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Donnerstag, 24. Mai 2012
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"Ins Blaue geraten"

Architektonische Höchstleistung: das Ulmer Münster

Dem Himmel so nah wie in keinem anderen christlichen Gotteshaus der Welt kommt man über die 768 Stufen, die zur dritten Aussichtsplattform auf den Turm des Ulmer Münsters führen. 143 m über dem Boden bietet sich ein herrliches Panorama, bei Föhn gelegentlich sogar ein Blick bis zu den ersten Alpenauslegern. Kaum weniger beeindruckend gibt sich die Aussicht von den darunter liegenden Plattformen auf 102 m sowie 71 m Höhe. Gut nur, dass die 161,53 m Gesamthöhe dem himmlischen Vater dem Anschein nach noch ins Konzept passten – wer weiß, vielleicht wäre das Ulmer Münster sonst als zweiter Turmbau zu Babel in die Mythologie eingegangen.

Dabei grenzt es architektonisch ohnehin fast an ein Wunder, dass der Turm nicht wie besagter Mythos in der Versenkung verschwunden ist. Auf nur drei bis vier Metern Fundament ragt die majestätische Erscheinung empor, und dennoch steht der Kirchturm stabil.

Gut gebaut

Ausschlaggebend für den Bau des Münsters war die Lage der alten Ulmer Pfarrkirche, die zirka einen Kilometer außerhalb der Stadt und damit jenseits schützender Mauern lag. Was aus heutiger Sicht einen idyllischen Sonntagsspaziergang abgibt, war im 14. Jahrhundert schon ein kleines Abenteuer. So fassten die Ulmer Bürger den Entschluss, eine neue Kirche innerhalb der Stadtmauern errichten zu lassen, finanziert aus eigener Tasche.

Die Grundsteinlegung erfolgte am 30. Juni 1377, und schenkt man einer alten Überlieferung Glauben, handelte es sich dabei um eine hochkarätige Angelegenheit. Der damalige Ulmer Oberbürgermeister soll in die Baugrube hinabgestiegen sein, um den ersten Quader mit Gold zu überziehen. Als Sinnbild dafür, dass nicht die Kirche, sondern die Bürger den Bau bezahlten.

Aus Jahren wurden Jahrzehnte und aus Baumeistersöhnen oftmals Baumeister, die das Vermächtnis ihrer Väter übernahmen und deren Wissen weitertrugen. Kaum mehr vorstellbar ist die Art und Weise, wie damals gearbeitet wurde. Wo heute Computertechnologie und präzise statische Berechnungen nichts dem Zufall überlassen, hieß es seinerzeit: „Versuch macht klug“ – einfaches Ausprobieren hatte neben bereits gesammelten Erfahrungen seinen festen Platz. Mitunter stürzte eine Wand oder Decke auch mal ein, obwohl es den Baumeistern eigentlich nicht an Erfahrungswerten hätte mangeln sollen. Immerhin waren die Konstrukteure Ulms auch in Straßburg und Prag gefragt.

Schwerer Stand für Reformatoren

1543 wurde der Bau für lange Zeit auf Eis gelegt. Zu sehr waren Ulm und das Umland in die Bauernkriege verstrickt. Die Stadt war hierbei besonderer Konfliktherd, da ihre Bürger erst 13 Jahre zuvor in einer namentlichen Abstimmung zum Evangelium konvertiert waren. Der Hauptaltar fiel dem sogenannten Bildersturm zum Opfer, und der dreißigjährige Krieg (1618–1648) beraubte Ulm seiner letzten Ressourcen.

Erst knapp 300 Jahre später wurden die baulichen Aktivitäten wieder aufgenommen. Ein neu gewonnener Wohlstand leitete ab 1844 den finalen Abschnitt der Bauphase ein. Doch abgeschlossen wird diese wohl nie ganz. Jährlich fließen mehrere hunderttausend Euro in Restaurationsarbeiten.

Mit einer Fläche von 8260 qm ist das Ulmer Münster die größte protestantische Kirche weltweit. In ihr finden 2000 Besucher Platz. Für den alle zwei Jahre abgehaltenen Württembergischen Landesposaunentag wird sogar Platz für 4500 Bläser samt ihren Instrumenten geschaffen.

Innere Werte

Das Ulmer Münster hat es in sich. Wortwörtlich! So finden hier über das Jahr verteilt mehr als 1100 Veranstaltungen statt. Und auch dem kunstgeschichtlich interessierten Besucher erschließt sich so mancher Schatz. Die Fenster im Chor stammen aus dem 15. Jahrhundert. Das Chorgestühl, entstanden zwischen 1469 – 1474, zählt mit seinen über 100 geschnitzten Holzfiguren von Jörg Syrlin dem Älteren zu den bedeutendsten der deutschen Gotik, und das Original zu der im Tympanon über dem Hauptportal dargestellten Schöpfungsgeschichte findet sich ebenfalls im Innern des Münsters.

Wer andern eine Glocke schlägt

Jetzt schlägt’s dreizehn? Nicht ganz. Zwar sind es 13 Glocken, die sich im Hauptturm des Münsters befinden, aber nur 10 von ihnen können geläutet werden. Die größte und schwerste, die Gloriosa, bringt bei einem Durchmesser von fast 2 Metern ein Gewicht von 4912 Kilo auf die Waage, aber auch hier nagt der Zahn der Zeit. Auf das Glockenspiel wurde dieses Jahr wiederholt zwecks Wartungsarbeiten verzichtet. Besser so, als wenn sich das Ulmer Geläut selbst sein letztes Stündlein schlüge.

Weitere Informationen finden Sie unter
www.ulmermuenster.de

ath

Fotos: Stadtarchiv Ulm