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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Artikel dieser Ausgabe aus Sport

Zug um Zug

Beliebte Brettspiele mit Geschichte: Schach

Das Schach hat überall auf der Welt die gleichen, relativ einfachen Regeln und dennoch viele Gesichter: Es ist international wie die Musik, rational wie Mathematik, strategisch wie ein Krieg. Dieses Spiel kann zwei Menschen für Stunden in einer gemeinsamen Welt vereinigen. Die Figuren auf dem Schachbrett werden zum Zentrum der Aufmerksamkeit.

Entstehungsmythen …

… gibt es viele. Sicher ist, dass die heutige Form des Schachs auf ein indisches Brettspiel des 6. oder 7. Jahrhunderts zurückgeht. Es bildete mit Fußvolk, Reitern, Wagen und Elefanten das indische Heer nach und wurde „Tschaturanga“ genannt, was übersetzt Kriegsspiel bedeutet.

In China gab es bereits etwa 1000 Jahre früher ein Spiel, das seit dem 12. Jahrhundert mit bis heute unveränderten Regeln gespielt wird. Diese Variante hatte einst eine astrologische Bedeutung als Orakelschach: Das Schachbrett symbolisierte den Himmel mit seinen Häusern, die Figuren stellten die Planeten dar.
Ob beide Spiele gleichen oder verschiedenen Ursprungs sind, ist unklar; bis heute streiten darüber die Schachexperten. Die ältesten bei Ausgrabungen gefundenen Figuren datieren bis aufs 6. Jahrhundert vor Christi zurück.

Ein königlicher Name

Seinen Namen verdankt das Spiel dem persischen Wort für König: „Shah“. Nach Europa kam es im 10. Jahrhundert als Beigepäck arabischer Händler. Einheitlich kodifiziert wurde die heutige Form des Schachs Ende des 15. Jahrhunderts in Italien. Bis ins 19. Jahrhundert wurde es vornehmlich von den oberen Gesellschaftsschichten gespielt und erhielt auch deswegen den Beinamen „Das Spiel der Könige“.

Von Schwarz-Weiß-Sehern

Die Faszination des Schachspiels liegt zum Teil darin begründet, dass sich aus einer einfachen Spielanordnung mit einer überschaubaren Anzahl von Regeln unendlich viele Spielverläufe ergeben können. Auf einem Spielbrett, das in 64 Felder von schwarzer und weißer Farbe aufgeteilt ist, stehen sich 16 weiße und 16 schwarze Spielfiguren gegenüber. Die Bewegungsart der Figuren ist festgelegt. Ein Turm etwa darf nur in gerader Linie die Felder überschreiten, der Läufer dagegen diagonal. Ziel des Spieles ist es, die Bewegungsfreiheit des gegnerischen Königs so weit einzuschränken, dass er im Falle der Bedrohung („Schach!“) keine Ausweichmöglichkeit mehr hat: „Schach – matt!!!“

Vierseitig vielseitig

Doch bis dahin ist es häufig ein langer von Taktik und Strategie geprägter Kampf. Der kann die beiden Kontrahenten derart in seinen Bann ziehen, dass sie beim Abwägen der verschiedenen Zugmöglichkeiten mitunter für Stunden sprachlos auf das quadratische Brett vor ihrem Kopfe starren.

Ob in verrauchten Cafés oder an der frischen Luft im Park, ob mit überdimensionalen Figuren auf dem Marktplatz oder einem kleinen Reisesteckspiel im Zugabteil, ob zu hunderten in Turnhallen bei Turnieren oder alleine vor dem Bildschirm im Internet: Schach wird rund um die Welt nach gleichen Regeln an allen erdenklichen Orten von Spielern jedweden Alters gespielt.

