Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Es war einmal
30 Jahre „Deutsche Märchenstraße“
Mal ehrlich: Wie lange liegt Ihr letzter märchenhafter Ausflug oder Urlaub zurück? Zwei Jahre? Oder sogar zehn? Dann gibts nur eins: Auf zur „Deutschen Märchenstraße“. Schließlich kann in diesem Fall das Resümee bereits vorab gezogen werden, denn auf der Route Grimmscher Märchen kann man sich mehr als 70 Mal verzaubern lassen. Ebenso viele Stationen mit märchenhaften Bezügen laden auf der über 600 km langen Strecke zwischen Hanau und Bremen zum Verweilen ein.
Eine Sagen-hafte Sammlung
In diesem Jahr feiert die Deutsche Märchenstraße ihr 30-jähriges Jubiläum – als ihre eigentliche Geburtsstunde aber kann durchaus der Beginn des 19. Jahrhunderts angesehen werden. Zu jener Zeit nämlich begannen die Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm als junge Studenten des Rechts nebenbei mit der Erforschung der Volksliteratur.
Die Brüder Grimm – die Bezeichnung „Gebrüder“ spielt weniger auf die verwandtschaftliche Zugehörigkeit an, als vielmehr auf ihr gemeinsames Wirken – waren zwar nicht die Ersten, die volkstümlichen Erzählungen nachforschten, niemals zuvor aber sind Erzählungen so systematisiert worden wie die später von ihnen veröffentlichten „Kinder- und Hausmärchen“. Wer allerdings glaubt, dass die beiden Gelehrten von Ort zu Ort gezogen sind und dem Volk mit einem Stift in der Hand aufs Maul geschaut haben, irrt. Tatsächlich ließen sie sich den Großteil ihrer Geschichten zutragen. Insbesondere zwei Bürgerfamilien aus Kassel sowie die aus Frankreich stammende Dorothea Viehmann versorgten Jacob und Wilhelm Grimm mit weit gestreutem Erzählgut, welches von ihnen literarisch überarbeitet und sprachlich geglättet wurde. Irreführend ist auch der Titel ihrer Textsammlung, denn sie umfasst gleichermaßen Märchen und Sagen (mehr Infos dazu weiter unten).
Von Hanau nach Marburg
Die „Deutsche Märchenstraße“ vereint Lebensstationen der beiden Sprach- und Literaturwissenschaftler mit Regionen, in denen so manche der Geschichten angesiedelt sind. Ihren Anfang macht sie in Hanau, der Geburtsstadt der Brüder Grimm. Und dort sind die beiden auch heute noch anzutreffen, und zwar in Stein erstarrt als Denkmal auf dem Marktplatz. Mehr Bewegung versprechen da wohl eher die Brüder-Grimm-Märchenfestspiele, die alljährlich von Mai bis Juli/August mit verschiedenen Freilichtaufführungen anlocken.
Wer 2006 dabei sein will, kann sich ab Februar telefonisch das Programm anfordern: Telefon (0 61 81) 2 01 44.
Nach einem Linksschlenker Richtung Steinau an der Straße, wohin Vater Grimm als frisch ernannter Amtmann 1791 mit seiner 7-köpfigen Familie übersiedelte, steuert die Route die Universitätsstadt Marburg an. Hier schrieben sich die Brüder 1802 bzw. 1803 als Studenten der Rechtswissenschaften ein. Dass sie ausgerechnet an dieser Stätte ihr Interesse für (märchenhafte) Stoffe entdeckten, mag vielleicht auch mit der zauberhaften Architektur zu tun haben, die sich die Stadt weitgehend bis heute bewahren konnte. So hütet Marburg die früheste reingotische Kirche Deutschlands, die Elisabethkirche, die bis zur Reformation als herausragende Wallfahrtsstätte des Abendlandes galt. Nicht minder schön präsentiert sich das Umland: Viele dieser Landschaften finden sich als Illustrationen des Marburgers Otto Ubbelohde in den Erstausgaben der Grimmschen Märchensammlungen wieder.
Von Kassel nach Polle
Kassel ist mehr als nur geografisches Zentrum der Deutschen Märchenstraße. Die Brüder Grimm haben viele Jahre ihres Lebens dort verbracht, zunächst als Kinder in der Obhut ihrer Tante Henriette und nach den Studienjahren zusammen mit ihrer Mutter. Es war über weite Strecken eine Zeit der Entbehrungen, denn nach der Okkupation Kassels durch die französischen Truppen verloren Jacob und Wilhelm Grimm ihre Anstellung in der Kurfürstlichen Bibliothek.
