Artikel dieser Ausgabe aus Wellness & Gesundheit
Meine Gesundheitsapotheke
Ein lästiger Begleiter
Vier prozent der Bevölkerung kennen ihn in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen: Tinnitus, ein für andere nicht wahrnehmbares Ohrgeräusch.
Eines Tages wachte Frau M. mit dem Gefühl auf, Wasser im rechten Ohr zu haben. Im Laufe des Tages verstärkte sich das taube Gefühl, sie wurde nervös und hörte außerdem ein schrilles Pfeifen im Ohr.
Als zusätzlich noch alle anderen Geräusche plötzlich wie ungefiltert in ihr Hirn drangen, konnte sie nicht länger ignorieren, dass etwas Gravierendes
geschehen war.
Ein Störfaktor mit Folgen
Der Hausarzt schrieb sie krank und empfahl ihr auszuruhen und zu entspannen. Frau M., die zu diesem Zeitpunkt schon voller Angst war, ging zu einem anderen Arzt, der sie sofort ins Krankenhaus einwies mit der Diagnose Hörsturz, Tinnitus und Hyperakusis – Krankheitsbilder, die den oben genannten Wahrnehmungen (taubes Gefühl, Pfeifen im Ohr und Geräuschüberempfindlichkeit) entsprechen. Im Krankenhaus bekam sie 14 Tage lang Infusionen. Als die Geräusche langsam nachließen, hatte sie das Gefühl, das Richtige getan zu haben. Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus ging zunächst alles gut. Bis sie plötzlich, vier Wochen später, wieder mit dem Pfeifen im Ohr aufwachte.
Herr K. fuhr in der Bahn wie jeden Abend nach Hause, als er ein rhythmisches Rauschen wahrnahm, das er zunächst für ein Nebengeräusch des Zuges hielt. Das Geräusch begleitete ihn nachhause und wurde nachts, als er versuchte einzuschlafen, eher lauter. Die Ohrstöpsel, die er ausprobierte, um das Geräusch auszuschalten, verstärkten den inneren Lärm noch. Am nächsten Morgen war der Spuk vorbei.
Doch schon zwei Tage später kam das Geräusch wieder und hatte sogar an Intensität zugenommen. Von nun an lebte Herr K. in ständiger Angst vor dem unregelmäßig wiederkehrenden, lästigen Begleiter. Er mochte sich nicht mehr mit Freunden treffen, konnte kaum noch schlafen und zog sich mehr und mehr zurück.
Zwei unterschiedliche Geschichten, aber das Symptom hat denselben Namen: Tinnitus. Die Medizin bietet als Hilfe Uneinheitliches an. In den letzten Jahren wurde ein akuter Tinnitus mit durchblutungsfördernden und auch entzündungshemmenden Infusionen behandelt. Nun haben die Krankenkassen diese Behandlung eingeschränkt, weil nicht nachgewiesen werden konnte, dass diese Medikamente tatsächlich wirken.
Fakt ist, dass ein Tinnitus häufig in der ersten Zeit wieder verschwindet. Erst wenn die Ohrgeräusche über drei Monate bestehen bleiben, spricht man von einem chronischen Tinnitus. Aber auch hier ist das subjektive Krankheitsempfinden nicht gleich bleibend stark. Man kann lernen, mit dem Ton zu leben, indem man lernt, die Aufmerksamkeit auf etwas Anderes zu lenken. Dann kann ein Zustand erreicht werden, in dem der Tinnitus so in den Hintergrund tritt, dass er sogar vergessen wird.
Welche Behandlung ist die richtige?
Da viele Ursachen und Auslöser in Frage kommen, gibt es auch keine einheitliche Behandlung. Vielfach wird angenommen, dass Stress und Anspannung mitauslösende Faktoren sind. Hier setzen Entspannung und auch Psychotherapie an. Natürlich sollten auch mögliche körperliche Erkrankungen ausgeschlossen werden. Bereits dann aber stellen sich grundsätzliche Fragen.
Möchte man alle Untersuchungsangebote nutzen, die möglich sind, oder will man die ohnehin durch das Ohrengeräusch gestresste Psyche zur Ruhe kommen lassen? Möchte man die Verantwortung abgeben oder selber stärker mitbestimmen und gegebenenfalls der inneren Stimme den Vorzug geben vor der Anweisung des Mediziners?
Da Tinnitus häufig als starke psychische Belastung empfunden wird und auch Angst auslöst, ist das Bedürfnis nach Hilfe groß. Aber ist auch jedes Hilfsangebot tatsächlich eine Hilfe? In der bedrängten Situation möchten die Betroffenen keine Möglichkeit der Besserung versäumen und sind auch häufig bereit, Hilfsangebote zu akzeptieren, die sie aus eigener Tasche bezahlen müssen.
Austausch mit Betroffenen
Es ist sehr schwer für die Betroffenen zu entscheiden, was angemessen oder tatsächlich hilfreich ist. Die Deutsche Tinnitus-Liga, der man für einen Jahresbeitrag von 45,00 Euro beitreten kann, hat sich Information und Aufklärung zum Ziel gesetzt. Aber auch dort werden teilweise kostenpflichtige Therapieformen vorgeschlagen, deren Wirksamkeit nicht belegt ist. Trotzdem findet man hier ein offenes und mitfühlendes Ohr und einen größeren Überblick über die Möglichkeiten.
Frau M. hat übrigens gelernt, mit ihrem Tinnitus zu leben. Nur sehr selten, wenn sie große Belastungen hat, empfindet sie ihn noch als störend. Und Herr K. hat nach mehreren erfolglosen Therapien die Behandlung abgebrochen. Acht Monate später war der Tinnitus
verschwunden.bth






