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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Nah am Wasser gebaut.

Die Hansestadt Rostock bietet nicht nur Frachtern und Kreuzfahrtschiffen ein schönes Zuhause.

Stolz und mit ernster Miene blickt der Mann über den kleinen Park zu seinen Füßen, so als wollte er die flanierenden Menschen in der Einkaufsmeile zu etwas mehr Gleichschritt auffordern – immerhin war er zu Lebzeiten einmal Generalfeldmarschall. Die aber lassen sich davon nicht weiter beeindrucken.

Zum einen, weil der in Bronze gegossene Gebhard Leberecht von Blücher nicht mehr unter ihnen weilt, zum anderen, weil sein Standbild am Universitätsplatz das Ergebnis einer Zeitungsente war. Erst nachdem im frühen 19. Jahrhundert das Gerücht in Umlauf kam, die Rostocker würden ihm zu Ehren ein Denkmal setzen wollen, fühlte sich die Stadt bemüßigt, ein solches auch zu errichten.

Mit Zeitungsmeldungen sind die Bewohner der Hansestadt an der Warnow ohnehin bestens vertraut; und nicht immer sind sie nach ihrem Geschmack. Das betrifft vor allem die Berichterstattung über Ausschreitungen bei so manchem Heimspiel ihres geliebten Hansa Rostock. Natürlich sind die auch ihnen ein Dorn im Auge, doch wer ihren Verein und damit ihr Zuhause auf derlei reduziert, sollte sich einmal ein persönliches Bild von Rostock machen.

Rostock besitzt nicht nur an vielen Stellen den Charme einer mittelalterlichen Stadt – die zahlenmäßig größte Metropole Mecklenburg-Vorpommerns hat auch wirtschaftlich und kulturell einiges zu bieten.

Von der Hanse- zur Großstadt.
Eine Ansiedlung in direkter Nähe zum Meer wussten bereits die Slawen zu schätzen, als sie an der Unterwarnow sesshaft wurden und dort einen Handelsplatz errichteten. Doch erst dem Zuzug von Handwerkern aus den westlichen deutschen Regionen verdankte der Ort die Verleihung des Stadtrechts im Jahre 1218. Mit der Einbindung in die Deutsche Hanse avancierte Rostock schnell zu einem Knotenpunkt für Handelsschiffe, die hier ihre Waren an Kaufleute abtraten. Der Kauf des Fischerortes Warnemünde baute ihre Vormachtstellung weiter aus und ermöglichte der Stadt die Kontrolle der Seerouten vor ihren Toren.

Nach dem Niedergang der Hanse und dem Dreißigjährigen Krieg wurde es wieder stiller um den einst florierenden Standort, erst die Vorboten eines neuen, nunmehr globalen Krieges trieb die Industrialisierung Rostocks voran. Als Werftstadt bereits etabliert, investierte das Dritte Reich in den Ausbau der Rüstungsindustrie – mit der traurigen Folge, dass die Stadt unter dem Bombenhagel der Alliierten zu 40 Prozent zerstört wurde und nur noch knapp 70.000 Menschen in ihr lebten.

Der bald einsetzende Zustrom von Flüchtlingen aus dem Osten sowie der in den 50er-Jahren einsetzende wirtschaftliche Boom katapultierte Rostock aber schon bald wieder auf großstädtisches Niveau.

Aus Schutt macht alt.
Wer durch Rostocks City schlendert, könnte den Eindruck gewinnen, dass die angreifenden Fliegerstaffeln im Zweiten Weltkrieg einen Großteil ihrer zerstörerischen Last über dem Wasser abgeworfen haben – schließlich stößt der Besucher immer wieder auf alte, schmucke Häuser, die an weit zurückliegende Jahrhunderte erinnern.

Sieht man von den historisch erhaltenen Bauwerken ab, zu denen unter anderem weite Teile der Stadtmauer, die verbliebenen Stadttore, das Hauptgebäude der Universität, viele Kirchen, das siebentürmige Rathaus sowie das Kloster zum Heiligen Kreuz zählen, ist die attraktive Anmutung zahlreicher Fassaden tatsächlich engagierten Sanierungsmaßnahmen in den 80er- und 90er-Jahren zu verdanken.

Hin und wieder jedoch steht man auch authentischer Geschichte von Angesicht zu Angesicht gegenüber, wie etwa in der Wokrentenstraße, einer der mittelalterlichen Straßen, die hinunter zum Stadthafen führten.

Hier befindet sich ein Hausbaumhaus aus dem 14. Jahrhundert in spätgotischem Stil. Der sonderbare Name rührt von einer speziellen Architektur her, bei der die Statik einem sich immer weiter verzweigenden Baum abgeschaut ist. Tatsächlich bildet ein Eichenstamm im Keller das tragende Fundament. Mit jeder weiteren Etage verästelt sich das Gebälk mehr und verleiht auf diese Weise dem Gebäude den notwendigen Halt.
Viel Atmosphäre verströmt auch das Gebiet rund um die St. Petri-Kirche, wo sich der historische Stadtkern befindet. Mit viel Aufwand wurde hier zahlreichen Häusern ihr ursprüngliches Gesicht zurückgegeben, immer wieder auch unterbrochen von Kleinoden wie etwa einem schmalen Häuschen, dem sogar die Eingangstür fehlt.
Durchaus ungewöhnlich präsentiert sich auch die frühgotische Nikolaikirche in direkter Nachbarschaft.

