Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Ein Meer zum Anfassen
Der Meeresbiologe Karl Deutschmann bringt Menschen die Fauna der Ostsee ganz nah - an Land und zur See.
Sieht man von den wenigen warmen Wochen im Jahr ab, in denen es uns hier zu Lande vergönnt ist, den Blick auch einmal unterhalb der Meeresoberfläche schweifen zu lassen, ist den Meisten die Ostsee vermutlich so fremd wie jedes andere Meer auch. Doch selbst das, was sie fortlaufend an die Strände spült, wie etwa leere Krabbenpanzer, wirft für viele Fragen auf.
In der Meeresbiologischen Station Laboe werden diese Fragen beantwortet – verständlich, praxisnah und zuweilen mit so manchem Gischtspritzer. Denn neben Führungen durch die Aquarienwelt bietet die Einrichtung auch Fahrten auf der stationseigenen MS »Sagitta« an. Zwölf Passagiere haben dann Gelegenheit, mit auf Fang zu gehen, um auf diese Weise Bekanntschaft zu schließen mit der baltischen Unterwasserwelt. Möglich macht dies der Diplom-Biologe Karl Deutschmann.
Selbst ist der Mann
Die Bezeichnung »Station« ist treffend gewählt – ebenso gut könnte man sich das Gebäude auch in polaren Breiten vorstellen, Welten von jeder Zivilisation entfernt und bestenfalls per Helikopter erreichbar. So schlimm ist es dann aber doch nicht, allein 200 Meter liegen zwischen dem nächstgelegenen Parkplatz und dem von Dünengras umsäumten Haus am äußersten Ende der Kieler Förde. Und dennoch: Dass Karl Deutschmann auch in unwirtlichen Regionen seinen Mann stehen würde, ist durchaus vorstellbar. Der gebürtige Bayer strahlt Entschlusskraft aus. Nach diversen Tätigkeiten, eingeschlossen einer mehrjährigen Beschäftigung als Berufstaucher, die ihn unter anderem für eineinhalb Jahre ans Rote Meer in Nordafrika lockt, sowie dem Studium der Meeresbiologie, hat er die Station quasi im Alleingang aufgebaut.
»Ursprünglich wollte ich vom Wasser aus agieren«, sagt der gelernte Bankkaufmann, »aber dann ergab sich die Möglichkeit, dieses Gebäude hier in Pacht zu erwerben.« Gemeint ist das Herzstück einer ehemaligen Campinganlage. Lange Zeit stand das Haus leer, später drohte sogar der Abriss – dann trat Deutschmann auf den Plan, investierte Arbeit und Geld, erweiterte die Grundfläche auf 170 Quadratmeter und eröffnete 1999 schließlich sein neues Geschäftsfeld. Und warum? »Wir haben die Ostsee vor der Tür, aber was in ihr so lebt, wissen nur die wenigsten. Ich möchte Interessierten dieses Reich näherbringen – und das in verständlichen Worten.«
Deshalb beschäftigt er nur Mitarbeiter, die ihr Wissen auch anschaulich vermitteln können. Und aus demselben Grund fehlen Schautafeln neben den Becken – die Besucher werden immer persönlich herumgeführt. Entweder von ihm selbst oder von einem der rund 20 Mitarbeiter an Land und auf See. In der Regel sind das Studenten der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel, die auf diese Weise auch schon praktische Erfahrungen sammeln können.
»Der beißt nicht!«
Die junge Dame, die sich meiner annimmt, heißt Frau Pflicke
und hat das Studium bereits hinter sich. Wir stehen vor einer Seekarte, auf der die Ostsee weißflächig abgebildet ist. 10 000 Jahre ist dieses Meer erst alt – geologisch betrachtet also quasi ein Gewässer im Embryonenalter und mit gut 400 000 Quadratkilometern Ausdehnung vergleichsweise überschaubar. In einer Beziehung aber besetzt die Ostsee ein Superlativ: Sie ist das größte Brackwassermeer der Welt, entstanden nach der letzten großen Eiszeit, als im Zuge der Schmelze Salz- und Süßwasser zueinander fanden. Die Salzkonzentration beträgt am Kattegat gut 15 Promille und nimmt Richtung Osten kontinuierlich ab.
