Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
Meine Gesundheitsapotheke
Rolling Stones oder Der Tanz der Geschlechter
Dreiteiliger Abend mit dem Ballett Kiel: Seppuku/Ten Poems/Rooster
Der international tätige Star-Choreograf Christopher Bruce ist an der Förde zu Gast. Einmal mehr bietet das Ballett Kiel damit unter der künstlerischen Leitung von Mario Schröder weltweit renommierte Tanzkunst. In der neuen Produktion vereinen sich die Handschriften von Mario Schröder und seinem Gast zu einem Ballettabend der Extraklasse.
Christopher Bruce entstammt einer langen Ballett- und Tanztradition. Er ist einer der führenden Choreografen der britischen Insel und in allen namhaften Häusern der Ballettwelt zuhause.
Es ist daher eine besondere Ehre, wenn der erfahrene Profi, dessen Tätigkeitsfeld sonst bei so klingenden Namen wie Royal Ballett London, English National Ballett, Houston Ballett, San Fransisco Ballet, Nederland Dans Theater und Cullberg Ballett liegt und der nur selten nach Deutschland kommt, die Einladung Schröders nach Kiel angenommen hat.
Rolling Stones meet Ballett
Was haben die Stones und Ballett gemeinsam? Nun, auf den ersten Blick recht wenig, umso spannender ist die Auseinandersetzung von Christopher Bruce mit der Musik der Sechziger als nostalgische Reminiszenz an seine Jugend. Er bringt gleich zwei Kreationen an der Förde zur Aufführung.
Sein Erfolgsstück »Rooster«, dessen Titel sich auf den Rolling Stones-Song »Little Red Rooster« bezieht, ist eine amüsante Auseinandersetzung mit dem Geschlechterkampf. Karikierend und mit ironischem Augenzwinkern beleuchtet Bruce die Mann-Frau-Klischees. Neben dem unbestrittenen Unterhaltungswert geht es ihm, unterstützt von der wilden Kraft der Rolling Stones-Musik, aber auch darum, auf einer subtilen Ebene hintergründig die Machtverhältnisse, die latente Aggressivität zwischen den Geschlechtern zu thematisieren.
Der Ritterschlag
»Ten Poems« heißt das neueste Werk von Bruce, welches er eigens für die Kieler Compagnie kreierte und das sich mit Gedichten des walisischen Dichters Dylan Thomas eine besondere literarische Inspirationsquelle suchte. Die von ihm verwendeten Gedichte werden in einer Aufnahme von Richard Burton eingesprochen und konterkarieren so in besonders emotionaler Weise dieses Kleinod an Dichtkunst. Eine Tanzdichtung – so könnte man dieses außergewöhnliche Werk bezeichnen, welches das Ballett Kiel besonders adelt, da Bruce das erste Mal seit Langem eine neue Kreation für eine deutsche Compagnie vorlegt.
Die Herausforderung
Neben diesen beiden herausragenden Stücken steuert der Kieler Ballettdirektor ebenfalls einen Teil des Abends bei. Und auch für Schröder ist dies etwas ganz Besonderes: War es doch Bruce, den er während einer Gastspieltour in den späten achtziger Jahren in San Francisco kennen lernte und der für ihn zum ausschlaggebenden Indikator wurde, selbst zu choreografieren.
Dieses erste Zusammentreffen sei für ihn prägend geworden, weil er plötzlich mit einer von ihm bewunderten Größe des Tanzes gemeinsam im Ballettsaal stand und neben Bewegungsfolgen und tänzerischem Können auch über Visionen und Inhalte von Stücken philosophieren konnte.
»Seppuku« – so Mario Schröders Titel, der dem Japanischen entlehnt wurde und sich auf die Endlichkeit alles Irdischen bezieht. Der Sinnsucher Schröder beschäftigt sich unter anderem mit Liebe als treibende Kraft und Essenz des Lebens und mit deren Vergänglichkeit. Als Musik zu seiner Choreographie wählte er unter anderem Liebeslieder von Robert Schuhmann.
Ein spannendes Stück Tanzkunst
Der Abend verspricht mehr als reine Tanztechnik und Schrittfolgen. Wer Lust hat, Ballett und Tanz abseits jeglicher Klischees kennen zu lernen, sollte sich dieses »Schmankerl« nicht entgehen lassen. In der Kombination sehr unterschiedlicher und doch eng miteinander verknüpfter Inhalte wird jedem etwas geboten: Musik von den Rolling Stones auf einer Theaterbühne; Gedichte von Dylan Thomas und – last but not least – Robert Schumanns Liebeslieder sind eine Mischung, die interessanter nicht sein kann.
T.H.





