Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Hart an der Grenze
Rund um Deutschland
»Bonjour!«, »Salut!«,
»Goddag!«, »Goedendag!«, »Cześć!«, »Dobrý den!«,
»Griaß di!«, »Gruezi!« –
oder einfach »Hallo und guten Tag!«
Im Herzen Europas liegt unsere Heimat. Und Nachbarn haben wir gleich neun: Dänemark, Polen, Tschechien, Österreich, die Schweiz, Frankreich, Luxemburg, Belgien und die Niederlande. Grenzen? Die gibt es. Selten aber spüren wir sie. Denn wenn wir »rüberfahren«, sind meist die Grenzhäuschen leer, und die Urlaubskasse nicht mehr mit einer anderen Währung gefüllt.
Europa auf dem Weg zu einer Staatengemeinschaft: Unterschiedliche Nationen leben hier nebeneinander, miteinander und voneinander – über verschiedene Sprachen hinweg verweben sich Geschichte und Kultur. All dies ist Alltag dort, wo zwei Länder, zwei Sprachen, zwei Kulturen direkt aufeinander treffen. Überall dort also, wo Menschen »hart an der Grenze« leben, wohnen und arbeiten.
Ganz oben auf der Deutschlandkarte: Flensburg
Seit 1920 ist unser Tor zum Norden eine Grenzstadt zu Dänemark – gemeinsame Geschichte wurde schon vorher geschrieben. Und nachher. Bis heute: 2009 feiern die Flensburger 725 Jahre Stadtgeschichte und blicken dabei auf 400 Jahre dänische Regentschaft zurück.
Heute ist Flensburg Forschungs-, Marine- und Werftstandort, Stadt des guten Bieres, des gediegenen Tafelsilbers und der Handball-Hölle Nord; in der Förde finden Rum-Regatta, Apfelfahrt und der Grogtörn statt. Und für den einen oder anderen verwandeln sich hier die kleineren und größeren Verkehrssünden in lästige Punkte.
und ne Buddel voll Rum!
Seehandel und Segelschifffahrt brachten jahrhundertelang Säcke voll Tabak, Rohrzucker – und den Geruch von Abenteuer in die Hafenstadt. Wer versorgte die Waren aus aller Welt? Wie wurden sie verarbeitet? Und wo lagerten die Fässer voll Rum? Die Rum- und Zuckermeile führt ab Mai alle Neugierigen quer durch die Altstadt; etwa zwanzig Kaufmannshäuser und Hofanlagen erzählen aus längst vergangener Zeit und spinnen ihr Seemannsgarn.
Das gibt es auch auf einer anderen Entdeckungsreise. Der Kapitänsweg begleitet den Chef eines alten Handelsschiffes beim Landgang: Ware muss verzollt, das Entladen beaufsichtigt, Reparaturen am Schiff geordert, Matrosen müssen angeheuert werden. Mehr Geschichten? Gibt es im Schifffahrtsmuseum und im einzigen deutschen Rum-Museum.
Doch nicht nur der Hafen hat einiges zu bieten. Ein Bummel über den Südermarkt und durch die malerische Altstadtgasse Rote Straße führt zu Kunsthandwerk, Antiquitäten und kleinen Cafés – mit Spezialitäten aus Deutschland und Dänemark.
Von Pommerns Prinzen und einer Weißen Frau: Stettin
Politik und Staatsplanung haben 1945 ein neues Kapitel in das Geschichtsbuch Stettins geschrieben. Denn seither verläuft vor den Toren der Stadt die deutsch-polnische Grenze, gehört Szczecin zu Polen.
Nach dem Krieg war der alte Stadtkern fast vollständig zerstört. Doch ein Rundgang entlockt die Stadtgeschichte hinter der Staatsgeschichte. Im Mittelpunkt: das Jahrhundert der Pommern-Herzöge. Deren ehemalige Residenz liegt oberhalb der Oder im Nordosten der Altstadt. In den 80er Jahren rekonstruiert, finden hier heute Sommerkonzerte statt.
