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Wenn der Körper spricht ...
Ballett Kiel
Die Kieler Tanzcompagnie unter der Leitung von Mario Schröder präsentiert herausragendes Ballett abseits der Metropolen – und jenseits der Normen.
Nichts ist so unsäglich, so un-sagbar wie der nahende Tod – und nichts verlangt zugleich so sehr nach einem Aufschrei im Angesicht seines Kommens. Mit „Versunken in Blue“, einer Hommage an Uwe Scholz, den früh verstorbenen Chefchoreograf der Oper Leipzig und einstigen Mentor Mario Schröders, bringt das Ballett Kiel 2005 die Einsamkeit des Individuums am Ende seines Lebens in gleichsam stillen wie intensiven Bildern zur Gestalt. Und einmal mehr quittiert das Publikum die alles andere als gefällige Aufführung mit frenetischem Applaus.
Die Adaption des experimentellen Films „Blue“ von Derek Jarman ist ein szenisches Glanzlicht unter vielen, mit denen Mario Schröder seit der Spielzeit 2001/2002 als Ballettdirektor und Chefchoreograf in der nördlichen Landeshauptstadt Furore macht.
Die Bearbeitung antiker Motive findet sich in seinem Repertoire ebenso wieder wie die Auseinandersetzung mit zeitnahen Vorlagen und Stoffen, seien sie literarisch („Das Schloss“) oder biografisch („Jim Morrison – König der Eidechsen“) orientiert. Ein verbindendes Thema? Vielleicht dies: Die Vereinzelung in einer anonym gewordenen Gesellschaft, der das Subjekt seine Vision von Leben und Schönheit entgegenstellt – oder in der es, von der Realität gebrochen, untergeht.
„Tanzen? Das ist wie Charlie Chaplin.“
„Kunst muss authentisch sein“, sagt Mario Schröder – und sein ernster Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel daran, dass er es auch so meint –, denn: „Theater darf niemals in Konkurrenz treten mit den kommerziellen Medien – es muss ein Spiegel bleiben, in dem sich der Zuschauer wiedererkennt und kritisch hinterfragt.“
Die Bereitschaft zum Unbequemen zeigt sich auch in seinem Werdegang. Inspiriert von der Mutter, die ihm das Ballett mit der Magie Chaplins schmackhaft macht, lässt er sich ab dem 10. Lebensjahr in der berühmten „Palucca Schule Dresden“ zum Tänzer ausbilden. Den wochenweisen Verbleib in einem Internat nimmt er in Kauf. Noch anstrengender gestaltet sich der Alltag, als er 8 Jahre später zwischen Dresden und Berlin zu pendeln beginnt, wo er an der „Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch“ zusätzlich die Kunst der Choreografie erlernt.
Auf beiden Feldern hinterlässt er Spuren. Als Solotänzer an der Leipziger Bühne, der er 16 Jahre die Treue hält und die ihm Gastspiele an Häusern in aller Welt möglich macht. Und als Schöpfer beachtlicher Choreografien, für die er zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhält. Und nun also, nach 2-jähriger Station in Würzburg, die „Kühle“ des Nordens? Nein, als reserviert erlebe er das Publikum hier wahrlich nicht: „Die Zuschauer sind erstaunlich offen.“
In Klausur
So unterschiedlich Themen und Befindlichkeiten der Figuren auch ausfallen, von der Annäherung an den Stoff bis zur Umsetzung auf der Bühne folgt Mario Schröder einem mehr oder weniger strikten Plan. An die Ideenfindung („
oft findet der Stoff mich“) schließt sich eine intensive Auseinandersetzung mit der literarischen Vorlage oder dem ausgewählten Sujet an. Im Diskurs mit Bühnenbildner und Dramaturg wird der Stoff im besten Sinn zerpflückt und die Essenz herausgearbeitet. Dieser Prozess treibt auch die gedankliche Entwicklung der Bühnengestaltung voran: Skizzen entstehen, werden verworfen – am Ende präsentiert der Bühnenbildner eine dreidimensionale Miniatur, das sogenannte Puppenhaus.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt geht Mario Schröder mit einem klaren Bewegungsablauf im Kopf auf seine Compagnie zu. „Ich bin bewegungstechnisch und inhaltlich vorbereitet, wenn die Proben beginnen“, sagt er – und räumt aus eigener Erfahrung ein, dass die Choreografie auch ganz andere Herangehensweisen kennt. Gerät der Tänzer so nicht zum bloßen Instrument? „Keinesfalls. Es ist vielmehr wie in einem Tennismatch: Man schlägt den Ball auf und der Ball kommt zurück – nicht irgendwo, irgendwie, sondern gezielt.“ Das Zusammenspiel kreativer Impulse zwischen Choreograf und Tänzer ist Mario Schröder also nicht fremd – solange eines gilt: gegenseitiges Vertrauen und keine Kompromisse.
Keine Kompromisse kennt auch der Tages-ablauf des Tänzers. Gestartet wird um 10 Uhr mit klassischen Übungen. Gegen 11.30 Uhr folgt eine kurze Pause, an die sich bis 14 Uhr Proben anschließen. Nach einer längeren Ruhephase wird weitergeprobt, von 18 bis 22 Uhr. Und was wird geübt? Mitunter Szenen aus drei unterschiedlichen Aufführungen an einem Tag. Immerhin bringt das Ballett Kiel pro Spielzeit fünf Premieren sowie mehrere Wiederaufnahmen auf die Bühne – ein Novum bundesweit.
Musik – viel mehr als nur ein Taktgeber
Ein Ballett ganz ohne musikalische Begleitung? Für Mario Schröder ist auch das tanzbar – eigene Choreografien wie solche seiner Ensemblemitglieder belegen dies. Denn sperrt man die Musik aus, offenbart der tanzende Körper seine eigene Musikalität: mit seinen Schritten, seinem Atem, ja selbst mit der Stille im Moment seiner Bewegungslosigkeit.
Die Regel aber hört sich anders an. Die Inspiration durch ein Musikstück ist dem Choreografen ebenso geläufig wie die Beauftragung einer Komposition. Und wie verhält es sich mit der szenischen Einbindung von Musikern? Eine mögliche Antwort bietet die Inszenierung „Guten Morgen, du Schöne – du mein Leben“, worin Mario Schröder die Avantgarde-Formation „Von Magnet“ mit Phil Von darstellend integriert.
Heißt das, alles ist möglich? „Vielleicht nicht alles. Aber wichtig ist das Ziel. Und natürlich der Entschluss, dieses Ziel auch zu erreichen. Mit allem, was Körper und Geist bereit sind zu geben. Wer weniger will, ist für das Ballett nicht berufen.“
Er ist es zweifellos – und ebenso seine erstklassige Compagnie.
Premieren Winter/Frühjahr in Kiel
DansArt 15. Februar 2008
Mörderballaden 5. April 2008
Exklusiv: Kinder-Tanzfestival
20. – 25. Mai 2008
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