
Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Es lebt sich gut am »Keil des Meeres«.
Rund 800 nach ihrer Gründung präsentiert sich »Tom Kyle«, so der historische Name von Kiel, mit deutlich mehr als nur Meer-Flair.
Was, möchte man fragen, fällt den Deutschen in den südlicher gelegenen Bundesländern spontan zur schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt wohl ein? Natürlich ist da die Kieler Woche als weltgrößtes Segelsportereignis. Und dass hier gleich zwei Mal Olympia-Geschichte geschrieben wurde, dürfte ebenfalls bis ins tiefe Bayern bekannt sein. Doch schon bei den Kieler Sprotten wird es problematisch, denn eigentlich gehören die herkunftstechnisch nach Eckernförde.
Bedeutet das etwa, dass die Stadt an der Förde auch im 21. Jahrhundert ein noch weitgehend unbeschriebenes Blatt ist? Mit Sicherheit nicht. Vielmehr ist der Verdacht zulässig, dass das typisch norddeutsche Understatement das Potenzial der schleswig-holsteinischen Metropole zuverlässig deckelt. Frei nach dem Motto: tue Gutes und schweige darüber.
In Wahrheit ist Kiel auch Geburtsstätte vieler Hightech-Produkte, ein überaus bedeutender Wirtschaftsstandort, die Wiege vieler kluger Köpfe und mit seiner Attraktivität für Kreuzfahrtschiffe nicht zuletzt das Tor zum skandinavischen Raum. Nimmt man noch die außergewöhnliche Lebensqualität und Familienfreundlichkeit hinzu, die der Stadt attestiert werden, ergibt dies in der Summe einen überzeugenden Top-10-Platz, den Kiel im Rahmen einer bundesweiten Befragung unter 34 deutschen Großstädten als Stadtmarke erzielt hat.
Acht Museen, ein Ziel.
Allem Wissen um die Friedfertigkeit dieser riesigen Meeresbewohner zum Trotz erstarrt der Besucher doch für einen Moment vor Respekt – obwohl der Blauwal vor seinen Augen nur noch als Skelett existiert und bewegungslos in der Luft zu schweben scheint. Es schmückt das Foyer des 1881 gegründeten Kieler Zoologischen Museums und bildet den beeindruckenden Auftakt zu einem Streifzug durch die Wissenschaftsgeschichte.
Durch die radikale Abkehr vom Museum als Kuriositätenkabinett und koloniale Schaubühne hin zur Forschungsstätte mit hohem Authentizitätsanspruch hat sich das Haus bereits frühzeitig weit über die Grenzen hinaus einen guten Ruf erworben.
Das Zoologische Museum gehört zu einem von insgesamt acht Kieler Museen, die sich unter dem schönen Titel »Museen am Meer« zusammengeschlossen haben. Getragen wird das EU-Förderprojekt von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, dem Leibniz-Institut für Meereswissenschaften IFM-GEOMAR und der Landeshauptstadt Kiel.
Ihr gemeinsames Ziel ist es, den wissenschaftlichen und kulturellen Stellenwert der Stadt und des Bundeslandes Schleswig-Holstein dem breiten Publikum bekannter zu machen.
»Wir haben selbstverständlich nicht nur die Kieler im Auge, sondern auch die vielen Kreuzfahrttouristen, die in steigender Zahl die Stadt besuchen«, sagt Eva-Maria Zeiske von Kiel-Marketing, die diese Initiative touristisch unterstützt und begleitet.
An letztere Zielgruppe wendet sich auch die mehrsprachige Broschüre »Kiel to go«. »Wir erleben es immer wieder, dass insbesondere die Kreuzfahrtpassagiere die Terminals kaum verlassen aus Sorge, die Abfahrt zu verpassen«, bemerkt die Fachfrau für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit mit einem Schmunzeln.
Ob der Touren-Flyer diese Sorge nehmen kann, sei einmal dahingestellt – in jedem Fall aber listet er verschieden lange Streifzüge mit unterschiedlichen Anlaufpunkten auf. Manche von ihnen führen auch zu historischen Bauwerken, von denen die Stadt im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs die meisten einbüßen musste.
Vom Seekriegshafen zur Wohlfühl-Adresse.
Wie viele andere Städte erfuhr auch Kiel seinen entscheidenden Aufstieg zur Großstadt im Zuge der Industriellen Revolution – in diesem Fall mit maritimem Vorzeichen.
Unter preußischer Verwaltung wurde die Stadt 1867 zum Kriegshafen des Norddeutschen Bundes erklärt, woraufhin der Schiffsbau zu florieren begann und Facharbeiter an die Förde lockte.
Zählte die Stadt 1885 noch rund 50.000 Einwohner, so waren es 1918 bereits 300.000.
Werftarbeiter und ihre Familien stellten das Gros der Einwohner in diesen Jahren der Expansion dar, ergänzt von zahlreichen Handwerksbetrieben und Studenten, die an der 1665 gegründeten Christian-Albrechts-Universität zu Kiel eingeschrieben waren.
Eine bunte Mischung also, die allerdings immer noch unter dem Diktat einer strengen Klassengesellschaft stand, wie sie das wilhelminische Deutschland kennzeichnete. Adel, Bürgertum und Proletariat blieben weitgehend voneinander abgeschirmte Schichten, allein die Kaisertreue einte sie.
