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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Erleben Sie sein blaues Wunder

Das Porträt eines Künstlers

„Böses und Blaues“ lautet der skurrile Titel einer Reihe von Bildern
Friedhelm Maria Leistners – und das stellt den Betrachter erst mal vor offene Fragen. Was könnte gemeint sein? Tatsache ist jedenfalls, dass der Künstler seine Bilder in antik goldene Rahmen setzt, in denen man die Konterfeis x-beliebiger Adliger vermuten würde, stattdessen kommt uns aber allerlei Getier entgegen.

Weniger in der für Adligen-Porträts so typisch würdevollen Weise als vielmehr verstört, ironisch und bisweilen äußerst bissig. Der Clou: Der Rahmen ist immer zuerst da. Jedes ihn später ausfüllende Bild wird inhaltlich, farblich und kompositorisch auf den Rahmen abgestimmt.

Doch zurück zur Frage, worum es bei den Bildern eigentlich geht. Am besten, man fragt den Schöpfer der Werke selbst. Der nämlich gibt an, schlichtweg nur unterhalten zu wollen.

Der vorgezeichnete Weg

Der 1964 im westfälischen Gütersloh geborene Friedhelm Maria Leistner sollte zeitweilig zum Globetrotter mutieren. Auf das Abitur und die anschließende Lehre zum Lithographen folgte ein Studium des Kommunikationsdesigns. Kiel, Angoulême und New York sind die Eckpunkte jener Jahre, die 1993 mit dem Erwerb des Diploms gekrönt wurden. Mittlerweile lebt und arbeitet der Bildermacher, wie er sich selbst bezeichnet, in Berlin. Was er an unserer Hauptstadt schätzt, ist, dass die Menschen Mut zur Courage zeigen. Die letzten Jahre hat Leistner damit zugebracht, mit seiner Freundin für sie und die zwei Töchter ein Nest zu bauen.

Von Künstlern und ihren Vögeln

Hört man das Wort Künstler, so „schwingt“ für viele automatisch das zugehörige Federtier gleich mit nach dem Motto: Künstler haben ja alle einen V…
Stimmt, denn auch Leistner hatte einen. Einen großen sogar, wenngleich äußerst realen. Seine auf den Namen Cuonrath (Konrad) getaufte Rabenkrähe brachte es auf eine imposante Flügelspannweite von 85 cm. Gehackt hat sie dem Vernehmen nach nicht, Friedhelm jedenfalls nicht.

Doch schon bald musste er Federn lassen. Kurz nachdem ein ehemaliger Mitbewohner Krähe Cuonrath in Abwesenheit Friedhelms beinahe verhungern ließ und dessen folgerichtige Schelte mit den Worten „der nervt!“ abtat, wilderte er den Vogel aus und entzweite sich mit dem Zimmernachbarn.

Illustratorische Gesellschaft

Ein Spiel, das der Maler immer wieder gern mit Kindern spielt, ist „Der zeichnende Roboter“. Die Kinder machen ihm Vorgaben, was er zu Papier bringen soll, und der Maestro in seiner Funktion als alles-malende Maschine legt los. Dabei ist Friedhelm ein schwierig „auszumalender“ Gegner. Das hat seine Mitspieler mitunter auch frustriert. Die Tochter einer ehemaligen Mitbewohnerin war so enttäuscht, dem „Roboter“ nicht seine Grenzen aufzeigen zu können, dass sie sich mucksmäuschenstill in die Ecke setzte. Erst nach gutem Zureden der Mutter flüsterte sie dieser schließlich etwas ins Ohr. Woraufhin die Mutter den Wunsch des schüchternen Kindes weitertrug, er möge doch mal etwas zeichnen, was er nicht zeichnen kann.

Er macht in Reklame

Diese Fähigkeit macht sich Friedhelm vor allem in der Werbung zunutze. Dort sind seine Dienste sehr gefragt. Auf der Haben-Seite seiner Referenzen stehen unter anderem Kunden wie Mercedes, Procter & Gamble und Schöller Eis bzw. deren Etats betreuende Werbeagenturen. Hier erstellt er Storyboards, Scribbles und Layouts Ersteres ist eine Art Comic-Vorlage für einen Werbefilm, Scribbles sind die in unterschiedlich schnellem Strich hergestellten Ideen-Skizzen, die als Entscheidungshilfe dienen oder dem Fotografen vorgeben, was er fotografieren soll. Und Layouts schließlich sind Entwürfe, die veranschaulichen, wie etwas später in gedruckter Form aussehen könnte.

An derlei Anglizismen stört sich Friedhelm nicht, aber seine Schmerzgrenze liegt dort, wo sich ein Sachverhalt im Deutschen besser ausdrücken ließe. Wenn er am „Ssssäpp“ (ZAB), also dem ZeilenABstand, feilen soll, dann amüsiert ihn das in höchstem Maße.

Ausgleichende Gerechtigkeit

In der Werbung beschränkt sich Friedhelms Wirken meist auf das Umsetzen der Kreationen anderer. Mehr sei meistens nicht drin, denn Werber reagierten selbst auf konstruktive Kritik äußerst sensibel. Entsprechend vorsichtig ist er im Umgang mit ihnen geworden. Dabei stünde so manchem Zeitgenossen seiner Ansicht nach eine Lektion in Sachen Demut gut zu Gesicht. Vorzugsweise der Besuch eines Shakespeare-Stückes könnte Abhilfe schaffen. Einen wie ihn gibt es kein zweites Mal, so Leistners Überzeugung. Jeder Satz zeichne sich durch eine enorm hohe Innovations- und Informationsdichte aus, davon könne sich jeder „Alle Köstlichkeit der Tropen“-Texter eine Scheibe abschneiden.

Zum Ausgleich widmet sich Friedhelm gern dem Zeichnen seiner eigenen Bilder. Hier hat er die Kontrolle, hier redet ihm niemand rein. Als ein „Sich-Ausleben“ bezeichnet er das dennoch nicht, dafür entstehen seine Bilder viel zu kontrolliert, wie er sagt.

Aus-gezeichnet

Manche seiner Projekte verlaufen auch schnell im Sande. Grund sei die mangelnde Bereitschaft, für Kunst monetäre Mittel in angemessener Höhe bereitzustellen. Über diese Hürde stolperte auch sein „Daily Cartoon“. Zwar verschickte er diese Cartoons an über 140 Tageszeitungen, aber zu viele Ungereimtheiten standen dem gegenüber. Entweder hatten diese einen Haus- und Hofzeichner oder bedienten sich aus einem Pool, oder er zeichnete gegen Gelegenheitszeichner an, die für Ruhm und Ehre arbeiten – ein Luxus, der sich mit einer zu versorgenden Familie im Hintergrund eher schwierig gestaltet.

Wieder auf Kul-Tour bringen

Nur allzu gern würde Friedhelm seine Ausstellung „Böses und Blaues“ wieder auf Wanderschaft schicken. Allerdings sucht er hierfür noch nach geeigneten Kooperationspartnern, die dem Ereignis einen gebührenden Rahmen verleihen können. Der geneigte Interessent kann sich auch für eine Ausstellungsverteilerliste anmelden, kurze E-Mail nebst Postleitzahl an koop@der-zeichner.de genügt. Mit offenen Armen empfangen werden auch Unternehmer, die sich vorstellen könnten, in gemeinsamer Koproduktion allerlei Jahresgaben wie etwa Kalender oder limitierte Produkte zu veröffentlichen. Garniert mit reichlich Motiven des Künstlers, versteht sich!

ath

Fotos: Leistner