Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Hongkong
Inselstadt unter falschem Namen.
Als 1841 die Briten die Region an der Mündung des Perlflusses ins südchinesische Meer besetzten, fragten sie die Einheimischen nach dem Namen des Ortes. Chinesische Bootsleute, die an einer Anlegestelle für Weihrauchumschlag arbeiteten, antworteten »Hong Kong« (Weihrauch/Duft Hafen). Die Briten bezogen es fälschlicherweise auf die gesamte Insel, und so heißt die Millionenmetropole an der Südküste Chinas bis heute Hongkong, der »duftende Hafen«.
Offiziell: Hong Kong Special Administrative Region of the Peoples Republic of China. Die heutige Sonderverwaltungszone war mehr als 150 Jahre britische Kronkolonie und wurde erst 1997 an China zurückgegeben. Seither übt das Land den Balanceakt zweier Systeme: das kommunistische der Volksrepublik und das demokratisch-marktwirtschaftliche Hongkongs, das mindestens 50 Jahre bestehen bleibt, um dessen Rolle als Finanzzentrum Asiens nicht zu gefährden. Trotz häufigen Einmischens in die Innenpolitik durch die Regierung in Peking pflegt die Stadt ihren Autonomiestatus: ein eigenes Rechtssystem sowie eine eigene Währung (Hongkong-Dollar), Linksverkehr, Zweisprachigkeit und visumfreie Einreise.
Die Kunst des Nicht-Anrempelns
Machen wir uns auf, diese einzigartige Stadt am anderen Ende der Welt zu entdecken. Vor uns liegen über zwölf Stunden Flug. Bereits an Bord der asiatischen Airline begegnen wir jener angenehmen Freundlichkeit. Mit Wollsocken und Fürsorge bereitet man uns auf den drohenden Jetlag vor.
Die Bevölkerung Hongkongs hat sich in den letzten anderthalb Jahrhunderten vertausendfacht. Mit über sieben Millionen Einwohnern gehört die Stadt zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt. Doch selbst auf schmalen Gehsteigen gibt es kein Anrempeln. Jedermann nimmt Rücksicht und begegnet seinen Mitmenschen mit Hilfsbereitschaft und unaufdringlicher Höflichkeit. Am Ende unserer Reise, nachdem wir faszinierende Sehenswürdigkeiten besucht und unvergessliche Stunden verlebt haben, wird es genau das sein, was uns am meisten beeindruckt!
Kaum eine Stadt ist derart dynamisch. Wohnsiedlungen für mehrere Tausend Menschen sind nach 200 Tagen schlüsselfertig, und die Hochhäuser sind kein Abziehbild westlicher Konstruktionen, sondern Marke Eigenbau mit traditionellen Bambusgerüsten in oft schwindelnder Höhe. Vier Jahre nach Baubeginn eröffnete die erste U-Bahn-Strecke – bis heute frei von Graffiti, denn hier herrscht ein hohes Maß an sozialer Ordnung. Vandalismus ist ein Fremdwort.
Ssingssang (Guten Tag, Herr
)
Traditionelle chinesische Einflüsse muss man im Hochhausdschungel suchen. Aber man wird sie finden! Letztlich ist es der Reiz des Gegensätzlichen, was diesen Ort ausmacht: Moderne Architektur nach Regeln des Feng Shui, kleine Tempel eingezwängt zwischen Wolkenkratzern, grüne Oasen mit Schmetterlingen inmitten des Großstadtverkehrs.
Wir pendeln täglich zwischen Kowloon, der größten Stadt des Gebietes, und Hongkong Island, einer der wichtigsten Inseln. Obwohl der Hafen von mehreren Tunneln durchquert wird, wählen wir den gemächlichen Weg per Schiff und genießen die Skyline.
Wer Hongkong besucht, will hoch hinaus – nämlich auf den Victoria Peak; nicht der höchste, aber bekannteste Berg der Region. Mit einer romantischen Standseilbahn fahren wir bis zum Peak Tower mit seinen Läden, Restaurants und einem Panoramablick, der uns die Sprache verschlägt. Eigentlich muss man zweimal hinauffahren, am Tag und in der Dämmerung, wenn die Stadt uns mit Millionen Lichtern zublinzelt.
Einblicke in die chinesische Kultur gewährt uns ein Tempelbesuch, zum Beispiel im Wong-Tai-Sin-Tempel, einem friedvollen Farbklecks zu Füßen gigantischer Wohnblocks. Uns begegnen bunte Drachen aus Seidenpapier, prächtige Blüten und Weihrauchduft. Besonders faszinierend aber scheint dem westlichen Besucher das schlichte, zweistöckige Nebengebäude des Tempels. Hier reihen sich 160 Wahrsagerpraxen aneinander; ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens.
Und wieder gehts bergauf. Diesmal mit einer 880 Meter langen Rolltreppe, die vom Central Market in die Wohnviertel der Midlevels hinaufführt. Rechts und links fällt der Blick in kleine Querstraßen, die zusehends touristische Aspekte abstreifen. Auf einigen Ebenen gibt es günstige Gelegenheiten, bei einem Bierpäuschen den kommenden Tag zu planen.
Im Süden von Hongkong Island empfängt der Ocean Park täglich Besucherscharen. Neben Fahrgeschäften, einem Rundkino und einer unfassbar hohen Gondelbahn, die die beiden Hauptebenen verbindet, erwartet uns ein vierstöckiges Atollriff mit 5000 Fischen, Hai-Aquarium, Delfin-Show, zwei Pandabären und anderen tierischen Attraktionen.
taitai (Guten Tag, Frau
)
Die lokale Küche entspricht in etwa der kantonesischen. Böse Zungen behaupten, die Kantonesen äßen alles, was vier Beine hat (außer Tische), was schwimmt (außer Schiffe), was fliegt (außer Flugzeuge). Okay, Hühnerfüße, Qualle, Seegurke und Fischlippen sind vielleicht nicht jedermanns Geschmack. Aber das ist ja noch nicht das Ende aller Speisekarten. Gebratene Ente mit süßlichem Pflaumendip ist lecker! Und Frische der Zutaten ist oberstes Gebot. Hongkongs Restaurantlandschaft ist international. Vom indischen Curry bis zur schwäbischen Küche ist für jeden das Passende dabei.
Frisch gestärkt fürs Shopping? In den Einkaufszentren hängt die neueste Mode, bevor die Trends Europa erreicht haben. Noch interessanter ist der Besuch in einem chinesischen Kaufhaus, zum Beispiel Yue Hwa. Hier gibt es eine Etage nur für Massagesessel, wo auch fleißig Probe gesessen wird! Hauptachse von Kowloon ist die Nathan Road, ein 3,5 Kilometer langer Boulevard mit lebendigen Ladenstraßen. Shopping-Highlight aber sind die Nachtmärkte. Hier gibt es alles, und zwar zum kleinen Preis. Wer aber nach einem langen, aufregenden Tag am Sonnabend zum Nachtmarkt auf der Temple Street fährt, wird vermutlich nach wenigen Metern rückwärts wieder zur Metrostation taumeln. Denn hier tobt das Leben!
Gut erholt nach einer Woche Hongkong? Das vielleicht nicht, aber mit Sicherheit schwer beeindruckt und restlos
begeistert!
tide






