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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Mit allen Sinnen lernen

Die Phänomenta in Flensburg

Es ist kein Geheimnis, dass der hohe Norden mehr zu bieten hat als nur Fische, Raps, Kohl und Strand.
Auch im Bildungsbereich macht sich Schleswig-Holstein einen Namen, wie das Science-Center Phänomenta in der nördlichsten Stadt Deutschlands demonstriert.

Eigentlich nichts Neues?

„Lehre es mich und ich werde es vergessen. Zeige es mir und ich werde mich erinnern. Beteilige mich und ich werde es begreifen.“ So lautet ein altes Sprichwort, das dem chinesischen Denker Laotse (6. Jh. v. Chr.) zugeschrieben wird. So alt – und wahrscheinlich noch älter – ist die Erkenntnis, dass sich der Mensch Wissen durch eigene Aktivität am besten aneignen kann. Schon damals wurde erkannt, dass bloße Worte oder passive Konfrontationen mit Sachverhalten keinen langfristigen Lerneffekt erzielen können: Ein Mensch kann Dinge, mit denen er wortwörtlich selbst „nichts zu tun“ hat, nicht so gut verstehen wie Phänomene, die er sich mit allen seinen Sinnen selbst erschließt.

Auch spätere Denker oder Pädagogen wie Bacon, Comenius, Leibniz und Pestalozzi betonten die Bedeutung der wirklichkeitsnahen Lehre. Allerdings dauerte es noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, dass mit der Französischen Revolution überhaupt der Gedanke einer breiten Volksbildung in Europa, beispielsweise durch Museen, aufkam.

Frisch von der Uni

Obwohl die Bildung seitdem auf allen Ebenen rasante Entwicklungen erfahren hat, gibt es nur wenige Einrichtungen, die den aktiven Gedanken wirklich beherzigen. Erst seit den 1960er-Jahren entwickelten sich die so genannten Science-Center, die die Interaktion des Besuchers mit den Exponaten in den Vordergrund stellen. Zusammen mit Teilen des Deutschen Technikmuseums gehört die Phänomenta in Flensburg hierzulande zu den ersten Einrichtungen, die interaktiv gestaltete Experimente benutzen, um das Publikum an naturwissenschaftlich-technische Fragestellungen heranzuführen.

Die Phänomenta entstand ursprünglich am Institut für Physik und ihre Didaktik an der Universität Flensburg (ehem. Pädagogische Hochschule). Hier entwarf man seit den 80er-Jahren zunächst für den Eigenbedarf verschiedene Experimente, die den Lehrbetrieb anschaulicher machen sollten. Diese Sammlung erfreute sich bald großer Beliebtheit und nahm gleichzeitig immer mehr Platz ein, so dass eine Lösung außerhalb des Hochschulbetriebes gesucht werden musste.

Der eigens gegründete Verein bekam schließlich Räumlichkeiten von der Stadt Flensburg gestellt, so dass das Science-Center Phänomenta 1995 in der heutigen Form eröffnet werden konnte. Weitere Phänomenta-Center in anderen Städten folgten bald darauf.
Die Gedanken sind völlig frei

Heute beherbergt die Ausstellung an die 200 Exponate, an denen die Besucher verschiedene Gesetze und Lehrsätze der Physik, der Sinneswahrnehmung und der Technik entdecken und nachvollziehen können. Um die individuell verschiedenen Herangehensweisen anzuregen, wird auf trockene Erklärungen bewusst verzichtet. An den Stationen finden sich lediglich eine einleitende Frage und ein kurzer Hinweis zur Handhabung des Experiments. Durch die Möglichkeit, alle Variablen des Experiments zu beeinflussen, können Interessierte sich in einen spannenden Forschungsprozess begeben, der sie unter Umständen bei verändertem Versuchsaufbau jedes Mal zu einem anderen Ergebnis führt. Auf diese Weise erschließen sich die Besucher die Zusammenhänge mit der Zeit selbst.

Auch gibt es in der Phänomenta keinen vorgeschriebenen Lehrpfad, den die Forscher stur durcharbeiten sollen: Jeder sucht sich ein Thema aus, das ihn gerade interessiert. So kann man sich zwar nicht mit allen Exponaten befassen, aber die wenigen Kontakte sind dafür umso intensiver, so dass Nutzungszeiten von über 30 Minuten pro Station keine Seltenheit sind. Eine Studie ergab, dass auf diese Weise gesammeltes Wissen noch viele Monate später detailliert vorhanden ist.

Learning by Doing

So kann man hier beispielsweise am eigenen Leib erfahren, wie ein Flaschenzug arbeitet. Während sich der Betonklotz unter Einsatz einer Umlenkrolle nicht von einer Person heben lässt, kann man feststellen, wie sich der Krafteinsatz unter schrittweiser Zuhilfenahme weiterer Rollen immer weiter verringert. Oder wer hätte gedacht, dass gleich schwere runde Körper auf einer schrägen Fläche nicht automatisch auch gleich schnell rollen müssen? Hier kommt es auf die Verteilung der Masse im Körper an: Befindet sie sich im Zentrum des Objekts, rollt es einfach schneller. Ein Rohr ist hier bei gleichem Gewicht also klar im Nachteil, wie das anschauliche Experiment beweist.

Wer sich lieber näher mit Statik befassen möchte, kann auch zum Baumeister werden: Wenn man die bereitliegenden Holzklötze auf sinnvolle Weise zusammensetzt, erhält man am Ende einen erstaunlich belastbaren Torbogen. Bei Seifenblasen gelten hingegen schon wieder ganz andere Gesetze.

Nach einem kurzweiligen Besuch mit Spaß und Bewegung können hier am Ende alle Besucher von sich behaupten, dass sie den ganzen Tag über fleißig gelernt haben …

Phänomenta

Öffnungszeiten (Juni–September)
Montag – Freitag: 10 – 18 Uhr
Sonnabend: 11 – 18 Uhr
Sonn- und Feiertag: 11 – 18 Uhr

Eintrittspreise
Erwachsene: 8,50 Euro
ermäßigt: 6 Euro
Kinder (3 – 6 Jahre): 1,50 Euro
2 Erwachsene + 2 Kinder: (bis 16 Jahre) 24 Euro

Telefon: (04 61) 14 44 90
www.phaenomenta.com 
science(at)phaenomenta(dot)com

flo

Fotos: Phänomenta