Artikel dieser Ausgabe aus Sport
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Mit Konzentration und Fingerspitzengefühl
Bogenbau und Bogenschießen – eine ganz spezielle Kunst
Robin Hood, der reitet schon lange nicht mehr durch die Lande. Doch es geht ja auch ohne Pferd! Wie energisch die Bögen auch heute noch gespannt werden, wie schnell und treffsicher die Pfeile auch heute noch durch die Luft schwirren
das zeigen uns der Bogenbauer und Holzbildhauer Thorsten Büttner und der Erzieher und Tischler Reinhard Erichsen.
Sie haben uns auf ihre Schießwiese im Schleswig-Holsteiner Sherwood Forest, dem „Satruper Kirchenholz“ in Angeln zwischen Flensburg und Schleswig, eingeladen.
Pfeilschnell ins Schwarze getroffen
Mit insgesamt 29 aktiven „Mannen“ (darunter 3 Frauen) trainiert hier eine ganz spezielle Sparte des Mittelangelner Schützenvereins ihre Muskelkraft und Treffsicherheit: die Bogenschützen, die trotz moderner Alu-Pfeile und Kunststoffsehnen einen guten Schuss archaisch-ursprünglichen Kampfgeist ausstrahlen.
Mit unerschütterlicher Konzentration spannen die beiden ihre fast mannsgroßen Bögen – und landen, über eine Entfernung von über 60 m, einen Volltreffer nach dem anderen. Doch keine Angst, hier geht es nur Reh- und Wildschwein-Silhouetten, Bällen oder Styropor-Objekten mit Zielscheiben an den Kragen!
„40 % des Anfängertrainings macht sowieso die Suche nach verschossenen Pfeilen aus“, lacht Thorsten Büttner. Denn die können sich so tief in den Wiesenboden eingraben, dass nur noch die Befiederung am Ende zu sehen ist. Gute Pfeile sind wertvoll und noch wichtiger für die Treffer als der Bogen. Trotzdem gilt, so Reinhard Erichsen, die Faustregel: „Suche einen Pfeil nur so lange, wie du gebraucht hast, um ihn zu bauen.“
Alles in Handarbeit
Und damit sind wir bei einer weiteren Besonderheit der Satruper Bogenschützen angelangt: Sie zielen nicht nur, sondern sie stellen ihre Ausrüstung auch eigenhändig her.
Den schlanken, schlichten Holzbogen, den Reinhard Erichsen für uns spannt, hat er sich in über 10 Stunden Arbeit aus Ulmenholz selbst in einem Stück erschnitzt. „Das ist leicht“, witzelt Erichsen. „Man nimmt einfach einen Baum und eine Axt und schlägt alles weg, was nicht wie ein Bogen aussieht!“
Wer wissen will, wie viele Feinheiten beim traditionellen Bogenbau tatsächlich zu bedenken sind, kann dies in der Bauanleitung unter www.bogenschiessen.de (Stichwort: „Equipment“) im Internet ausführlich nachlesen.
Bögen wie Erichsens wurden schon in der Steinzeit verwendet. „Seine Schubkraft von rund 50 Pfund reicht völlig aus, um einen Auerochsen zu erlegen“, erfahren wir.
Thorsten Büttner dagegen hält ein etwas komplizierter aus-sehendes Modell in der Hand, das die Pfeile bis zu 400 m weit durch die Luft schnellen lässt. Ihm geht es nicht um den möglichst authentischen Nachbau historischer Bögen, sondern um eine Verbesserung und Weiterführung des Langbogens (American Flatbow). Und das nicht nur für den Hausgebrauch. Seit dreieinhalb Jahren ist Büttner als professioneller Bogner aktiv, der seinen Kunden ihr Zielwerkzeug auf den Zehntelmillimeter genau auf den Leib schneidert. „Ein Millimeter zu dick – und der Bogen lässt sich nicht mehr spannen“, verrät uns der Bogenbauer.