Verliebter Spuk
Gleich manch anderem Schloss rühmt sich das Stettiner einer »Weißen Frau«. Auch hier will man die umtriebige Dame schon gesehen haben. Doch wer ist sie? Fräulein Sidonie von Borcke, wunderschön, klug und vornehm verarmt, verzauberte einst Pommerns Prinzen Ernst Ludwig. Sein größter Wunsch war es, den »schönen Schwan vom Entenhofe« zu befreien. Der Erfolg blieb aus, da Hofintrigen Sidonie in Verruf brachten. Als Zauberin verbannte man sie in ein Kloster. Auch hier um ihre Klugheit beneidet, wurde sie der Hexerei angeklagt. Es heißt: Der Spuk solle erst enden, wenn kein Edelmann im ganzen Pommernlande mehr um Geld freit.
und andere Geschichten
Zurück in der Stadt laden die wunderschönen Fassaden des Alten Rathauses und der barocken Bürgerhäuser rund um den Heumarkt zum Verweilen ein. Ganz in der Nähe erzählt der mittelalterliche Siebenmäntel-Turm von der Schlitzohrigkeit eines Stettiner Schneiders. Angeblich sollte er dem Herzog von Pommern sieben Mäntel nähen, floh aber mit dem wertvollen Stoff und musste seine Strafe hier absitzen.
Den schönsten Blick auf Szczecin gibts vom Fluss aus: auf die Haken-Terrasse – ursprünglich erbaut Anfang des 20. Jahrhunderts und benannt nach ihrem Architekten. Die Stadt-Silhouette bestimmen drei monumentale Gebäude: das Stadtmuseum, die Seefahrthochschule sowie ein Regierungsgebäude. Von der 500 Meter langen Promenade schaut man wieder zurück über das gesamte Hafengelände.
Aachen, Kaiserstadt, du hehre
Mindestens einmal jährlich erklingt die 800 Jahre alte Hymne. Beispielsweise wenn der Internationale Karlspreis verliehen wird. Konrad Adenauer, Winston Churchill, Angela Merkel – und der Euro haben sie während des Dankes für ihre Bemühungen um Europa gehört.
Gleich drei Länder treffen bei Aachen aufeinander: Deutschland, Belgien und die Niederlande. Einst ließen sich Kelten, Römer, Franken und Karolinger zum Staatenlenken nieder – wohl nicht zuletzt wegen der heilenden Quellen. Übrigens verzichtet die Stadt auf den Zusatz »Bad«. Denn das B im Städtenamen würde in vielen Verzeichnissen den ersten Platz kosten.
Karl der Große: Vater Europas
Wer Aachen besucht, darf das Wahrzeichen der Stadt nicht auslassen: den Dom. Die einstige Kaiserpfalz wurde 1978 als erstes deutsches und zweites Kulturdenkmal weltweit in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Die achteckige Kapelle beherbergt den Königsthron.
Fast alle deutschen Könige zwischen 936 und 1531 haben darauf nach ihrer Weihung Platz genommen.
Eine süße Nachbarschaft verbindet Aachen mit Belgien: die Aachener Printen. Vermutlich stammen die ersten Gebäcke dieser Art aus Dinant. Im Gepäck mittelalterlicher Handwerker kamen die lebkuchenartigen Brote in die Stadt. Die Rezepte halten die Printen-Bäcker natürlich geheim.
Geschichten unter der Erde: Saarbrücken
Frankreich? Deutschland? Selbstständig? Zu wem sich das Saarland bekennen wollte und konnte, das kann man in der deutsch-französischen Geschichte lesen. Saarbrücken jedenfalls feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Großstadtjubiläum.
