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Donnerstag, 24. Mai 2012
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From Coast to Coast

Mit einem Extrembergsteiger unterwegs in England.

Eine steife Brise weht an der Küste von St. Bees. Mit aufgeschlagenem Kragen stehen wir an der Irischen See, der Westküste Englands. Hier beginnt sie, die inzwischen schon legendäre »From Coast to Coast«-Tour. Sie führt durch drei Nationalparks und trifft 190 Meilen weiter östlich (und ein paar Meilen südlich) in Robin Hood’s Bay auf die Nordsee.

Zwei Wochen lang werden wir bei echt englischem Wetter, echt englischem Essen und Bier unterwegs sein. Wie die Tradition es will, tauchen wir unsere Füße zu Beginn der Tour in die See und freuen uns schon jetzt darauf, es viele Schritte später auch auf der anderen Seite Englands zu tun. Wir sind unterwegs mit Extrembergsteiger Götz Wiegand. Normalerweise im Himalaya unterwegs, hat es ihm die Insel angetan, und bereits zum vierten Mal will er sie nun durchqueren.

Ein Pub ist nie fern
Man sagt, England kenne nur eine Art von Wetter, nämlich den Regen. Aber das stimmt nicht. Es gibt viele Abstufungen und Variationen. Beispielsweise kann es nieseln oder gießen, es gibt den Platzregen und den Sprühregen, und natürlich wechselt auch die Richtung, aus der er kommt: mal von vorn, mal von der Seite. Nass werden kann man eben auf sehr unterschiedliche Weise.

Aber so ist es dann doch nicht. Ein herrlich frischer Wind weht dem Wanderer um die Nase, die Wiesen und Weiden sind tiefgrün und selbst die Sonne scheint und verzaubert die idyllische Landschaft mit ihren kleinen, steinernen Hütten, die dann und wann mitten in der Landschaft auftauchen. Wenn man Glück hat, ist die Eine oder Andere ein Pub, in dem man sich vor einem romantischen Torffeuer mit einem kühlen Bier in der Hand von den Strapazen des Wanderns erholen kann.

Unsere Tour ist bekannt, der Etappenverlauf festgelegt und die Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten sehr begrenzt. So ist es nicht verwunderlich, dass wir immer wieder dieselben Wandersleute treffen. Am Abend wird dann von den Erlebnissen des Tages erzählt. Und natürlich werden die Größen der Blasen verglichen. Gemeinsam schwört man sich auf die nächste Tagesetappe ein.
 
Fast 13 000 Höhenmeter in zwei Wochen
Unser Reiseleiter ist ein Bergmensch. Ihn lockt es Jahr um Jahr in den fernen Himalaya. Dort besteigt er Sieben- und Achttausender. Aber irgendwie hat es ihm diese Tour angetan. Warum auch nicht? Schließlich werden wir in den 14 Tagen zusammengerechnet knapp 13 000 Höhenmeter zurücklegen. Das ist selbst für einen erfahrenen Bergsteiger viel. Götz ist der festen Meinung, dass es wesentlich anstrengender sei, durch England zu laufen als beispielsweise auf den Ararat zu steigen. Eine Bemerkung, die uns noch eine Spur stolzer macht und unsere Entschlossenheit, alle Strapazen gut hinter uns zu bringen, in neue Höhen katapultiert.

Zu Fuß unterwegs sein, mit Zelten in Rucksäcken oder verstaut im Begleitauto, die Mahlzeiten selbst kochen, den ganzen Tag draußen sein, umgeben vom rauen Wind, der einem um die Nase weht, jeden Abend die Sehnsucht nach einem Bett … mehr scheint es nicht zu brauchen, um glücklich zu sein. Keiner vermisst edle Restaurants, Fast-Food-Ketten oder Einkaufspassagen. Nur eine heiße Wanne, die wäre nach so manch durchlaufenem Regentag schön.

Wettstreit der Campingköche
Allmorgendlich sind wir schlagartig wach, sobald uns die fettigen Würstchen, die Eier und der gebratene Schinken serviert werden; »Full english breakfast« nennt sich so etwas. Doch wir lernen dazu und gehen bald fast alle zum Porridge über. Den Rest des Tages aber wird meist selbst gekocht. Zu diesem Zweck sitzen wir auf der Wiese, auf Felsen oder auch auf Bänken – je nachdem, was die Umgebung gerade so hergibt. Der Speiseplan ist relativ überschaubar und reicht von einer leckeren Suppe über in Zwiebeln angebratenen Pilzen (Marke: selbst gesammelt) bis hin zu einfachem Brot mit würzigem Belag wie etwa Käse oder Salami.

15 Kilometer am Tag sind Minimum, meistens sind es mehr – darum brauchen wir diese Stärkung. Denn erst am Abend, wenn wir das Etappenziel erreicht haben, wird es die nächste warme Mahlzeit geben. Die bestellen wir uns meist in den kleinen Gasthäusern der Dörfer, in denen wir übernachten. Die Kost hier fällt besonders deftig aus, für Vegetarier ist die Tour dagegen umso härter.
 
Am Ziel angekommen
Schließlich ist es so weit: Wir riechen das Meer. Oder bilden wir es uns nur ein? Über eine lange Ebene überwinden wir die letzten Meter, vernehmen das Möwengeschrei und ... ja: sehen tatsächlich die brandende Nordsee.

Wir erreichen die ersten Häuser in der Robin Hood’s Bay und treffen alte Bekannte: Die beiden älteren Herren aus Australien sind schon da. Zwar haben sie einige Etappen im Bus zurückgelegt, aber sie sind hier, am Endpunkt des »Coast-to-Coasts« und sind glücklich. Zu Recht, haben wir doch einen der härtesten Trecks hinter uns
gebracht!  sawi

Es war der Journalist Alfred Wainwright, der Anfang der 70er-Jahre eine Wanderroute zwischen der Irischen See und der Nordsee festlegen wollte, die nach dem englischen Wegerecht ein Wandern ohne großartige Umwege möglich macht. Im Laufe der Zeit hat sich zwar im Detail so mancher alternative Streckenverlauf eingeschlichen, un dauch über die genaue Anzahl der Etappen wird in Fachkreisen gern debattiert, doch die Route in ihren Grundzügen ist nach wie vor dieselbe. Länge: ca. 306 Kilometer
Verlauf: Saint Bees Head, Ennerdale Bridge, Rostwaite, Grasmere, Patterdale, Shap, Kirkby Stephen, Keld, Reeth, Richmond, Oaktree Hill, Osmotherley, Blakey Ridge, Littleback, Robin Hood´s Bay. Man sollte 16 Tage für die Tour einplanen.

Anforderungen: Die Durchquerung Englands von »Coast to Coast« ist ein anspruchsvolles Unternehmen. Es müssen mehr als 300 Kilometer zurückgelegt werden. Einige Tagesetappen überschreiten die 30-Kilometer-Länge. Dabei sind gravierende Höhenunterschiede zurückzulegen. In den Nächten kann es in den Zelten auch mals sehr kalt werden und mit Regen muss täglich gerechnet werden. Für diese Herausforderungen benötigen alle Teilnehmer Trittsicherheit sowie eine gute Kondition und Ausdauer. Wandererfahrungen sind Voraussetzung.

Details zu dieser und vielen weiteren reizvollen Wandertouren gibt es unter www.fernwege.de

Das rituelle Eintauchen der Füße zu Beginn der Tour. Aber auch später tut ein Fußbad immer wieder gut!
Sattgrüne Landschaften belohnen der Wanderer für so manche regnerische Etappe.
Fotos: S. Wiegand (5)