Ein Langbogen entsteht
In Thorsten Büttners Werkstatt haben wir in allen Einzelheiten vor Augen, woraus seine Bögen bestehen: Den Mittelpunkt bildet ein rund 55 cm langes, schichtverleimtes Griffstück, das in der Mitte ca. 4 cm dick, an den beiden Enden aber hauchdünn wie Papier ist. Dann folgen ein Bambuskern, eine Karbonschicht, das Zielfurnier, das für die interessante, lebhafte Optik der Bögen sorgt, und außen schließlich eine Schicht aus transparentem Fiberglas. All diese Schichten werden mit Epoxid-Harz miteinander verleimt und in eine Form gespannt, die Büttner selbst für verschiedene Bogentypen ausgetüftelt hat. In dieser Form wird der Bogen dann unter einem Druck von 7 bar bei 70 °C 7 Stunden „gebacken“, wie der Profi es nennt. Vor der Fertigstellung des Bogens werden Gewicht, Schubkraft und Druckpunkt individuell an den späteren Benutzer angepasst. Ganz wie beim Instrumentenbau verlangt die Arbeit viel Gefühl und Präzision.
Jagdinstinkt und Sportsgeist
Dass sie den Bogen wirklich raus haben, das beweisen Thorsten Büttner und Reinhard Erichsen nicht nur im „Satrup Forest“. Mehrmals im Jahr treten sie auch zu Turnieren an. Und dort wird nicht nur auf Ringscheiben gezielt! Bei den so genannten 3-D-Turnieren, wie sie u. a. in Segeberg oder Kellinghusen veranstaltet werden, geht es fast wie bei einer wirklichen Jagd zu: Mitten im Wald sehen sich die Schützen an vorher unbekannten Stellen mit lebensgroßen Schaumstofftieren konfrontiert, die sie dann „erlegen“ müssen. Durch Astgabeln hindurch und Hänge hinauf, stehend, kniend oder liegend gilt es, die „Beute“ möglichst genau an den Zielpunkten zu treffen, die Herz und Lunge markieren.
28 verschiedene Ziele gehören zu einem typischen Parcours. „Sich immer wieder einige Minuten lang völlig auf einen Punkt zu konzentrieren und sich ansonsten in schöner Landschaft zu amüsieren – das gefällt mir so gut am Bogensport“, schwärmt Thorsten Büttner, der bereits seit 25 Jahren die Pfeile schwirren lässt. Auf den 3-D-Turnieren sind Bogenschützen der verschiedensten Kaliber vertreten, unter ihnen auch solche mit hochmodernen Compoundbögen mit Flaschenzug und Zielvisier.
Reisen in die Vergangenheit
Von archaischen Steinzeitwaffen bis zum ausgeklügelten High Tech spannt sich in Schützenkreisen also wirklich ein weiter Bogen. Jeder ganz so, wie er mag, lautet die Devise. Doch auf manchen Turnieren geht es auch recht streng und puristisch zu. „Bei den Dänischen Meisterschaften in Ribe zum Beispiel ist nur eine Ausrüstung zugelassen, wie es sie zu Zeiten der Wikinger tatsächlich gegeben hat“, berichtet Reinhard Erichsen.
Das beginnt mit einer stilechten Kleidung der Schützen und reicht bis in die Befiederung der Pfeile hinein, die nur von einheimischen Vogelarten stammen darf. Entsprechend kommt natürlich auch das Holz der Bögen nur von nordeuropäischen Bäumen, und die Sehnen sind selbstverständlich nicht aus Kunststoff, sondern aus Leinen oder Hanf.
Auf dem „Bogenturnier der Zeitreisenden“ dagegen, das alljährlich im Juli in Albersdorf bei Heide stattfindet, treten die Schützen jeweils in der Kluft der Zeit an, aus der ihr Bogen stammt: Indianer treffen auf Mongolen, Urzeitmenschen auf mittelalterliche Recken und Reckinnen – und der ein oder andere Robin Hood ist hier natürlich ebenfalls mit von der Partie!mimu








