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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Die Zeit verändert ihr Gesicht.

Sie bereichern sich gegenseitig auf wirtschaftlicher, politischer, wissenschaftlicher, kultureller und kirchlicher Ebene: Partnerstädte. In dieser Folge stellen wir Ihnen Kiels englische Partnerstadt Coventry vor.

Es war der 10. September 1967, als die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel und die englische Universitäts- und Indus­triestadt Coventry ihre Partnerschaft beurkundeten. Diesem feierlichen Moment waren etwa zwei Jahrzehnte enger freundschaftlicher Verbindungen voran­gegangen – eine Entwicklung, über die man sich insbesondere wegen der verheerenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg besonders glücklich schätzen konnte.

Am Beispiel Kiel/Coventry lässt sich der Sinn und Zweck einer Städtepartnerschaft gut herleiten, begleiten die Auslandsabteilungen der beiden Stadtverwaltungen doch unterschiedlichste Projekte, sei es auf privater oder institutioneller Ebene. Man beteiligt sich wechselseitig an Ausstellungen und organisiert gemeinsam Festveranstaltungen und Konferenzen. Auch als Schüler und Student profitiert man von Städtepartnerschaften, da sie jungen Menschen die Möglichkeit geben, für einen mehr oder minder langen Zeitraum das Leben der anderen aus nächster Nähe kennen zu lernen.

Das Jahr 1940.
Von Anbeginn war die gegenseitige Annäherung von Kiel und Coventry bestimmt vom Gedanken der Aussöhnung und der Völkerverständigung. Denn das Kriegsjahr 1940 hatte auf beiden Seiten tief sitzende Erinnerungen hinterlassen: Am 14. November 1940 flog die deutsche Luftwaffe einen schweren Bombenangriff auf Coventry. Dieser Angriff galt in erster Linie den im Zentrum gelegenen Armstrong-Siddeley-Flugmotorenwerken, aber es war auch Absicht, die zahlreichen anderen Unternehmen des Maschinen- und Fahrzeugbaus zu zerstören. Doch es kam schlimmer: Der Bombenangriff legte nahezu die komplette Stadt in Schutt und Asche.

Das »Nagelkreuz von Coventry«.
Immensen Schaden erlitt bei diesem Angriff auch die englische Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert, St Michael’s. Zutiefst erschüttert, aber fest im Glauben verankert ließ der damalige Dompropst Richard Howard die Worte »Father forgive« (»Vater vergib«) in die mittelalterliche Chorwand der Ruine meißeln. Diese Ruine wurde nach dem Krieg als Gedenkstätte erhalten, wenngleich der Architekt Basil Spence in unmittelbarer Nähe der Trümmer eine neue, moderne Kathedrale errichtete, die 1962 fertig gestellt wurde. Kathedrale und Ruine sind heute noch ein wichtiger Anziehungspunkt für Touristen, nicht zuletzt wegen des dort aufgestellten »Nagelkreuzes von Coventry«.

Dieses Kreuz be­­steht aus drei Zimmermanns­nägeln, die ur­sprünglich das Ge­­bälk des Deckengewölbes der alten Kirche zusammengehalten hatten. Sie waren nach der Zerstörung gefunden und zu einem Kreuz verbunden worden. Heute thront das Original, das erste »Nagelkreuz von Coventry«, auf dem Altar der neuen Kathedrale. Auf Grund seiner besonderen Symbolhaftigkeit wurden aus weiteren Nägeln gleicher Herkunft noch mehr Kreuze gefertigt, die heute als Zeichen der Versöhnung und des Friedens an 160 Orten der Welt stehen, so auch in der Kieler Nikolaikirche am Alten Markt. Überall drückt das »Nagelkreuz von Coventry« den Wunsch aus, alte Gegensätze zu überbrücken und nach neuen Wegen für eine gemeinsame Zukunft zu suchen.

Kein architektonisches Kleinod.
Ebenso wie Kiel war Coventry am Ende des Zweiten Weltkriegs fast völlig zerstört. Daher darf man bei seiner Stippvisite in der englischen Universitäts- und Industriestadt, die in den West Midlands, etwa zwei Autostunden von London entfernt liegt, nicht erwarten, ein architektonisches Juwel vorzufinden.

Große Teile, insbesondere der Innenstadt, mussten neu gestaltet werden, weshalb dieser Bereich sehr stark Zeugnisse von der schnörkellosen Betonarchitektur der 1950er- und 1960er-Jahre ablegt. Allerdings brachte die so genannte »Phoenix Initiative« zur Jahrtausendwende massive architektonische Umgestaltungen und Renovierungen mit sich, sodass sich das Stadtbild immer mehr verbessert.

