Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Ein Leben am seidenen Faden
Im Gespräch mit Marionettenbauer Peter Beyer
Als ich die Türschwelle überschreite, betrete ich eine fantastische Welt. Eigentlich soll an diesem Ort die Familie Beyer wohnen, so jedenfalls will es mir das neben der Klingel befindliche Namensschild weismachen. Zutreffender ist, dass Marionetten hier ihr Königreich ausgerufen haben und lediglich so freundlich waren, der vierköpfigen Familie Beyer Asyl zu gewähren.
Allerorts hängen Peter Beyers schräge Vögel ab. Marionetten mit Teekesselköpfen, Figuren mit dicken Nasen, langen Nasen, runden wie bizarr verformten Gesichtern, Clowns auf Einrädern, Fische aus Weichspülerflaschen, ein Rocker mit einem Motorradspiegelmund – schnell ist ersichtlich, dass Peter sich nicht an gängige „Schönheitsideale“ hält und er auf die Fabrikation monoton durchgestylter Puppen verzichtet. Er will Charaktere erschaffen, will seinen Werken Leben einhauchen und jeder Kreation ein einzigartiges Gesicht geben. Tatsächlich ist ihm ein erstaunliches Kuriositätenkabinett gelungen. Eine Freak-Show, deren Akteure den Charme sympathisch verrückter Sonderlinge ausstrahlen. Ganz wie ihr Erfinder!
Wie alles begann
Peter Beyer wurde 1962 in Frankfurt am Main geboren, kam aber bereits in jungen Jahren nach Kiel. Das Figurentheater übte eine besondere Faszination auf den Heranwachsenden aus. Zunächst nur von den Zuschauerreihen aus, doch schon bald juckte es ihn in den Fingern, selbst Puppen zu bauen. Als Inspiration dienten ihm Arbeiten von Rolf Drexler und dessen Figurentheater in Rothenburg ob der Tauber; hier entwickelte der damals 13-Jährige seine ersten Ideen.
Seither gibt es kein Halten mehr. In über 30 Jahren hat Peter so viele Marionetten gebaut, dass er den Überblick verloren hat. Fest steht, dass sein Haus derzeit zirka 400 – 500 Puppen beherbergt. Beigebracht hat er sich alles selbst. Seine Technik entwickelte er im Dialog, per Studium anderer Arbeiten und vor allem durch beständiges Experimentieren stets weiter. Seine abgeschlossene Lehre als Tischler spielt ihm bis heute in die Karten.
Studieren lässt sich aber auch das Spiel der Marionetten, also das Figurentheater – und zwar im gleichnamigen Studiengang. Die Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und die Hochschule für Schauspielkunst in Berlin bieten die Möglichkeit, in den Kreis der diplomierten Puppenspieler aufzurücken.
Den Kopf voller Ideen
Es braucht bekanntlich nicht viel, um für verrückt erklärt zu werden – und wenn dann auch noch die Physiognomie aus dem Rahmen fällt, ists vorbei mit „normal“. Aber was ist bei Peter schon normal? Der Marionettenbauer verfügt über das umgekehrte Bildhauer-Gen. Anstatt alles, was nicht nach Löwe aussieht, wegzuschlagen, fügt Peter alle Einzelteile zusammen, die nach Löwe aussehen könnten. Derzeit entwickelt er seine Puppen aus Gebrauchsgegenständen. Deoroller, Weichspülerflaschen, Toilettenrollen – Peter ist bei den Materialien nicht sehr wählerisch. „Aus dem Minimum das Maximum herauskitzeln“ lautet die Devise des Kunsthandwerkers.