»Fällt Ihnen etwas auf?«, fragt die Diplom-Biologin. Ich möchte mir keine Blöße geben, doch selbst nach langem Forschen sehe ich nichts außer Sand am Grund des Beckens. Bis ich schließlich zwei dunkle Punkte entdecke: Es sind die stecknadelgroßen Augen eines Plattfisches, der sich eingegraben hat. Sie scheucht ihn auf, worauf mich das Tier mit seinem reichlich schief geratenen Maul durch das Glas anstarrt. Diese physiognomische Besonderheit erklärt sich damit, dass der Fisch nach seiner Geburt langsam aus der vertikalen in eine horizontale Position wechselt, wobei eines der beiden Augen diese Wanderung mitmacht, während die übrige Kopfpartie in ihrer ursprünglichen Anordnung verbleibt.
Ein anderes Aquarium zeigt Grünpflanzen – zumindest scheint es so. Nachdem Frau Pflicke etwas Futter in das Becken gegeben hat, lösen sich allerdings sonderbare Wesen aus dem Blätterwald und treiben geisterhaft durchs Wasser. Es handelt sich um Seenadeln. »Die sind mit den Seepferdchen verwandt«, klärt sie auf. Eine weitere Gemeinsamkeit: In beiden Fällen tragen die Männchen die Eier aus.
Natürlich darf bei der Besichtigungstour auch das Streichelerlebnis nicht fehlen. Die Rückenpartie des Seesterns auf meiner Hand fühlt sich jedoch alles andere als weich an, eher ledern. Dreht man das Tier auf den Rücken, wird eine kleine Öffnung in der Körpermitte sichtbar. »Aus der stülpt der Seestern seinen Magen, dringt so in das Muschelgehäuse ein und verspeist dessen Inhalt.« Wie gut, dass man keine Muschel ist.
Bis zu 300 Gäste täglich
Die Meeresbiologische Station ist ganzjährig geöffnet – zum einen, weil die Meeresbewohner täglich versorgt werden müssen, zum anderen, weil selbst bei widrigen Wetterverhältnissen so mancher Strandspaziergänger gern einen Schlenker macht. »Aber leben tun wir natürlich von der Saison im Sommer, dann können es auch schon schnell mal 300 Besucher am Tag werden.«
Dass auch dem Beruf des Meeresbiologen eine gute Saison bevorsteht, ist aus Sicht von Karl Deutschmann eher zweifelhaft. Es gibt ein Überangebot, das Stellenangebot ist beschränkt. Aber davon sollte man sich nach seiner Einschätzung auf keinen Fall abschrecken lassen. »Wenn ich mir überhaupt jemals Gedanken um meine Zukunft gemacht habe, dann ausschließlich im konstruktiven Sinn.« Mit anderen Worten: Risikobereitschaft und Eigeninitiative sind nie verkehrt – auch nicht für angehende Meeresbiologen.espa
Weitere Infos unter:
www.meeresbiologie-laboe.de
Studienfach Meeresbiologie
Seit dem Wintersemester 2007/08 bieten das Institut für Biowissenschaften in Rostock und das Institut für Ostseeforschung in Warnemünde einen Master-Studiengang für Meeresbiologie an. Infos unter: www.biologie.uni-rostock.de
Hier weitere Einrichtungen, die sich mit dem Fachgebiet »Meeresbiologie« beschäftigen und nähere Informationen über die Anforderungen des Studiengangs geben können:
• Institut für Meereskunde der Universität Hamburg
• Leibniz-Institut für Ostseeforschung (IOW), Warnemünde
• Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-GEOMAR), Kiel