Das Gotteshaus, dem über die Jahrhunderte durch Sturm und Krieg gleich mehrfach das Haupt gestutzt worden war, verfügt über großflächig in das Dach eingefasste Fenster. Dahinter verbergen sich Apartments für Kirchenmitarbeiter. Untrügliches Zeichen dafür ist auch die Klingelanlage neben der Kirchentür.

Hier spielt nicht nur die Musik.
Gern wäre Rostock Landeshauptstadt geworden, den Zuschlag erhielt dann aber Schwerin mit seinem für den Landtag präsentablen Schloss. Dass Kultur auch in der Stadt an der Warnow hoch im Kurs steht, belegt beispielsweise die Hochschule für Musik und Theater. Rund 500 Studenten aus 40 Nationen sind hier eingeschrieben und kein Geringerer als der Schauspieler und Maler Armin Mueller-Stahl gehört ihrem Hochschulrat an.
Ein anderer berühmter Sohn der Stadt ist der 2007 verstorbene Schriftsteller Walter Kempowski. Einem breiten Publikum wurde er in den 70er-Jahren durch die Verfilmungen seiner Romane »Tadelöser & Wolff« und »Ein Kapitel für sich« bekannt.

Ihm zu Gedenken beherbergt das Kloster zum Heiligen Kreuz das Kempowski-Archiv, worin der Besucher sich auch auf die Spurensuche für Kempowskis Hauptwerk »Das Echolot« begeben kann: ein zehnbändiges Werk, das zahlreiche autobiographische Notizen und Tagebücher von NS-Akteuren, aber eben auch einfachen Soldaten und Widerstandskämpfern versammelt.

So wird’s anschaulich.
Auch in puncto Wissenschaft und Wirtschaft kann sich Rostock sehen lassen. Da ist zum Beispiel die Universität, die als drittälteste Hochschule Deutschlands gilt. Gegründet 1419, ist sie heute mit zirka 5.000 Mitarbeitern größter Arbeitgeber der Stadt und zeichnet sich unter anderem durch ihr sehr breites Fächerspektrum aus.

Über 70 Studiengänge sind auf die neun Fakultäten aufgeteilt, an denen insgesamt 15.000 Studenten aus über 90 Nationen eingeschrieben sind.

Zudem fördert Rostock besonders den wissenschaftlichen Nachwuchs, angefangen bei den Geisteswissenschaften über die Naturwissenschaft bis zu den Ingenieur- und Lebenswissenschaften. Die vier Steinbeis-Transferzentren in den Bereichen Geoinformatik, Analytische Visualisierungstechniken, Strömungstechnik sowie Proteomanalyse stärken zusätzlich das gemeinsame Wirken von Wissenschaft und Wirtschaft.

Welche Folgen hat der demografische Wandel für die Gesellschaft? Was hat es mit dem Altern auf sich? Diesen und anderen Fragen gehen die 130 Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung auf den Grund.

Die 1996 gegründete Einrichtung zählt zu den international führenden Zentren für Bevölkerungswissenschaft. Geleitet wird es von den beiden renommierten amerikanischen Wissenschaftlern Joshua R. Goldstein und James W. Vaupel. Bei den zahlreichen Projekten werden unter anderem Themen wie Alterung und Geburtenverhalten oder die Verteilung der Arbeitszeit über die Lebensspanne untersucht.

Und natürlich ist da das Meer. Seit 2005 hat Rostock mit dem Institut für Ostseefischerei ein weiteres Forschungsfeld für sich erobert. Ziel ist es, eine wissenschaftliche Grundlage für die umweltfreundliche Fischerei zu schaffen und zur Nachhaltigkeit beizutragen, besonders in Hinsicht auf die gefährdeten Ostseebestände von Hering, Dorsch und Sprotte.

Mithilfe der Forschungsergebnisse können beispielsweise Fanghöchstmengen festgelegt werden, die eine nachhaltige Bewirtschaftung der Meeresressourcen garantieren. Aber auch andere Themengebiete wie die Reproduktionsbiologie bestimmter Fischarten und die Entwicklung spezieller Fangnetze, welche die Beifänge senken, stehen auf dem Programm.
Träumerei auf der »Bounty«.

Zum Publikumsmagneten wird Rostock alljährlich im Sommer im Rahmen der Hanse Sail, einer der größten maritimen Großveranstaltungen im Ostseeraum. Dann geben sich nicht nur Großsegler die Klinke in die Hand, sondern auch Millionen von Besuchern, die den Hotels und der Gastronomie eine hundertprozentige Auslastung bescheren.

Eine besondere Attraktion erlebte die Hanse Sail 2011, als der Nachbau der legendären »Bounty« im Rostocker Stadthafen vor Anker ging. Das Schiff, das durch die berühmte Verfilmung mit Marlon Brando Weltruhm erlangte, konnte an mehreren Tagen im August besichtigt werden. Dieser Einladung kamen die Besucher alles andere als meuternd nach …espa

Auf dem Warnemünder Fischmarkt kann man die Seele baumeln lassen.
Das Hauptgebäude der alten Universität.
Im Kerkhoffhaus befindet sich heute das Standesamt.
Ein Juwel der Backsteingotik: das Rathaus aus dem 13. Jahrhundert.
Während der »Festspiele Mecklenburg-Vorpommern« trumpft auch Rostock musikalisch auf.
Blick auf die Altstadt rund um die Marienkirche.