Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Im Osten was Neues
Weltkulturstadt Sibiu
Schritt für Schritt nähert man sich dem Punkt, an dem irgendwann in der Schule der geografische Vorhang fiel. Bisher bestand Rumänien für mich immer aus: a) Bukarest und b) einem gewissen Herrn Vlad III. Drăculea (ca. 1431 – 1476), dem Urvater der mythischen Figur des Grafen Dracula.
Eine Stadt mit geschätzten 150 000 Einwohnern, gelegen am Zibin, einem Nebenfluss des Alt, ca. 300 Kilometer nordwestlich von Bukarest, Sibiu eben, diese Stadt an den Ausläufern der Südkarpaten, war mir nicht geläufig. Schade eigentlich! Denn die Stadt hat es durchaus verdient, dass man sich einmal genauer mit ihr befasst.
Die Chroniken einer Stadt
Sibiu, auch Hermannstadt genannt, kann auf eine ereignisreiche Geschichte zurückblicken. Zudem auf eine, die für die deutsche Historie eine große Rolle spielt. Im Jahr 1143 ließen sich in Siebenbürgen deutsche wie flämische Siedler nieder. Siebenbürger Sachsen werden sie seit jeher genannt. Kurios nur, dass unter den Neuankömmlingen gar keine Sachsen vertreten waren; die Auswanderer kamen aus der Gegend um Mosel und Rhein. Die Bezeichnung geht auf ein sprachliches Missverständnis zurück: „Sasse“ wurde ein in der Region Ansässiger genannt. Ein erster urkundlicher Beleg stammt aus dem Jahr 1223, als die Siedlung unter dem Namen „Villa Hermanni“ erstmalig Erwähnung fand.
Doch so prächtig die Stadt gedieh, so schnell wurde sie auch wieder dem Erdboden gleichgemacht. Dem Sturm der Mongolen hatte man nichts entgegenzusetzen. Unbeeindruckt davon bauten die Siedler kurzerhand alles wieder auf.
Bis zum 14. Jahrhundert hatte sich Hermannstadt dann zu einem wichtigen Handelszentrum entwickelt. Und da man aus der Nachlässigkeit vergangener Tage gelernt hatte, wurden um die Stadt herum drei Mauerringe errichtet. Ein Bollwerk, das selbst die Türken während ihrer Eroberungszüge trotz mehrerer Versuche nicht einzunehmen vermochten. Nur einmal noch gelang es einem ungarischen Grafen, Gabriel Bathory, mittels einer Finte die Stadt zu besetzen und zu plündern. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ging die Stadt 1920 durch den Vertrag von Trianon an Rumänien über.
Man spricht Deutsch
Selbst heute, knapp 90 Jahre später, gibt es einige Anzeichen dafür, wie tief das germanische Erbe in Sibiu verwurzelt ist. Immer noch leben hier fast 2000 Siebenbürger Sachsen, die zweite Amtssprache in der Stadt ist Deutsch, das Ortsschild führt beide Namen und in Person von Klaus Johannis werden die Geschicke der Stadt seit 2000 von einem deutschen Bürgermeister geleitet.
Seither befindet sich der beschauliche Fleck in Transsylvanien in einer Art Aufbruchstimmung, die sich noch am ehesten mit der Ruhe vor dem Sturm beschreiben lässt. Nur ist dieser Sturm gewollt und der Wind dafür eigens gesät. Der Wirtschaftsstandort Sibiu boomt und auch am Stadtbild wird eifrig gewerkelt. Über 50 Millionen Euro sind bereits in Sanierungsarbeiten der Altstadt geflossen. Am Ende dieser Bemühungen soll als i-Tüpfelchen die Aufnahme in die von der UNESCO geführte Liste des Weltkulturerbes stehen.
Es spricht nichts dagegen, Sibiu jetzt schon in einem Atemzug mit Stonehenge, der chinesischen Mauer oder der Berliner Museumsinsel zu nennen. Ein kleiner Anfang ist gemacht. 2004 wurde Sibiu die Ehre zuteil, in diesem Jahr gemeinsam mit Luxemburg als Kulturhauptstadt Europas zu fungieren. Und dafür hätte es keinen günstigeren Zeitraum geben können: Seit diesem Jahr ist Rumänien ein vollwertiger Mitgliedsstaat der EU, daher benötigt es für die Einreise auch nicht mehr als einen gültigen Personalausweis. Zusätzlich erleichternd kommt hinzu, dass mit dem Ausbau des Flughafens die infrastrukturellen Rahmenbedingungen stark verbessert wurden. Ebenfalls seit diesem Jahr gehen mehrmals täglich Direktflüge nach München, Düsseldorf und Stuttgart.
Kultur ist Programm
Ein Besuch lohnt nicht nur für jene, die Ahnenforschung betreiben wollen. Kultur hatte in Sibiu schon Kultur, lange bevor sie zu deren Hauptstadt ernannt wurde. Schon 1788 wurde in Hermannstadt ein Theater eingeweiht. Jährlich begeistern diverse Festivals, zum Beispiel ein Theaterfestival und das international renommierte Jazzfestival, das dieses Jahr übrigens vom 7. bis 13. Mai stattfindet. Mit dem Elan einer Kulturhauptstadt im Rücken fackeln die Organisatoren seit Beginn des Jahres ein Event-Feuerwerk ab, das insgesamt ca. 1000 Veranstaltungen vorgesehen hat. Ausstellungen, klassische Konzerte und Workshops – angesichts derartiger kultureller Leckerbissen haben sich auch einige Vertreter des öffentlichen Interesses angekündigt. Sowohl Günter Grass als auch Angela Merkel werden sich sehen lassen.
Dabei bedarf es nicht mal einmal dieses gewaltigen Programms, um in der Stadt auf Entdeckungsreise zu gehen. Sehenswerte Bauwerke finden sich an nahezu jeder Ecke. Allen voran das Brukenthal-Palais am Großen Ring! In ihm befindet sich die Kunstsammlung von Samuel von Brukenthal. Die anderen Gebäude des Brukenthal-Museums beherbergen ein Pharmazie-, ein Geschichts- und ein naturhistorisches Museum.
Vorsicht ist in der Stadt nur an einem Ort geboten: an der Lügenbrücke. Der Sage nach stürzt diese architektonisch besondere Gusseisenbrücke ein, sobald ein Lügner sie betritt. Gut nur, dass die Menschheit in den vergangenen knapp 150 Jahren immer so ehrlich war.
Unter www.sibiu2007.ro finden Sie weiter Wissenswertes über die Stadt. Die Homepage bietet die Funktion, sich den Text auf Deutsch oder Englisch anzeigen zu lassen. In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine interessante Ost-Wissens-Erweiterung! ath




