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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Sprichwörtlich selbst verschuldet

Täglich liegen sie uns auf der Zunge: Redensarten für alle Lebenslagen. Doch wissen wir immer so genau, was wir da gerade sagen?

Was der alles auf dem Kerbholz hat – das geht auf keine Kuhhaut mehr!« In diesem Satz versteckt sich eine kleine Kulturgeschichte unseres Rechnens und Schreibens.

Wer »etwas auf dem Kerbholz hat«, der hat sich etwas zu Schulden kommen lassen. Doch während wir heute damit meist ein größeres oder kleineres Verbrechen meinen, waren früher die materiellen Schulden eines Menschen der Grund für die Kerben.

Steinzeitliche Strichlisten
Das Kerbholz war ursprünglich ein Brett oder Stock, in dem mit Strichen oder Symbolen all das eingeritzt wurde, was man von anderen bekommen, aber erst später bezahlen kann: beim Bäcker gekaufte Brote zum Beispiel, Tiere, die einem Hirten anvertraut wurden, erbrachte Arbeitsleistungen, Gewinne und Verluste beim Kartenspiel und vieles mehr. Um die Schulden bis zum Zahltag fälschungssicher festzuhalten, wurde der Holzstab nach dem Ritzen der Länge nach gespalten und der Gläubiger wie der Schuldner bekamen jeweils eine Hälfte davon.

In Zeiten wie dem Mittelalter, als kaum jemand schreiben oder rechnen konnte, waren solche Kerbhölzer für einen fairen Handel unerlässlich. Prähistorische Funde wie der zirka 20 000 Jahre alte Ishango-Knochen lassen jedoch vermuten, dass wir Menschen schon in der Altsteinzeit allerlei auf dem Kerbholz hatten.

Die Kuhhaut: das höllische Kerbholz
Wie viel Schuld(en) aber braucht es, bis jemand sagt: »Das sprengt den Rahmen! Das geht ja auf keine Kuhhaut mehr!«? Auch diese Redewendung verdanken wir dem Mittelalter. Damals schrieben die Menschen noch nicht auf Papier, sondern auf Pergament, das aus getrockneten und geglätteten Tierhäuten gewonnen wurde. Und da­rauf schrieb auch der Teufel persönlich.

Für jeden einzelnen Menschen legte er nach damaliger Vorstellung ein eigenes Stück Pergament an, auf dem er akribisch alle Sünden notierte, die dieser Mensch im Leben beging. Am Tag des Jüngsten Gerichts sollte auf dieser Grundlage dann entschieden werden, ob der Himmel oder die Hölle dessen Seele bekommt.

Bei echten Schwerenötern nun konnte hier durchaus so viel zusammenkommen, dass die Sündenliste des Teufels nicht einmal auf das größte bekannte Pergament, die Kuhhaut, passte – die sich immerhin über gut vier Quadratmeter erstreckt. mimu

Illustrationen: Gerrit Hansen