbedingt mit zum Programm. Dabei trinkt man zum Beispiel einen traditionell zubereiteten schwarzen Tee, den „Cay“.
Reinheit und Geselligkeit
Der Hamam, auch „Türkisches Bad“ genannt, blickt im arabischen, iranischen und türkischen Raum auf eine lange Tradition zurück. Den Reinheitsgeboten des Islams entsprechend dient der Besuch des Bades hier nicht so sehr der Entspannung, sondern der Vorbereitung auf das Gebet: Bevor der Gläubige in der Moschee seine Seele reinigen kann, muss er zunächst einmal körperlich rein sein.
Doch auch die Nebeneffekte dieses Reinigungsrituals wusste man im Orient schon bald zu schätzen: Nach tagelangen strapaziösen Reisen durch die heiße, staubige Wüste waren Waschungen mit dem früher sehr raren warmen Wasser eine enorme Wohltat, und zudem entdeckte man das Badehaus auch als Ort der geselligen Begegnung – und als ideales Ambiente für geschäftliche Verhandlungen.
Allah drückt ein Auge zu?
Die Wogen der Wellness-Welle trugen das Hamam-Ritual dann auch nach Mitteleuropa. In Deutschland gibt es zurzeit circa 20 Bäder dieser Art, zum Beispiel in Berlin, Dresden, Ulm, München, Westerland auf Sylt oder Bremen.
Mit diesem Kulturtransfer gingen allerdings allerlei Veränderungen des Originals zugunsten einer Anpassung an den westlichen Geschmack einher. Dass bei uns etwa Männlein und Weiblein im Dampfbad nebeneinander schwitzen dürfen – und das manchmal auch noch komplett unbekleidet! –, das verstößt ganz eindeutig gegen die Gebote des Korans. Hoffen wir, dass Allah da gnädig mit uns Okzidentalen ist und ein bis zwei Augen zudrückt!
Wer halbwegs authentisch „hamamen“ will, sollte vor allem darauf achten, dass ihm das komplette Baderitual geboten wird. Denn in manchen Spa-Einrichtungen steht es durchaus auch in Einzelteile zerlegt auf der Preisliste. Dampfbad, Ganzkörperpeeling und Massage gehören für ein wirklich rundes Hamam-Erlebnis jedoch unbedingt zusammen.
Sauber wie noch nie!
Auch wenn in einem hiesigen Hamam nicht alles so zugeht wie in Istanbul, verlässt man es doch auch hier mit dem wohligen Gefühl umfassender Entspanntheit, mit einer Haut wie Samt und Seide – und stimmt vielleicht ganz dem preußischen Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke (1800 – 1891) zu, der seine erste Hamam-Erfahrung in „Unter dem Halbmond“ wie folgt kommentierte: „
man möchte sagen, dass man noch nie gewaschen gewesen ist, bevor man nicht ein türkisches Bad genommen hat.“
Türkisch baden an der Kieler Förde
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