Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Lebe wohl, liebe
Das gibt es bald nicht mehr: Telefonzelle
Vieles, was uns in den letzten zwanzig, dreißig und mehr Jahren durch den Alltag begleitet hat, verschwindet unwiderruflich aus unserem Leben. Höchste Zeit also für einen wehmütigen Blick zurück.
Oft sind es einfach nur mehr oder weniger nützliche Produkte, die uns mit der Zeit ans Herz gewachsen sind. Oder es handelt sich um Dienstleistungen, die wie selbstverständlich zu unserem Leben gehören. In jedem Fall aber verknüpfen wir mit ihnen ein ganz bestimmtes Gefühl, das umso tiefer rührt, je endgültiger wir von derlei Vertrautem Abschied nehmen müssen.
Es gab eine Zeit, da konnte sich ein jeder noch ein kleines Häuschen leisten – und war es nur für einen langen, wohligen Augenblick. Gelb war es, mit einer schweren Tür versehen, rundum verglast, und wer mochte, telefonierte sogar darin. War aber kein Muss. Auch als Zuflucht vor einem plötzlichen Regenschauer kam es gelegen. Oder als Umkleidekabine danach. Und wer weiter zurückblättert in seiner Biografie, weiß vermutlich, wie gut unter diesem schützenden Dach der Kuss mit der ersten Liebe schmeckte.
Keine Frage: Die öffentliche Telefonzelle war offen für so gut wie jedes Bedürfnis – und auch das schaufelte ihr letztlich das Grab. Zwar gibt es dieses Häuschen noch, doch hat seine klassische Aufmachung (wetterfest und leuchtender Orientierungspunkt im allseits triumphierenden Grau und Chrom) Seltenheitswert bekommen.
Schön praktisch
Bahnbrechende Neuerungen werden von der Allgemeinheit nicht selten mit Skepsis und Misstrauen aufgenommen – aus eben diesem Grund: weil sie die gewohnten Bahnen verlassen. Die Einführung des öffentlichen Fernsprechers hingegen (so die offizielle Bezeichnung) wurde von der Öffentlichkeit begrüßt. Der erste seiner Art hierzulande ging 1881 in Berlin in Betrieb.
Es dauerte nicht lang, bis er in vielen öffentlichen Gebäuden zum festen Inventar gehörte, angefangen bei den Poststellen über große Hotels bis zu Restaurants, die in puncto Modernität nicht nachstehen wollten. Bezahlt wurde zunächst mit Telefonbilletts, erst um 1900 begann auch die Verbreitung von Münzfernsprechern.
Die Nachfrage nach einem Gespräch von unterwegs ebnete schließlich auch den Telefonhäuschen auf der Straße den Weg. Und weil diese Stationen gut sichtbar sein sollten, gab man ihnen vielerorts eine auffällige, in manchen Ländern sogar höchst attraktive Erscheinung. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala rangiert nach wie vor das englische Telefonhäuschen, das mit seinem roten Anstrich weltweit die Herzen rührt.
Eine gleichermaßen hübsche wie originelle Architektur haben auch die Schweden für ihre öffentliche Fernsprechzelle ersonnen: Wo es noch steht, erfreut sich das an ein Türmchen erinnernde „Plauschplätzchen“ großer Sympathien.
Mit Gründung der Deutschen Telekom nach der Wiedervereinigung begann der Niedergang der vertrauten gelben Telefonzelle. Die Corporate Identity des Unternehmens machte aus werbestrategischen Gründen eine Umgestaltung erforderlich – mit dem Effekt, dass viele Menschen das vormals klar erkennbare Häuschen nicht mehr fanden. Ein Kritikpunkt, der sich mit dem zunehmenden Gebrauch des Handys allerdings relativierte.
Doch ungeachtet der Farbe ist auch die geschlossene Zelle vom Aussterben bedroht; an ihre Stelle treten mehr und mehr sogenannte Telestationen: offene, T-förmige Telefoneinrichtungen, die das Gespräch schon darum enorm verkürzen, weil sie weder vor Wetter noch vor Lärm schützen. Gerechterweise sei betont, dass sie nicht allein aus Kostengründen eingeführt wurden. Immerhin werden geschlossene Zellen immer wieder von Vandalen heimgesucht – da bleibt wahrscheinlich nur noch die Flucht ins Wesentliche.
Die Telefonzelle – ein Kulturgut
Die Dramaturgie in der Kunst lebt nicht zuletzt vom technischen Fortschritt ihrer Zeit. So gesehen kommt auch dem öffentlichen Fernsprecher eine große Bedeutung zu. Filmklassiker wie „Fahrstuhl zum Schafott“ und „Rififi“ wären nicht denkbar, hätte es zu jener Zeit bereits das Handy gegeben. Das verzweifelte Suchen nach einer freien Telefonzelle und die Unerreichbarkeit des anderen in seinen vier Wänden waren über Jahrzehnte elementare Bausteine bei der Entwicklung des Spannungsbogens. Diese Zeiten sind vorbei. Längst schon klingelt und zwitschert es unaufhörlich in der Westentasche – und allein ein leerer Akku könnte den Helden noch daran erinnern, dass es da eine Alternative gibt: die öffentliche Telefonzelle. espa