Es waren Kieler Arbeiter, die im November 1918 an der Seite der Matrosen diese Treue endgültig aufkündigten und so den Sturz der Monarchie einleiteten. Am Fortgang der deutschen Geschichte konnte aber auch dies nichts ändern.
Wie überall in Deutschland fanden auch in Kiel so genannte »Säuberungsaktionen« durch die Nazis statt, und als der Zweite Weltkrieg ausbrach, dauerte es nicht lange, bis die Stadt als strategisch wichtiger Marinestandort Ziel von massiven Bombenangriffen wurde. Bei Kriegsende war insbesondere die City
weitgehend zerstört.
Der Sozialdemokrat und spätere Oberbürgermeister Andreas Gayk (1893 – 1954) sorgte dafür, dass die Stadt in vergleichsweise kurzer Zeit wieder ein lebenswertes Gesicht erhielt. Er setzte sich ehrgeizig für den Wiederaufbau ein; dass der nicht an das Erbe der Vergangenheit anknüpfen konnte, war, wie in vielen anderen Städten auch, der Zeitnot und natürlich auch den klammen Kassen geschuldet.
Beschauliche Ecken, belebte Plätze.
Wer in Kiel zuhause ist, kennt die Orte, die Erholung bieten. Für den Einen ist es das Hindenburgufer, das spätestens am Wochenende zur Flaniermeile avanciert, für den Anderen das Düsternbrooker Gehölz, das auf Höhe des Tirpitzhafens in die Parkanlage »Forstbaumschule« übergeht. Und wer einigermaßen trainiert ist, schafft es mit dem Rad innerhalb von vierzig Minuten sogar nach Falckenstein, dem nächstgelegenen Strand.
In den Sommermonaten zählt er nicht zuletzt auf Grund seiner Weitläufigkeit zu den beliebtesten Ausflugszielen für Wasserratten und Sonnenhungrige; in der kühleren Jahreszeit dagegen kommen die Spaziergänger, Hundehalter und Flugdrachenbesitzer wieder auf ihre Kosten.
Im Zuge des Kieler Kultursommers, der seit 2000 jährlich ausgerufen wird, wird aber vor allem die Stadt selbst zum Magneten für Unternehmungslustige und Vergnügungssüchtige.
Hierbei hat sich der Schwerpunkt weniger verlagert als vielmehr zersplittert. Neben dem ehemaligen Hauptanziehungspunkt, der Promenade zwischen dem neuen Cruise Terminal Ostseekai und dem Kieler Yacht-Club im nördlichen Teil der Stadt, gibt es längst auch weitere Adressen, an denen sich viel Leben abspielt.
Da ist einmal der Bootshafen mit seinen langen Sitzbänken und der im Sommer installierten Wasserbühne, wo an den Wochenenden ein wechselndes Programm geboten wird. Und wer weiter Richtung Bahnhof schlendert, gelangt auf der Wasserseite schließlich zur Hörn, die das Ende der Förde markiert und wo seit 1999 alljährlich im August das Duckstein Festival zu Live-Musik, Artistik und Akrobatik einlädt.
Zuletzt sei noch auf ein Geburtstagskind hingewiesen, das erst jüngst 100 Jahre alt geworden ist: das Kieler Rathaus. Auch wenn die Festwoche anlässlich dieses Ereignisses bereits Vergangenheit ist, lohnt allein schon der Besuch des 106 Meter hohen Turms.
Dass er optisch dem Markusturm in Venedig nachempfunden ist, mag für Ausflügler und Urlauber vielleicht noch von Interesse sein; die Kieler selbst hingegen bemühen diesen Vergleich kaum noch und unterstreichen damit die Eigenständigkeit ihres städtebaulichen Herzstücks.
Längst schon sind aus Platzgründen viele Abteilungen ausgelagert und im »Neuen Rathaus« untergebracht; dennoch hat der Turm von seiner Bedeutung als ein Wahrzeichen der Stadt nichts eingebüßt.espa
Viel Kunst in Kiel.
Zweifellos hat diese Erfahrung jeder schon mal gemacht: Da läuft man regelmäßig an einem Denkmal oder Kunstwerk vorbei, erfreut sich an seiner Existenz – und weiß doch nichts Näheres über seinen Hintergrund, wenn überhaupt. In Kiel warten gleich 375 Objekte auf den Betrachter, folgt man der Sammlung an Kunstwerken und Denkmälern, die Jens Rönnau, gebürtiger Kieler und freier Journalist, in seinem 500 Seiten starken Buch »Open Air Galerie Kiel. Kunst und Denkmäler« in Bild und Text zusammen-getragen hat.
Ursprünglich in einer Kolumne der Kieler Nachrichten veröffentlicht, präsentieren sich die Erläuterungen zu den einzelnen Objekten jetzt chronologisch sortiert in einem dicken Band. Dank der Recherchen des Autors erfährt man alles Wissenswerte über die Entstehungsgeschichte der Kieler Kunst im öffentlichen Raum – und zwangsläufig auch mehr über die Geschichte der Stadt.











