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Lebe wohl, lieber ...
Das gibt es bald nicht mehr: VW-Käfer
„Es gibt sie noch, die guten Dinge“, betitelt ein Versand seinen exklusiven Katalog mit edlen, meist noch von Hand gefertigten Produkten.
Vieles andere jedoch, was uns in den vergangenen zwanzig, dreißig und mehr Jahren wie selbstverständlich durch den Alltag begleitet hat und ans Herz gewachsen ist, war eher schlicht gestrickt und auf fast rührende Art unperfekt – und dergleichen wird schon bald niemand mehr im Sortiment führen. Wie zum Beispiel den VW Käfer.
Die wahren Glücksmomente im Leben vergisst man niemals – den ersten Kuss etwa, das mit Biegen und Brechen bestandene Abitur oder auch den Tag, an dem ein technisch unversierter Mensch wie ich sein fahruntüchtiges Auto wieder zum Laufen brachte. Letzteres gelang mir anno 1982. Ich kaufte zwei Kohlestäbchen im Wert von 2,30 DM, löste vier Schrauben, platzierte die kleinen Ersatzteile an passender Stelle und startete den Motor, der mich und gut 600 kg Zusatzgewicht im nächsten Augenblick wieder zuverlässig durch den Straßenverkehr bugsierte. Das Geheimnis meines Erfolgs: ein Fahrzeug ohne jeden Schnörkel und mit einem Antrieb, den man getrost unter den Arm hätte klemmen können. Kurz gesagt: ein Käfer.
Das Wirtschaftswunder hat vier Räder
Das Auto mit der unverwechselbaren Form hat zwei Väter: Erwin Komenda, Chefdesigner bei Porsche, kreierte die Karosserie und Franz Xaver Reimspiess steuerte den legendären Boxermotor bei. Hierbei handelte es sich um einen luftgekühlten Vierzylinder. (Ein langjähriger Rechtsstreit, der zugunsten des tschechoslowakischen Tatra-Werks endete, deutet allerdings darauf hin, dass der Prototyp im Osten entwickelt wurde.) In Serie ging der Volkswagen jedoch erst 1938, und zwar mit dem ausdrücklichen Segen Hitlers. Der Zweite Weltkrieg verhinderte allerdings eine Massenfertigung zu zivilen Zwecken; stattdessen wurde das robuste Vehikel in großen Stückzahlen für die Wehrmacht produziert.
Mit der Gründung der Stadt Wolfsburg im Jahr 1945 begann die eigentliche Erfolgsgeschichte des wahrscheinlich populärsten Fahrzeugs aller Zeiten. Das erste Nachkriegsmodell bekam den Spitznamen „Brezelkäfer“ – die Form des geteilten Heckfensters erinnerte in der Tat etwas an diese Backware. Mehr und mehr Volkswagen liefen vom Band, und bereits 1955 wurde der millionste Käfer feierlich präsentiert. In der Folgezeit avancierte der „kleine Runde“ zum Symbolträger des Wirtschaftswunders.
1972 stellte er mit über 15 Millionen verkauften Fahrzeugen den bis dahin weltmeisterlichen Absatz des legendären Tin Lizzy der Marke Ford ein. Die modischen Trends der Zeit sowie den technischen Fortschritt im Kfz-Bau konnte jedoch auch diese beeindruckende Zahl nicht wegargumentieren. So war es nur logisch, dass VW wenig später ein weiteres, völlig neues Modell in Produktion gab: den Golf.
Erst mit seiner Einführung wurde die Bezeichnung „Käfer“ – als Unterscheidung zu seinem Nachfolger – legendär. So legendär wie das Käfer-Cabrio, das für viele bis heute das schönste Cabrio überhaupt ist. In Mexiko, wohin die Fertigung des ersten Volkswagens schließlich verlegt wurde, rollte 2003 dann der letzte Wagen vom Band.
Er fährt und fährt und fährt
Es gab viele gute Gründe, den Käfer zu hassen. Da war seine aero-hysterische Form, die selbst dem geringsten Windstoß zum Erfolg verhalf. Da war die Heizung, die entweder auf Hochtouren oder gar nicht lief. Da war das Cockpit, das selbst Puristen zur Verzweiflung bringen konnte. Und natürlich war da auch dieser Frontkofferraum, der bereits bei drei Gepäckstücken kapitulierte.
Für einen Käferbesitzer aber fielen diese und andere Schwachstellen nicht weiter ins Gewicht. Zum einen, weil gilt: Liebe ist, wenn man ihn trotzdem mag. Und zum anderen, weil dieses Auto so zuverlässig wie kein anderes fuhr. Ganz gleich, ob es fror, in Strömen goss oder 40 Grad heiß war: Der Käfer sprang immer an. Selbst wenn man ihn für ein Jahr oder länger abgestellt hatte: Beim ersten Zündkontakt war er sofort da. Dieser Wagen wollte eben nur eines: fahren, fahren, fahren.
Noch heute bleibe ich gerührt stehen, wenn – selten genug – ein Käfer an mir vorbeirollt – fast immer gepflegt, als wüsste der Fahrer ganz genau um den Schatz, den er sein Eigen nennen kann. Diese Begegnungen werden von Jahr zu Jahr weniger, bis eines schlimmen Tages
Aber daran denken wir am besten gar nicht erst.
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