Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
Meine Gesundheitsapotheke
In jedem Fall eine himmlische Wahl
Buchempfehlungen zur Weihnachtszeit
Die Weihnachtszeit gehört den Träumen – was also liegt näher, als den dunklen Tagen um den Jahreswechsel herum den (geistigen) Rücken zu kehren und für ein paar Stunden abzutauchen in die Welt der Fantasie. Wir haben für Sie eine kleine und feine Buchauswahl zusammengestellt, die wirklich allen Leseratten etwas zu bieten hat.
Liebe, Spannung und Geschichte
Es sind wahrlich keine guten Zeiten, in die der Leser von Der Schatten des Windes zurückgeworfen wird, denn im Spanien der 50er-Jahre herrscht jene von Missgunst, Verrat und Angst geprägte Atmosphäre, die allen Diktaturen eigen ist. Der kleine Daniel Sempere aber hat mit Politik noch nichts im Sinn, als ihn sein Vater zum Friedhof der vergessenen Bücher mitnimmt und er dort sein Herz für einen ganz besonderen Roman entdeckt, eben den Roman „Der Schatten des Windes“.
Autor Carlos Ruiz Zafón bedient sich bei seinem überaus erfolgreichen Erstling eines Kunstgriffs, der gleich drei Türen auf einmal öffnet: Mit dem Buch im Buch verschafft er dem Leser zum einen Zutritt zur spanischen Historie unmittelbar vor Franco, des Weiteren entwickelt er so zwei Parallelgeschichten, deren Korrespondenz sich erst nach und nach erschließt – und schließlich ist jenes letzte noch existierende Buchexemplar, über das der heranwachsende Daniel seine schützende Hand hält, auch ein Symbol für die Unsterblichkeit der Sprache selbst – gerade in einer so unheilvollen Zeit wie der, die Zafón bravourös in Szene setzt.
Dieser Roman ist ein Muss für alle, die nach Unterhaltung der gehobenen Art Ausschau halten. Wen das noch nicht überzeugt, dem sei gesagt, dass Joschka Fischer über der Lektüre dieses Werks das Schlafen vergessen hat. Insel Verlag – EUR 9,90.
Der Seitensprung
So mancher Thriller ist so sehr aufs Spannungsmoment fixiert, dass Handlung und Logik auf der Strecke bleiben und die Geschichte unglaubwürdig wird. Nicht so in Karin Alvtegens Der Seitensprung, denn hier kommt – schön langsam und zugleich fast unausweichlich – eins zum anderen. Henrik teilt seiner Frau Eva mit, dass er sie nicht mehr liebt. Ansonsten sagt er wenig, und für Eva beginnt eine Zeit des Suchens nach den Gründen, bis ihr klar wird, dass Henrik sie betrügt. Und so sinnt sie auf Rache und denkt sich einen perfiden Plan aus – allerdings ohne zu bedenken, dass ihr flüchtiger Seitensprung zwischendurch eine bedrohliche Eigendynamik entwickelt.
Dieser ebenso spannungsgeladene wie kurzweilige Roman lebt nicht zuletzt von den Perspektivwechseln, die einmal mehr belegen, dass es wohl niemals nur eine Wahrheit gibt. Natürlich spielt die Autorin hier alle Tricks und Möglichkeiten aus, um den Gefühlen des Schauderns neue Nahrung zu geben, doch an keiner Stelle hat der Leser das Gefühl, künstlich bei Atem gehalten zu werden. Wer also einen (zum Glück) endlichen Albtraum erleben will, ist mit diesem Buch bestens bedient. Rowohlt Taschenbuch, EUR 5,95 (Sonderausgabe).
Orhan Pamuk, Literaturnobelpreisträger 2006
Neben den Friedensnobelpreisen sind es am ehesten noch die der Literatur, die auch ein politisches Zeichen setzen. Mit dem diesjährigen Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk ist dies zweifellos geschehen. Immerhin ist der türkische Schriftsteller ein beständiger Kritiker seiner Heimat, der so brisante Themen wie den Völkermord an den Armeniern und die Kurdenfrage immer wieder auf Ankaras Parkett wirft.
Das jüngste Werk Der Blick aus meinem Fenster ist allerdings in erster Linie von der Liebe des Autors zur Türkei geprägt. Entsprechend lesen sich viele Essays darin wie ein Streifzug durch die Metropole Istanbul, wo Pamuk fast sein ganzes bisheriges Leben verbracht hat. Auf der Suche nach der Seele seiner Heimatstadt führt der Autor den Leser mit kühler Beobachtungsgabe, aber warmer südländischer Sensibilität an seine eigenen Wurzeln heran. In anderen Texten äußert sich Pamuk zu einer Reihe von Schriftstellern, die ihn sehr beeinflusst haben, wie z. B. Nabokov, Dostojewski, Stendhal. Und zum Abschluss hält der Autor eine Überraschung bereit, denn er lässt den Leser durch die Augen eines Kindes sehen. Lesenswerte 192 Seiten, erschienen beim Hanser Verlag für EUR 21,50.