Parallel arbeitet er stets an mehreren Serien von Figuren. Von Zeit zu Zeit kommt es auch vor, dass er ein bereits begonnenes Thema in einen Dornröschenschlaf versetzt. Dann nämlich, wenn sich ihm zu viele Ideen gleichzeitig aufdrängen. So hat die Zeit einiges hervorgebracht: Einradfahrer, Clowns, Hexen, Drachen, Mäuse, Punks und unzählige weitere Reihen in den denkbar undenkbarsten Formen. Als Nächstes schweben ihm Kapitäne und Seeleute auf Einrädern vor sowie eine Rückkehr zum klassischen Material Holz, aus dem er exzentrisch geformte Köpfe drechseln will. Außerdem stehen seine „Hausmeister“ für ein Projekt mit der Musik- und DVD-Produktionsfirma H19 in den Startlöchern. Die Herren mit dem Ofenrohr-Körper sollen die Stars mehrerer Musik- und Puppenspielvideos werden.
Mit jeder Faser seines Herzens dabei
Neben seinen eigenen Projekten nimmt Peter auch Auftragsarbeiten an. Dabei ergänzen witzig überzeichnete Porträtmarionetten das ohnehin beeindruckend vielseitige Spektrum. Neuland betritt er mit der Anfertigung einer Bauchrednerpuppe. Wer sich ein Bild von Peters Arbeit machen will, der ist mit einem Besuch des Zirkusmuseums in Preetz gut beraten. Dort sind zehn seiner Marionetten ausgestellt. Eine weitere Gelegenheit ist das Eutiner Stadtfest, auf dem er seine Arbeit präsentiert. Preislich liegen die Marionetten bei ca. 150 Euro aufwärts.
Natürlich haben derart hochwertig verarbeitete Unikate mit den am Fließband gefertigten Puppen so gut wie nichts gemeinsam. Viele von Peters Figuren sind echte Spezialisten, für die der kreative Kopf eine individuelle Lösung finden musste. Als Beispiel dafür seien an dieser Stelle sein Gitarre spielender Rocker und die Jongleur-Marionette angeführt. Diese beherrscht, wozu viele Menschen nicht in der Lage sind. Natürlich müssen diese Spezialisten im Vorfeld dahingehend konzipiert werden und sind in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkter als sogenannte Ensemble-Figuren, die zwar alles ein bisschen, aber nichts so richtig können.
Geschickt eingefädelt
Geteilte Freude ist doppelte Freude – ein Hauptanliegen Peters war und ist es, auch andere für den Marionettenbau zu begeistern. Regelmäßig doziert er an der Volkshochschule Kiel. An zwölf Abenden führt er seine Schüler in die Kunst des Marionettenbaus ein. Für den aktuellen Kurs (Start 2. November) dürfte es etwas spät sein, grämen muss sich dennoch niemand. Das nächste Semester kommt bestimmt.
Außerdem leitet Peter auch in seinen Werkstätten daheim Interessenten an. Das Schönste sei der Moment, in dem seine Schüler ihre persönliche Marionette fertigstellen und jauchzendes Jubelgeschrei bis hinauf in die oberen Stockwerke zu seiner Frau Evelin vordringt. Erstaunt war der zweifache Familienvater auch immer wieder über die Fertigkeiten von Fünft- bis Siebtklässlern, mit denen er während seiner Kurse an der Toni-Jensen-Schule Kiel zusammenarbeitete.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Auch die Abendgestaltung sieht im Leben der Beyers anders aus. Die im Haus aufgebaute Bühne lädt Sohn Geronimo und Tochter Ravi förmlich dazu ein, ihren Eltern etwas vorzuspielen. Früh übt sich! Im Kinderzirkus Beppolino, für den Peter ehrenamtlich tätig ist, tritt Geronimo als Clown auf, während Ravi in der Schwerterbox keine Furcht kennt. Und auch die große Bühne wird nicht gescheut, hatte der Sohn doch bereits einen Auftritt im Circus Roncalli. Bleibt noch die Frage, was passiert, wenn selbst jemand wie Peter einmal den Faden verliert! Dann bindet sich der passionierte Hobbykoch die Schürze um und macht reinen „Asia-Tisch“.
Peter Beyer Marionettenwerkstatt
Hofteichstraße 10 · 24113 Kiel
Telefon: (04 31) 6 45 83
ath








