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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Weiße Nächte in der Stadt der Zaren, Künstler und Revolten

Sankt Petersburg: eine noch junge Stadt mit kulturellem und historischem Gewicht.

In Nordwestrussland, an der Mündung der Newa und am Ostende des Finnischen Meerbusens, liegt sie, die nördlichste Millionenstadt der Welt und stolze Schönheit, die trotz ihrer Jugend Spuren eines bewegten Lebens trägt.

Die Geschichten, die St. Petersburg zu erzählen weiß, sind fesselnd, magisch und auch oft traurig. Dem Gründungsmythos nach soll der weitsichtige Zar Peter der Große beim ersten Anblick der vormals kargen Sumpflandschaft diesen Ort zum künftigen Herzstück seines Reiches auserkoren haben. Es entstand eine »Hauptstadt aus dem Nichts«. Oder, wie der Dichter Pushkin in seinem Gedicht »Der eherne Reiter« (1834) dem Zaren in den Mund legt:

        Hier werde eine Stadt am Meer
        Zu Schutz und Trutz vor Feind und Fehden
        Hier hatte die Natur im Sinn        
        Ein Fenster nach Europa hin
        Ich brech es in des Reiches Feste;
        Froh werden alle Flaggen wehn
        Auf diesen Fluten nie gesehn
        Uns bringend fremdländische Gäste.


Errichtet auf Skeletten

Das Newa-Ufer war zwar schon Jahrhunderte zuvor Teil einer Kulturlandschaft, um die Schweden und Novgorod erbittert stritten, doch erst unter Peter I. entstand eine der größten Städte Europas. Die äußeren Bedingungen waren alles andere als günstig, aber die Position für einen dem Westen zugewandten Seehafen mit Anschluss an das binnenrussische Flusssystem umso geeigneter. Der Zar wollte Russland modernisieren, und zwar um jeden Preis. Tausende Leibeigene ließ er als Bauarbeiter zwangsrekrutieren. Sumpffieber, Hunger und Entkräftung raffte die Männer scharenweise dahin. Die Stadt, an die Moskau zumindest vorübergehend den Titel «Hauptstadt« abtreten musste, wurde auf herbeigeschafften Steinen und Pfählen im Boden, jedoch dem Volksmund nach »auf Skeletten« errichtet.

1703 legte Peter der Große (er maß übrigens 2,04 Meter, aber das hat mit seinem Namen so wenig zu tun, wie der Name der Stadt mit seiner Person) den Grundstein für Sankt-Pieterburch. Kurz darauf erfuhr die Stadt den ersten Namenswechsel vom Holländischen ins Deutsche: Sankt Petersburg, nach dem Schutzheiligen des Zaren »Apostel Simon Petrus«. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges nannte sie sich Petrograd (Peterstadt), ab Lenins Tod 1924 Leningrad, denn dort, so die offizielle Begründung, fiel im wahrsten Sinne des Wortes der Startschuss für die Oktoberrevolution. Im Grunde aber symbolisierte die Umbenennung den Wechsel des sozialen und politischen Systems, war St. Petersburg doch die einstige Vorzeigestadt des zaristischen Russlands.

Nichtsdestotrotz ergab eine Volksabstimmung vor 18 Jahren eine knappe Mehrheit für die Rückkehr zum alten Namen. Einheimische verwenden ohnehin meist den Kosenamen: Piter!


Venedig des Nordens


Die eine Gesichtshälfte zeigt Narben bedeutungsvoller Revolten und des Zweiten Weltkriegs, als die Deutschen die Stadt 900 Tage belagerten und von jeglicher Versorgung abschnitten. Die andere aber strahlt vor Schönheit. Denn die besten Handwerker und Ingenieure aus Europa, bedeutende Künstler und Architekten folgten dem Ruf der großen Herrscher Russlands und machten aus St. Petersburg ein Weltzentrum der Literatur, Musik und Theaterbühnen vor der Kulisse prachtvoller Baukunstwerke.

Mit ihren 42 Inseln und zahlreichen Kanälen ist die Stadt als solche eine Sehenswürdigkeit. Zu ihren Wahrzeichen zählen die Peter-Paul-Festung (samt Kathedrale, altem Gefängnis und letzter Ruhestätte der Zaren), die Isaakskathedrale (drittgrößter Kuppelbau der Welt) und die goldene Spitze der Admiralität. Ab hier erstrecken sich drei Prachtstraßen, unter anderem die Flaniermeile Nevskij Prospekt. Sie endet nach fünf Kilometern am Aleksandr-Nevskij-Kloster, auf dessen Friedhof namhafte Künstler wie Dostoevskij, Tschaikovskij und Rimskij-Korsakov beigesetzt sind.

Eine der wenigen Stellen, die an das altrussisch geprägte Moskau erinnern, ist die Christi-Auferstehungskirche, die zur vorletzten Jahrhundertwende an jenem Platz errichtet wurde, an dem Zar Alexander II. einem Attentat zum Opfer fiel. Den blutbespritzen Pflasterstein schützt ein Baldachin aus Halbedelsteinen. Die Detailverliebtheit und Farbenpracht des Bauwerks finden sich wieder in der Vielfalt typisch russischer Souvenirs auf dem kleinen Markt direkt vor der Kirche.


Laut UNESCO unter den touristischen Top Ten

Der Mojka-Kanal schlängelt sich kurvenreich durch die Stadt und führt den Besucher zum Palast der Jussupovs, einer der damals reichsten Familien Russlands, der neben Kunstschätzen und Barocktheater auch eine Ausstellung bietet, welche mittels Wachsfiguren die Ermordung des Wunderheilers Rasputin nachstellt.

Von den gut 250 Museen der Stadt ist die Eremitage das meistbesuchte und international wichtigste. In fünf Bauten präsentiert sie bildende Kunst von da Vinci über Rembrandt bis Picasso und die weltweit größte Juwelensammlung. Der Hauptteil befindet sich im Winterpalast.

Das Sommerpendant der vergangenen Zarenzeit befindet sich in Zarskoe Zelo (Zarendorf) im nahe gelegenen Städtchen Pushkin. Ein Ausflug dorthin lohnt sich allein wegen des Bernsteinzimmers, das dem im Krieg geraubten Original bis ins kleinste Detail nachempfunden ist.

Besonders reizvoll ist ein Piter-Spaziergang während der »Weißen Nächte“. Aufgrund der besonderen geographischen Lage wird die Stadt zur Zeit der Sommersonnenwende nachts nicht vollständig dunkel, sondern schimmert in einem eigentümlichen rosa Licht. Viele Reiseveranstalter bieten zum Kunstfestival »Weiße Nächte« Sonderreisen an. Davaj, davaj – worauf warten Sie noch?

tide

Literaturtipp:
Nikolaus und Alexandra – Eine Liebe für die Ewigkeit (Andrei Maylunas/Sergei Mironenko, TB Lübbe Verlag) erzählt die Geschichte der Familie Romanov, des letzten Zaren Nikolaus II., dessen deutscher Frau und ihren fünf Kindern.

Die mit Mosaiken reich geschmückte Christi-Auferstehungskirche im altrussischen Stil.
Der Winterpalast, der heute die Eremitage beherbergt, ist das wohl berühmteste Gebäude der Stadt.
Die Isaakskathedrale gehört zu den prachtvollsten Bauwerken des 19. Jahrhunderts. An der Decke sind Gemälde von Brüllow und Bruni zu bewundern.
Peterhof, das »russische Versailles«, das Peter I. seit 1714 erbauen ließ, diente den Zaren als Sommerresidenz.
Fotos: Shutterstock(5)