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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Viele Bilder von einem Mann

Gisbert Jungermann – Architekturillustrator

Dieser Auftrag versprach, auf besondere Weise interessant zu werden. Das Berufsbild des Architekturillustrators sollte es also sein. Gewissenhaft nahm ich die Recherche auf, doch meine Quellen ließen mich diesmal kläglich im Stich. Zwar konnte ich mir die Arbeit eines Illustrators ausmalen, und auch die Vorstellung eines Architekten mit seinen vielen zusammengerollten Grundrisszeichnungen unter dem Arm tauchte unvermittelt vor meinem inneren Auge auf. Doch fügte man beides zusammen, ergab sich ein nur wenig aufschlussreiches Bild. Jemand, der womöglich das Haus vom Nikolaus fehlerfrei in mehreren Varianten zeichnen kann?

Wohl kaum. Mit meinen unausgereiften Vorstellungen aufräumen konnte nur ein Architekturillustrator selbst. Gisbert Jungermann aus Dänischenhagen bei Kiel war genau der richtige Ansprechpartner dafür.

Berufung im zweiten Anlauf

Der dreifache Familienvater, der seit dreißig Jahren verheiratet ist, kam erst auf Umwegen zur Architektur. Zunächst brachte der gebürtige Sauerländer in seiner Heimat eine Ausbildung zum Fernmeldetechniker erfolgreich zum Abschluss. Anschließend verdingte er sich einige Jahre in diesem Metier, sein großes berufliches Glück allerdings hatte er noch nicht gefunden. Er entschied sich, den zweiten Bildungsweg einzuschlagen, und holte die Fachhochschulreife nach. Daraufhin studierte er Architektur in Kiel. Hier blieb er hängen und begab sich nach Erwerb seines Examens 1980 auf Jobsuche. Fündig wurde er bei dem Kieler Architekturbüro Dr. Hansen. Schon früh zeichneten sich die Präferenzen des frisch Studierten ab. Sein Hauptaugenmerk galt nicht den eigentlichen Bauplanungen, sondern vielmehr den Skizzen und Zeichnungen, die der Visualisierung selbiger dienten. Ein Talent, das nicht im Verborgenen blieb! Mit der Zeit standen immer mehr Kollegen Schlange, ob er so etwas nicht auch für sie machen könne.

Wer zuerst kommt, malt zuerst …

In den 80er-Jahren trieb ihn eine wirtschaftliche Flaute kurzzeitig in die Arbeitslosigkeit. Glücklicherweise hatten sich seine Fähigkeiten unter Bauplanern und in den entsprechenden Kreisen bereits rumgesprochen, wichtige Kontakte waren im Laufe der Arbeitsjahre geknüpft worden. Lieferte er anfangs ausschließlich Bauzeichnungen für ehemalige Kollegen, häuften sich die Aufträge zusehends. Natürlich hatte er diesen Beruf nicht erfunden. Aber er verfügte über eine Qualifikation, die dem Architekten weniger und weniger abverlangt wurde, dennoch wesentlich fürs Geschäft blieb. Dank dieser Spezialisierung fand er seine Nische im Markt, denn Architekturillustratoren waren rar gesät.

Zurück in die Gegenwart

Die Modernisierung hat vor dem Pinselstrich nicht Halt gemacht. Mittlerweile gehören 3-D-Konstruktionsprogramme und Photoshop zu den Arbeitswerkzeugen des Routiniers, die ihm ein flexibles Gestalten ermöglichen. Was nicht heißt, dass er sich ausschließlich auf seinen Mac verlässt, um leere Bilder mit Leben zu füllen. Sich vorzustellen, wie unbebautes Terrain oder zu modernisierende Objekte am Ende der Bauphase aussehen, ist keine Gabe, mit der sich ein Computer schmücken könnte. Größten Wert legt er auf Funktionalität, welches sich auch in seiner Arbeitsphilosophie ausdrückt. Seine Arbeit versteht er in erster Linie als Handwerk, untergeordnet als Kunst. Er hat dann einen guten Job gemacht, wenn die Investoren investieren oder die Behörden einen Bau bewilligen. Der schönste Aspekt seiner Arbeit sei es demzufolge, wenn umgesetzte Bauprojekte nahezu 1 : 1 mit den Entwürfen übereinstimmten. So wie der neue Bootshafen oder das Norwegen-Terminal in Kiel. Nicht aus Eitelkeit, sondern als Beleg dafür, den richtigen Nerv getroffen zu haben.

Die Feder führend, aber nicht federführend

Unverändert zählen Städte, Länder und Kommunen, Architekturbüros und Werbeagenturen zu seinem Kundenstamm. Einmal wöchentlich vermittelt er angehenden Industriedesignern der Muthesius Kunsthochschule Kiel eine Einführung in die Darstellungstechniken. Jungermann ist gefragter denn je.

Unsäglicherweise hat sich auch das falsch verstandene Bild seiner Arbeit bis in die Gegenwart gerettet. So unterlag auch ich dem Irrtum, die auf seiner Website www.architekturillustrationen.de veröffentlichten Zeichnungen wären Projekte, für die er verantwortlich zeichnet. Was gewissermaßen auch richtig ist, nur anders. Beruhigt nehme ich zur Kenntnis, dass ich damit nicht allein stehe. Immer wieder loben Freunde und Bekannte „seine“ Projekte. Beharrlich versucht er diese darauf hinzuweisen, dass er zumeist nach präzisen Vorgaben und Grundrisszeichnungen arbeitet, eher also Ideen umsetzt.  Auch wenn er als studierter Architekt früh in den Arbeitsprozess einsteigt, da er Baupläne und Grundrisszeichnungen lesen und gegebenenfalls Einwände und Empfehlungen aussprechen kann. Um den Sachverhalt zu veranschaulichen, führt er gern die Parallele zum Ghostwriter an. Mit dem Unterschied, dass er eben ein Ghostdrawer sei.

Die Presse unter Druck

Selbiges Fairplay erhofft sich Jungermann auch von der Presse. In der Vergangenheit kam es zu Spannungen, wenn Journalisten seine Entwürfe als die des Architekten ausgelegt hatten. Ein gewisses Maß an Verständnis ist vorhanden, da sich oft fälschlicherweise der Eindruck aufzwingt, der Entwurf stamme auch tatsächlich von diesem. Nur der kleine Name rechts unten in der Ecke könnte bei genauerer Betrachtung stutzig machen. Jedenfalls appelliert der Urheber an so viel Berufsehre.

Manches Tageblatt hat sich Jungermann bereits gut erzogen. Gelegentlich ereilen ihn übervorsichtige Anrufe. Anrufe, in denen es darum geht, dass jemand ein Bild gesehen hat, und sich erkundigen wollte, ob es eventuell von ihm sein könne.

Aus-gezeichnet

Ab einem bestimmten Zeitpunkt tauscht Jungermann den Pinsel gegen ein Weinglas aus und die Umgebung seines Büros gegen einen Spaziergang oder eine Radtour mit seiner Frau. Ganz ohne „malerisches Privatleben“ geht es aber auch nicht. So entwarf Jungermann sein Haus selbst. Und kürzlich, während des letzten Toskana-Urlaubs, bediente er sämtliche Künstler-Klischees. Skizzenpapier, Kuli und Farbdosen stets im Anschlag, bereit, an jeder Straßenecke loszulegen. Zum Abschied bedanke ich mich für das Gespräch. Mit dem Gefühl, Eindrücke einer Arbeitswelt so vermittelt bekommen zu haben, wie man es gewohnt ist, von Jungermann Arbeiten zu erhalten: ausgezeichnet!

ath