Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Lebe wohl, liebe...
Das gibt es bald nicht mehr: Taschenuhr
Vieles, was uns in den letzten zwanzig, dreißig und mehr Jahren durch den Alltag begleitet hat, verschwindet unwiderruflich aus unserem Leben. Höchste Zeit also für einen wehmütigen Blick zurück.
Oft sind es einfach nur mehr oder weniger nützliche Produkte, die uns mit der Zeit ans Herz gewachsen sind. Oder es handelt sich um Dienstleistungen, die wie selbstverständlich zu unserem Leben gehören. In jedem Fall aber verknüpfen wir mit ihnen ein ganz bestimmtes Gefühl, das umso tiefer rührt, je endgültiger wir von derlei Vertrautem Abschied nehmen müssen.
Ein Zeitnehmer beim Sport würde mit ihr eine eher lächerliche Figur abgeben und auch einem Bankräuber, der sekundengenau das Fluchtauto erreichen muss, wäre sie wenig dienlich: Gemeint ist die Taschenuhr. Und mit ihr natürlich der besondere Habitus, mit dem die Liebe zu diesem nostalgischen Zeitmesser gepflegt wird. Zunächst einmal wirkt diese Art Uhr bereits durch ihre vornehme Abwesenheit, allein die elegante Kette am Hosenbund oder Westenknopf bezeugt ihre Existenz. Stil hat auch die Langsamkeit, mit der ihr Träger sie aus den textilen Tiefen zieht. Frei nach dem Motto: Wer sich die Zeit in die Tasche stecken kann, hat vermutlich reichlich davon. Da passt es doch, dem Vorläufer der Armbanduhr für ein paar Zeilen Aufmerksamkeit zu schenken.
Von Tagen, Stunden und Sekunden
Auf dem Zeitstrahl der Menschheitsgeschichte tritt die Uhr erst sehr spät in Erscheinung und zunächst auch nur in natürlicher Form. Die wohl „feinsten“ Messeinheiten damals waren Tag und Nacht, denn diese Phasen ließen sich klar voneinander trennen. Eine bessere Einteilung erlaubten sogenannte Elementaruhren, zu denen Sand-, Wasser-, Sonnen- und Feueruhren zu zählen sind.
Allerdings erforderten sie entweder eine regelmäßige Bedienung durch den Menschen oder aber günstige Witterungsverhältnisse (Sonnenuhr). Zuverlässiger funktionierten da schon Kerzenuhren, bei denen die Abbrenndauer der Lichtquelle in Kombination mit einer Skala Rückschlüsse auf die verstrichene Zeit erlaubte.
Erste Versuche, der Zeitmessung auf mechanischem Weg Herr zu werden, gelangen im 13. Jahrhundert – anfangs aber nur in Gestalt größerer Konstruktionen. Nachdem das Prinzip der mit Hilfe von Zahnkränzen arbeitenden Räderuhr einigermaßen gereift war, bemühten sich Uhrmacher im 16. Jahrhundert um erste tragbare Miniaturen.
Was anfangs noch am Hals baumelte, geriet zunehmend handlicher und fand schließlich Platz in der Tasche. Mit der Genauigkeit nahmen es diese Stücke zwar noch nicht so genau, meisterlich gebaut aber waren sie in jedem Fall. Immerhin vereinten sie mehrere hundert Kleinstteile auf engstem Raum, in vielen tausend Arbeitsschritten von Menschenhand zusammengefügt.
Die tickt wohl nicht richtig...
Zwei Typen von Taschenuhren werden unterschieden: die Savonette, die in der Regel einen Sprungdeckel besitzt und mit einer seitlichen Aufzugskrone ausgestattet ist, und die Lépine, die meistens ohne Deckel angeboten wird und die Aufzugskrone oberhalb der Zwölf-Uhr-Position hat. Der Handel führt sie nach wie vor, jedoch versprechen nur die wenigsten Einzigartigkeit zu bisweilen sündhaften Preisen.
Das Herz einer mechanischen Taschen- oder Armbanduhr ist die Unruh, ein kleines Schwungrädchen, das von einer winzigen Spiralfeder angetrieben wird. Ihre Qualität entscheidet über die Ganggenauigkeit des Uhrwerks, wobei äußere Einflüsse wie etwa Temperaturschwankungen natürlich nicht außer Acht zu lassen sind. Maßgebend für die Zuverlässigkeit des Uhrwerks ist ebenso die Sorgfalt, die dem edlen Chronograph zuteil wird. So ist das tägliche Aufziehen zur gleichen Stunde sehr zu empfehlen, will man nach einer Woche nicht einige Minuten zu früh oder zu spät erscheinen.
Eine Frage des Stils
Wer meint, dass eine Taschenuhr nach Frack und Zylinder verlangt, hat den Geist dieses Schmuckstücks nicht erkannt. Auch in Jeans macht sie eine gute Figur, steht sie doch für eine Einstellung zum Leben, die im hektisch gewordenen Alltag besondere Beachtung verdient. Die Zeit sollte uns nicht bestimmen, sondern vielmehr begleiten – wie ein treuer Freund, der stets an unserer Seite ist, aber unaufdringlich bleibt. Und wenn wir ihn, zwischen zwei Espressi, einmal zu Rate ziehen, bedeutet der Blick auf das Ziffernblatt mehr als nur eine Vergewisserung des Hier und Jetzt. Er erinnert uns ebenso daran, dass die Vergänglichkeit durchaus auch schöne Seiten haben kann...
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