Am linken Saarufer steht das barocke Residenzschloss. Richtig spannend wird es allerdings erst unter der Erde – in den Kasematten Saarbrückens: eine wahre Zeitreise, vorbei an alten Wehrmauern, Schießscharten, Burggräben und einer mittelalterlichen Schießkammer.
Wieder am Tageslicht, lohnt sich ein Gang über die Hafeninsel zum Saarkran. Der heutige Kran ist allerdings eine Rekonstruktion des historischen alten Saarkrans, der von 1762 bis 1852 in Betrieb war.
Altstadtflair vermittelt ein Bummel durch die Gässchen rund um den St. Johanner Markt. Auch ein Blick in die verwinkelte Fröschengasse lohnt sich. Die einstigen Handwerkerhäuser waren teilweise an die Stadtmauer angebaut.
Arbeiten in der Schweiz – wohnen in Deutschland
So ergeht es vielen Bewohnern von Konstanz. Oder umgekehrt vielen Kreuzlingern – den Konstanzer Nachbarn auf der Schweizer Seite. Denn hier verläuft die Landesgrenze mitten durch die Stadt. Doch als gute Nachbarn arbeitet man zusammen, so zum Beispiel beim Seenachtfest. Gemeinsame Sache wird auch in puncto öffentliche Verkehrsmittel und Energieversorgung gemacht.
Wer hat schon das »Paradies« vor der Haustür? Seinen Namen erhielt der Stadtteil durch ein Kloster – heute haben die Nonnen Konstanz verlassen, der Name blieb. Das Paradies liegt wie die historische Altstadt auf der südlichen Seite des Rheins. Straßen, Häuser, Wehrtürme und Stadttore sind seit dem Mittelalter weitgehend unverändert. Fassadenmalereien erzählen immer noch die Geschichten von Kaisern und Konstanzern.
Schnupfkultur und Mozart-Stadt: Salzburg
Nach Stettin überschreiten wir nun noch einmal die deutsche Grenze – und besuchen Mozarts Geburtsstadt Salzburg in Österreich. Zu Fuß oder mit der Gondel geht es hinauf auf die 900 Jahre alte Festung Hohensalzburg. Sie ist Europas größte und am besten erhaltene Burganlage – unvergesslich bleibt der Ausblick über die Stadt.
Wie wäre es anschließend mit einer Fiaker-Fahrt? Von ein bis zwei Pferdestärken kutschiert geht es so auch am Salzburger Dom vorbei. Wer ein Päuschen braucht, erholt sich in der Schlossanlage Hellbrunn oder im Garten des Schlosses Mirabell. Hier gibt auch das Barockmuseum Einblicke in die europäische Schnupfkultur. Das Schnupfen aus exquisiten Dosen galt zeitweise als einzige gesellschaftlich akzeptierte Form des Tabakkonsums. Die Schnupftabakdose war »in« und musste zur Kleidung passen.
Apropos Kleidung! Charmant shoppen – dafür geht es in die Getreidegasse. Eng schmiegen sich hier Haus an Haus, Portal an Portal und darüber Zunftschild an Zunftschild. Die Innenhöfe mit ihren romantischen Lauben- und Bogengängen, steilen Treppen und schmucken Fassaden sind ein Erlebnis.
Mozart doppelt genießen
Haus Nr. 9 sollten Sie nicht auslassen. Hier wurde Wolfgang Amadeus Mozart 1756 geboren. Heute ist die Wohnung der Familie ein Museum. Zu sehen: Mozarts Kindergeige, seine Konzertgeige, sein Clavichord, das Hammerklavier, Porträts und Briefe der Familie.
Wer hätts gedacht? Nicht nur Wien, auch Salzburg hat eine Kaffeehauskultur. Ein kleiner Brauner, ein Mocca oder ein Verlängerter runden jeden Stadtbummel ab. Und dazu? Salzburger Nockerln oder ganz elegant – eine Salzburger Mozartkugel. So lässt sich Nachbarschaft leben!
mika