Hier wirds spannend
Woher rührt bloß diese Sehnsucht nach Gänsehaut? Thriller, so viel steht fest, gehören zu den Topsellern im Genrevergleich – die Lust auf Nervenkitzel ist also sehr verbreitet. Mitfiebern auf 528 Seiten, das kann man auch beim Roman Der Kindersammler von Sabine Thiesler. Das Buch eröffnet mit dem Albtraum aller Eltern: Ein Kind verschwindet spurlos, in diesem Fall während des Toskana-Urlaubs. Anne und ihr Ehemann Harald reisen nach erfolgloser Suche verzweifelt wieder ab.
Zehn Jahre später erwirbt die Mutter eine romantische Wassermühle in der Toskana und kehrt an den Ort der Geschehnisse zurück, um Anhaltspunkte für das Verschwinden ihrer Tochter zu sammeln.
Sie will herausfinden, was damals geschah. Schon nach kurzer Zeit fasst sie Vertrauen zu dem charmanten Verkäufer der Mühle. Davon geblendet, ahnt sie nicht, in wessen Nähe sie sich begeben hat.
Es stellt sich heraus, dass dieser freundliche Mann deutlich mehr als nur den Schlüssel bereithält, um das Geheimnis ihres verschollenen Kindes zu lüften.
Heyne Verlag, EUR 8,95.
Frauenbuch auch mal für Männer
Besonders geeignet ist dieses Werk von Gernot Gricksch für die Herren der Schöpfung, denn wer um die ungeliebte Midlife-Crisis weiß, kann hier erfahren, was es zu vermeiden gilt. Und die Damen wissen, womit sie es zu tun haben, wenn Sie dieses Buch nach 386 Seiten wieder schließen.
Freilaufende Männer erzählt die Geschichte von Thomas, dem gelangweilten Hobby-Hypochonder und seinen Freunden Jens und Malte. Der eine hat Probleme mit dem Älterwerden und hängt noch immer an seiner Jugend, der andere hält an der falschen Frau fest und will es nicht wahrhaben. Und der Dritte – eben Thomas – beginnt die Geschichte gleich mit einer Panikattacke.
Um nicht länger einen eingebildeten Herzinfarkt pro Woche erleiden zu müssen, beschließt Thomas, zusammen mit seinen Freunden an einem schwedischen See zu relaxen. Doch der stressfreie Männerurlaub wird aufregender als gedacht, als nacheinander zwei Damen auftauchen. Knaur Taschenbuch, 386 Seiten für EUR 8,95.
Was Kinder nicht wissen
das müssen wir sie lehren. Wir Erwachsenen wissen in der Regel, dass wir im Dunkeln keine Angst haben müssen, Kinder allerdings müssen Phänomene wie Finsternis und seltsame Geräusche erst einmal begreifen lernen. Mit dem Kinderbuch Ein Geräusch,
wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen bietet sich allen Eltern nicht nur die Gelegenheit, ihrem Nachwuchs ein wenig die Angst zu nehmen – dieser schöne Wurf von Erfolgsautor John Irving ist auch als Geschichte und Bilderbuch lesens- wie sehenswert.
Zum Inhalt: Mitten in der Nacht erwacht der kleine Tom, weil er ein fremdes Geräusch hört. Seine blühende Fantasie geht mit ihm durch, denn er denkt, dass eines von Mamis Kleidern im Schrank lebendig ist und vom Kleiderbügel herunterklettern will. Oder vielleicht ist es ein Gespenst, das Erdnüsse aus der Küche geklaut hat, um sie jetzt auf den Boden fallen zu lassen? Doch sein schnellstens herbeigeholter Vater findet zusammen mit dem Vierjährigen eine ganz alltägliche Erklärung für das fremde Geräusch.
Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen ist übrigens eine Art Wiedergeburt, denn immerhin spielt dieses Kinderbuch bereits in Irvings „Witwe für ein Jahr“ eine gewichtige Rolle. Unterstützt wird es durch Illustrationen von Tatjana Hauptmann, die sich respektvoll vor der Magie der Nacht verneigen. 40 Seiten, Diogenes Verlag, pädagogisch wertvoll angelegte EUR 16,90.
Haben wir Ihre Leselust entfacht?
Oder vielleicht eine Geschenkidee für Ihre Lieben anregen können? Suchen Sie sich was aus und überraschen Sie in diesem Jahr mit einer ganz besonderen Freude. Und wenn Sie eines dieser Bücher verschenken, leihen Sie es sich gleich nach Weihnachten mal aus.
thog









