Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
Meine Gesundheitsapotheke
Lebe wohl, liebe Telefonberatung!
Das gibt es bald nicht mehr
„Es gibt sie noch, die guten Dinge“, betitelt ein Versand seinen exklusiven Katalog mit den „guten alten Dingen“, den edlen, meist noch von Hand gefertigten Produkten.
Vieles andere jedoch, was uns in den vergangenen zwanzig, dreißig und mehr Jahren wie selbstverständlich durch den Alltag begleitet hat und ans Herz gewachsen ist, war eher schlicht gestrickt und auf fast rührende Art unperfekt – und dergleichen wird schon bald niemand mehr im Sortiment führen. Wie zum Beispiel die persönliche Telefonberatung.
„Es gibt keine dummen Fragen“, zitierte mein Klassenlehrer gern eine Redewendung, „es gibt nur dumme Antworten.“ Was soll ich sagen – der Mann hatte Recht. Schon damals, gewiss, doch heute gilt seine Einschätzung noch um ein Vielfaches mehr. Denn seit geschlagenen drei Tagen bitte ich um Antwort auf eine ebenso simple wie eindeutige Frage. Allein, der Mensch, der mir Auskunft geben könnte, existiert nicht mehr. Er ist ersetzt worden – durch einen Computer.
„Herzlich willkommen bei
“
Zugegeben, ich bin recht altmodisch veranlagt. Dennoch besitze ich ein Handy – man weiß ja nie. Und eine E-Mail-Adresse habe ich auch – es könnte ja sein, dass
Beste Voraussetzungen also für einen persönlichen Austausch. Und sei es nur über die Frage, warum ein bestimmter Betrag selbst zehn Tage nach Anweisung noch nicht von meinem Konto transferiert worden ist. Also rufe ich mein Geldinstitut an.
„Herzlich willkommen bei
“ – ich bin nicht überrascht, als sich die metallisch klingende Stimme Gehör verschafft. Allenfalls etwas verärgert, dass diese künstliche Hürde auf dem Weg zum zwischenmenschlichen Gespräch längst zum „guten Ton“ der Kommunikation gehört.
Die Stimme fordert mich zur Mitteilung meiner Kontonummer auf, ob verbal oder per Tastatur, bleibt mir überlassen. Ich entscheide mich für die Tastatur. Nach einer ganzen Weile – das Band scheint zu überlegen – werde ich von derselben Stimme darüber in Kenntnis gesetzt, dass meine Kontonummer zum Online-Banking nicht freigeschaltet ist. Ob ich ein Antragsformular zugeschickt bekommen möchte, säuselt mir mein „Gesprächspartner“ ins Ohr. Möchte ich nicht, denke ich. „Bitte wiederholen Sie Ihre Antwort“, ertönt es aus dem Hörer. Ich will nicht antworten, ich will etwas fragen – und lege auf.
Endlich, ein Mensch aus Fleisch und Blut
Es gibt immer Alternativen, geht es mir durch den Sinn. Und zuweilen gibt es auch alternative Telefonnummern. Ich wähle sie – und nach nicht einmal drei Sekunden meldet sich eine vertraute Stimme: „Herzlich willkommen bei
“ Dasselbe Prozedere, dieselbe Aufforderung, dieselbe Reaktion. Alles wie gehabt, mit Ausnahme meines Adrenalinpegels, der längst über die Ufer geduldiger Bahnen tritt.
Abermals hänge ich ein – und wähle Nummernvariante 3. Könnte es sein, dass
? Es kann. Eine Frau mit sächsischem Dialekt nennt ihren Namen – in der Tat, ein irdischer Name – und fragt, was ich wünsche. Ich teile ihr mein Anliegen mit, worauf sie, geradezu bekümmert, einräumt, hierzu keine Auskunft geben zu können. Ich solle doch folgende Nummer wählen. „Kenne ich“, stürzt es aus mir heraus. „Sagen Sie einfach: Berater“, gibt sie mir als Tipp mit auf den Weg und fügt hinzu, dass sie meinen Ärger durchaus verstehen könne. Wie gut das tut in diesem Moment, da ist jemand, der mich versteht – auch wenn er mir nicht weiterhelfen kann. Man wird recht anspruchslos in diesen Zeiten.
„Berater!“
„Berater“, sage ich an passender Stelle, laut und deutlich. Sekunden der Stille, darauf die Bitte, meine Kontonummer zu wiederholen. „Berater“, sage ich, noch lauter, noch deutlicher. Und wieder Stille. „Ich weise Sie darauf hin“, meldet sich die Stimme zurück, „dass eine persönliche Beratung eventuell mit Wartezeiten verbunden ist. Nutzen Sie lieber unseren digitalen Beratungsservice
“ – „Berater!“, brülle ich. Die Stimme verstummt.
Habe ich mir womöglich Respekt verschafft? Besitzt der Computer doch so etwas wie eine Seele? „Geben Sie zur Autorisierung Ihre Kontonummer ein“, schallt es mir entgegen. Was solls, diesen letzten Dienst erweise ich gern. Was folgt, ist Rauschen – und die Ansage: „Ihre Kontonummer ist zum Online-Banking nicht freigeschaltet. Möchten Sie, dass wir Ihnen ein Antragsformular
“
Die Moral der Geschichte
Ich weiß noch immer nicht, warum der besagte Betrag nach nunmehr 13 Tagen mein Konto nicht belastet. Vielleicht sollte es mich auch nicht interessieren. Vielleicht sollte ich mich einfach nur freuen. Ein virtuelles Guthaben ist immer noch besser als ein tatsächliches Minus. Denke ich und lehne mich zurück. Vielleicht hat sich mein Lehrer doch geirrt. Vielleicht gibt es keine dummen Antworten – sondern nur dumme Fragen.
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