Wenn der Bauer zur Dame wird

Dabei bleibt nichts dem Zufall überlassen, bis hin zum Auslosen der Figurenfarbe und damit des Rechts auf den ersten Zug: Weiß beginnt.
In der Spieleröffnung versuchen beide Parteien, zum einen durch Vorrücken der Bauern den Machtanspruch in der Spielfeldmitte zu behaupten. Zum anderen soll dadurch den höherrangigen Offizieren – Springer, Türme und Läufer – Bewegungsfreiheit verschafft werden.

Im Mittelspiel gilt es, die eigenen Figuren für einen Angriff auf den gegnerischen König in Position zu bringen und gleichzeitig bei einem Angriff des Gegners gewappnet zu sein. Für das Erreichen einer besseren Stellung oder nur des schnöden Machterhalts des Königs wegen ist es mitunter sogar nötig, eine kleinere Figur aufzugeben. Dann kommt es zum sprichwörtlichen Bauernopfer.

Im Endspiel, wenn schon mehrere Figuren abgetauscht wurden und die Armeen reichlich dezimiert sind, erlangen die Bauern eine höhere Geltung. Beim Erreichen der letzten Linie werden sie quasi geadelt, indem man sie gegen einen Offizier oder eine Dame umtauschen kann. Wem dies zuerst gelingt, der trägt auch meistens den Sieg davon.

Mensch gegen Maschine

Die herausragende Bedeutung des kombinatorischen und des vorausschauenden Denkens ließ Schach von jeher zum Paradebeispiel werden, wenn es darum ging, zwei Denksysteme miteinander zu messen. 1769 erfand Wolfgang von Kempelen einen Schachautomaten in Gestalt eines kleinen Türken, der in einem Pult saß. Von da aus bediente er über Walzen und Räderwerk die Schachfiguren über ihm, ohne dass er selbst zu sehen war. In einem Spiel gegen Napoleon im Jahre 1806 warf die Maschine die Figuren um, da der Kaiser regelwidrige Züge gemacht hatte.

Später ging der so genannte „Türke“ in Amerika auf Tournee. Dort soll der amerikanische Wegbereiter der fantastischen Literatur, Edgar Allen Poe, den Schwindel aufgedeckt haben: Im Schrank war stets ein großer Schachspieler von kleiner Gestalt verborgen. Von da an nahm die Redewendung „etwas sei getürkt“ ihren Lauf.

Ost gegen West – Das Match des Jahrhunderts

Man schreibt das Jahr 1972. Die Welt befindet sich in der Tiefstkühlphase des Kalten Krieges, die Sowjetunion hat nicht nur den Wettkampf um den ersten bemannten Flug ins Weltall gegen die Vereinigten Staaten von Amerika gewonnen, sondern stellt auch seit dem Ende des zweiten Weltkrieges sämtliche Schachweltmeister. Doch dann kommt der Amerikaner Bobby Fischer.

Der spielt derart unkonventionell, dass er in atemberaubender Weise das Kandidatenturnier gewann, das ihn zur Herausforderung des amtierenden Weltmeisters Spasski berechtigte.

Doch so klar und offensiv der Schachstil Bobby Fischers war, so eindeutig und offensiv waren auch seine Anforderungen hinsichtlich der Modalitäten der Austragung des Weltmeisterschaftkampfes.

Die Liste seiner divenhaften Wünsche reichte von der Wandfarbe des Saales bis zu überzogenen Gagenforderungen. Immer wieder musste die WM verschoben werden, weil man sich nicht einigen konnte und Bobby Fischer bei Nichterfüllung seiner Vorstellungen mit Boykott drohte.

Gleich die erste Partie geht an Spasski. Zur zweiten Partie tritt Fischer erst gar nicht an, da er sich vom Surren dreier Fernsehkameras in der Konzentration gestört fühlt. Außenminister Henry Kissinger kann ihn telefonisch zum Weiterspielen überreden.

Danach spielt er göttliches Schach, gewinnt die Weltmeisterschaft, um sich danach fast gänzlich von der internationalen Schachbühne zurückzuziehen.

mh

Fotos: E- Spanehl und mein coop magazin