Für Ausflügler, die nicht gerade die Documenta besuchen wollen, bietet sich ein Abstecher ins Brüder-Grimm-Museum im Palais Bellevue an (täglich geöffnet). Geradezu wissenschaftlich wird es in der Murhardschen Bibliothek, dem Sitz des Brüder-Grimm-Archivs und der Brüder-Grimm-Gesellschaft Kassel.
1829 wurden Jacob und Wilhelm an die Universität Göttingen berufen, wo sie 8 Jahre lang lehrten. Zu diesem Zeitpunkt genossen sie über ihr hohes Ansehen hinaus auch einen gewissen Wohlstand, was man von der Gänseliesel aus dem gleichnamigen, hier beheimateten Märchen nicht gerade behaupten kann. Am Ende aber – wie sollte es anders sein –
findet auch sie ihr Glück, erlöst sie doch den in eine Gans verwunschenen Grafensohn mit einem Kuss von seinem Schicksal. Wer umgekehrt die hübsche Gänsemagd küssen möchte, sollte sich zum Marktbrunnen der Stadt begeben, wo die Statue der hübschen Magd zu bewundern ist.
Eine weitere berühmte Märchenfigur erwartet den Pilger in Polle, denn hier ist Aschenputtel zu Hause. Wer die Geschichte um das schöne Mädchen und seine beiden missgünstigen Schwestern live-haftig erleben will, hat an jedem 3. Sonntag zwischen Mai und September auf der Burg Polle Gelegenheit dazu.
Von Hameln nach Bremen
Missgunst ist es auch, die den um seinen Lohn betrogenen „Rattenfänger von Hameln“ zum Rachefeldzug schreiten lässt. Ein gutes Ende nimmt dieses Märchen wahrlich nicht, müssen doch gut 130 Kinder für den Geiz ihrer Eltern mit dem Leben bezahlen. Kein Grund jedoch, dem Ort vorschnell den Rücken zu kehren – ein Besuch der Glashütte und ein Abstecher in den Freizeitpark Rastiland lohnen allemal.
Die letzte große Station auf der „Deutschen Märchenstraße“ ist Bremen – und hier werden all jene entschädigt, denen der Schrecken über die Tat des Rattenfängers noch in den Knochen steckt. Ein Märchen, so erwarten es wohl die allermeisten, sollte möglichst gut ausgehen, und das trifft auf „Die Bremer Stadtmusikanten“ zu. Die Hansestadt zeigt sich aber nicht nur tierliebend, sondern auch höchst besucherfreundlich. Besonders zu empfehlen ist der alte Stadtteil Schnoor. Wer beispielsweise Geschichte hautnah erleben will, kann in der interaktiven Ausstellung „ZeitRaum“ in die Rolle eines Kapitäns schlüpfen
und geradezu märchenhafte Stunden erleben.
Begriffs-Glossar
So wissenschaftlich die Gebrüder Grimm bei ihren Recherchen auch vorgegangen sind, zwischen Märchen- und Sagenstoffen haben auch sie nicht klar unterschieden. In der Tat hat eine Trennung beider Gattungen in der Regel nur theoretisches Gewicht, denn in der Praxis sind die Grenzen oftmals fließend. Dennoch gibt es – zumindest auf dem Papier – gewisse Richtlinien, die ein wenig Licht in den Begriffsdschungel bringen.
Erzählung - Grundsätzlich ist jede Form der Darstellung eine Erzählung, ob in mündlicher oder schriftlicher Form. In der Literaturwissenschaft hat sich die Erzählung als Oberbegriff für so unterschiedliche Textformen wie Novelle oder Kurzgeschichte etabliert. Im modernen Sprachgebrauch bezeichnet sie einen im Umfang begrenzten Text, der eine mehr oder weniger in sich abgeschlossene fiktive Geschichte wiedergibt.
Sage - Die Sage bezeichnet eine mündlich überlieferte Erzählung, die niedergeschrieben worden ist. Sie hat gegenüber dem Märchen einen gewissen Realitätsanspruch und weist örtliche, manchmal auch zeitliche Bezüge zu wahren oder auch für wahr gehaltene Begebenheiten auf.
Märchen - Der Begriff leitet sich aus dem mittelhochdeutschen „maere“ ab und kann mit „Nachricht“ oder „Botschaft“ übersetzt werden. Per Definition handelt es sich um eine kürzere Prosaerzählung mit rein fiktivem Inhalt und mal mehr, mal weniger fantastischen Elementen. Die Handlung ist weder zeitlich noch räumlich festgelegt. Im Gegensatz zum Mythos akzentuiert das Märchen die Unterscheidung zwischen Gut und Böse.
Informationen
Nähere Infos zur Deutschen Märchenstraße und den regionalen Veranstaltungen finden sich unter:
www.deutsche-maerchenstrasse.de
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