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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Zum Abfischen freigegeben

Der Karpfenzuchtbetrieb Göttsch in Muxall bei Kiel

Für Gerhard Göttsch, der den teichwirtschaftlichen Familienbetrieb bereits in vierter Generation leitet, stand seit frühester Kindheit fest, die Göttsch’sche Tradition einmal fortzuführen. „Leben und arbeiten mit Tier und Natur, das ist herrlich“, so der Meister selbst. „Und da wächst man einfach rein. Doch ob das bei unseren Kindern auch so sein wird, muss man abwarten!“

Denn die fünfte Generation ist schon da und beobachtet das lebhafte Treiben ganz entspannt vom Kinderwagen aus. Freunde, Verwandte und Nachbarn haben sich versammelt, sind in olivgrüne Wathosen geschlüpft und machen sich bereit für den diesjährigen Ernteabschluss: das Abfischen des letzten Karpfenteiches.

Kassekarpfen – Klassekarpfen

… so das Motto der Teichwirtschaft Göttsch in Muxall bei Kiel. Zum Grundstück zählen die sieben Kasseteiche, insgesamt 80 ha Wasserfläche inmitten idyllischer Waldlandschaft. Einst waren es sogar 200 ha, doch der Großteil musste schon vor langer Zeit der Landwirtschaft Platz machen. Bereits im Mittelalter hatten Mönche des Klosters Preetz das fließende Gewässer in eine Teichlandschaft umgewandelt und sich somit eine vielseitige Grundlage für den Speiseplan während der Fastenzeit geschaffen: Cyprinus Carpio oder schlicht „Karpfen“! Vom Erfindungsgeist der Mönche profitieren heute wir „Leckermäuler“ und nicht zuletzt die Fischereibetriebe der Region. Gerade die Karpfenwirtschaft in Schleswig-Holstein hat eine lange Tradition, die sich bis zurück ins 12. Jahrhundert belegen lässt. Heute gibt es im hohen Norden noch 25 Betriebe, davon 11 in hauptberuflicher Tätigkeit.

Urgroßvater Göttsch pachtete das Gut im Kreis Plön vor über 100 Jahren und bewirtschaftete es mehr als ein halbes Jahrhundert selbst. Durch Einschieben von Zwischendämmen teilte er dann den Teich in die sieben „Himmelsteiche“ (sie werden von Regenwasser gespeist), um die Bewirtschaftung zu erleichtern: Das Trennen nach Altersklassen und Fischarten vereinfacht sowohl Zucht als auch Ernte und ermöglicht die optimierte Nutzung der vielfältigen Nahrung innerhalb der mit Mischkulturen versehenen Teiche.

Da geht so mancher dicke Fisch ins Netz

Die Ernte beginnt mit dem Ablassen des größten Teiches (35 ha) Anfang September und dem ersten Abfischen Anfang Oktober, dann Teich für Teich fortgesetzt, da der größte durch alle anderen hindurch abfließt. Mitte November erfolgt das letzte Abfischen am „Brammerteich“ (20 ha). Den obligatorischen Startschuss feuert die Warnschussanlage ab, natürlich in erster Linie, um die gefräßigen Kormorane zu verscheuchen, denn „kormoransicher“ ist der Karpfen erst ab einem Gewicht von mindestens 700 g. Doch für diese Saison rechnet man ohnehin mit besonders dicken Fischen, „viersömmrig“, bis zu 3 kg schwer, mit gut ausgebildeter Rückenpartie und festem Fleisch.

Nach Absenken des Wasserspiegels spannen die 20–30 Helfer ein Netz und bilden einen Kreis um den Schwarm. (Wie es der Zufall will, stellt sich dabei ausgerechnet die Wathose unseres Fotografen als undicht heraus …) Fisch für Fisch wird aus dem schlammigen Restwasser gekäschert – an diesem Tag ca. 3 Tonnen, also über 1000 Karpfen, Schleien und Barsche –, mit Bottichen in Frischwassertanks gefüllt und per Traktor zum Hof transportiert. Dort werden sie per Hand sortiert und als „Freischwimmer“ in spezielle Hälterteiche sozusagen „umgetopft“. Hier bleiben sie mindestens eine Woche, bis der Schlamm aus Kiemen und Darm vollständig herausgespült ist. Die Tiere halten hier eine Art Winterruhe, denn je kälter die Temperatur, desto sauerstoffreicher das Wasser und desto ruhiger der Fisch.

Das Abfischen ist Schwerstarbeit, aber die Stimmung ist heiter: Es wird gescherzt, „Platt geschnackt“, es gibt belegte Brötchen und heißen Kaffee, und alle freuen sich auf die deftige Erbsensuppe, die nach getaner Arbeit in geselliger Runde serviert wird.

Der Jüngste der freiwilligen Helfer ist derzeit Christoph Gorecki (12): „Ich komme gerne hierher“, verrät er uns, „und ich kann mir gut vorstellen, später mal einen ähnlichen Beruf zu haben.“ Schließlich war schon sein Vater damals als 14-jähriger „Buttscher“ bei der Karpfenernte mit dabei.
Auch Nachbar Jochen Stelk möchte dieses Schauspiel keinesfalls verpassen: „Ich bin mit Vater Göttsch zusammen aufgewachsen und habe hier jedes Jahr zur Ernte mit angepackt. Heute lasse ich lieber Jüngeren den Vortritt und gucke mir das Spektakel vom Ufer aus an.“

Hier zählt Qualität vor Masse

Die Produkte der Teichwirtschaft Göttsch sind prämiert mit dem Gütezeichen „Hergestellt und geprüft in Schleswig-Holstein“ – und das schmeckt man auch. Kenner wissen: Die geringe Beifütterung von Getreide und das intakte Ökosystem bieten optimale Bedingungen für festes Fischfleisch mit geringem Wasseranteil und wenig Fett. Das einzige Fett also, das an einem echten Holsteiner Spiegelkarpfen dran ist, steckt garantiert in der Sauce, nicht aber im Fisch!

Während der Großhandel hauptsächlich auf Importware zurückgreift (das ist zwar günstiger, geht aber zu Lasten der Qualität), bietet die Firma Göttsch ihre Ware fast ausschließlich über Direktvermarktung im Hofladen an. Lediglich 15 % gehen in die Gastronomie. Der Kunde kann das passende Exemplar aus dem Becken auswählen. Auf Wunsch wird dann direkt im Verkaufsraum geschlachtet und ausgenommen, ganz, in Scheiben oder filetiert zubereitet. Und der Meister versteht sein Handwerk! Mit wenigen gezielten Schnitten zerteilt Gerhard Göttsch sogar die karpfentypischen Y-Gräten derart fein, dass sie bedenkenlos mitverzehrt werden können.

Wer weitere Infos über den Frischfischverkauf der Teichwirtschaft Göttsch haben möchte, ruft am besten an

Teichwirtschaft Göttsch
24253 Muxall
Telefon: (0 43 48) 3 79

Na dann, guten Appetit!

tide

Foto: Henrik Matzen