Viele Wege führen nach Coventry.
Über 300.000 Menschen leben und arbeiten heute in der multikulturellen Stadt, die durch ihre zentrale Lage im Landesinneren über exzellente Verkehrsanbindungen verfügt. Coventry ist an drei Motorways angeschlossen und liegt an der zentralen Eisenbahnlinie von London nach Birmingham. Vom Pool Meadow Busbahnhof fahren regelmäßig Busse nach London, Birmingham und zu den großen Flughäfen im Raum London. Des Weiteren ist Coventry durch den stadteigenen Kanal an das viktorianische Kanalnetz, die so genannten Narrowboat-Kanäle, angebunden.

Coventry ist heute ein sehr wichtiger Industriestandort (Automobile, Hightech, Textilien, Uhren) sowie Handels- und Bankenzentrum. Doch nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht hat Coventry als zurzeit achtgrößte Stadt Englands und zugleich elftgrößte des Vereinigten Königreiches eine große Bedeutsamkeit erlangt, auch auf wissenschaftlicher Ebene zeigt man sich dort rege: Immerhin hat Coventry zwei Universitäten, die Coventry University im Stadtzentrum und die University of Warwick fünf Kilometer südlich des Stadtzentrums an der Grenze zu Warwickshire.

Das Leben bietet mehr als Arbeit.
Die Stadt hat ihren Besuchern mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick glaubt: Mittelalterliche Kirchen, Freizeitparks, Shopping- und Vergnügungscenter mit Pubs, Discos und Kinos machen das Leben in Coventry unterhaltsam.

Wer sich für die Geschichte und die Kultur der Stadt interessiert, sollte das »The Herbert Museum« besuchen. Hier findet man Ausstellungen über die Geschichte – und natürlich über Lady Godiva, Sie wissen, die junge Dame, die der Legende nach um etwa 1.040 n. Chr. nackt auf einem Pferd durch die Stadt geritten sein soll, um damit zu signalisieren, dass sie den schweren Steuererhebungen, die ihr Mann Leofric, Graf von Mercia, erhoben hatte, zu trotzen beabsichtigte.

Für Kunstliebhaber sind das »Warwick Arts Centre« mit Theater, Konzertsaal, Kino, Kunstausstellungen, Bars und Cafés und das »Belgrade Theatre« die wichtigsten Adressen. Die mittelalterliche »Spon Street« ist liebevoll restauriert worden und beherbergt heute eine Reihe von Geschäften, Cafés, Galerien, Bars und Restaurants. Es gibt also viel zu erleben in Coventry ...

Ein Bummel durch Coventry verschafft dem wissbegierigen Besucher nicht nur einen Eindruck in die städtebaulichen Besonderheiten der Stadt, sondern macht auch Appetit! Wer also nach dem ausgiebigen Shoppen und den Museumsbesuchen Hunger verspürt, der sollte sich auf keinen Fall »Fish ’n’ chips« entgehen lassen. Bei diesem Klassiker einer jeden britischen Imbissbude handelt es sich um ein Stück Fisch (meist Kabeljau), das in einem mit Ale vermischtem Backteig frittiertet wird, und dicken, ebenfalls frittierten Kartoffelstäbchen. Verzehrt werden »chips« hier übrigens vorzugsweise mit Salz und Malzessig, mit »salt ’n’ vinegar«. Echt ge­wöhnungsbe­dürftig!
 
Wer das besondere Glück hat, für eine Weile bei einer Gastfamilie in Coventry unterzukommen, der wird sich aber nicht nur über »Essig auf Pommes« wundern, sondern bereits am frühen Morgen staunen, was da alles auf den Frühstückstisch kommt! Da wird deftig gebraten, gekocht und gebrutzelt! Ohne Speck, Würstchen und Eier fängt der Tag nicht richtig an. Und immer dabei natürlich die weichen (weil ungetoasteten), diagonal halbierten Toastbrotscheiben aus hellem Weizenmehl, die unterwegs auch zusammengeklappt als Sandwich genossen werden können.

Außerdem sind herzhafte Pies, die mit Hackfleisch, Gulasch, Pute oder Kalb gefüllt und im Ofen gebacken werden, sehr beliebt. Und obwohl sie eigentlich erst die »Tea Time« versüßen sollen, schmecken die »scones« den Engländern auch schon am Morgen. Lust auf ein süßes Dessert? Dann werden Sie an einem »crumbles« Ihre wahre Freude haben. Sie schaffen sich eben ihr »eigenes« Schlaraffenland, die Engländer ... chris

Die Trümmer der Kathedrale St. Michael´s gelten als eine besonders geschichtsträchtige Touristenattraktion.
Ganz in der Nähe der Ruinen der alten Kathedrale: das Rathaus St. Marien Guildhall, ein Gebäude mit glorreicher Vergangenheit.
Das Nagelkreuz von Coventry ruft symbolisch zur Versöhnung der Völker auf.
Das erste »Nagelkreuz von Coventry« hängt in der Kieler Nikolaikirche.
Das Bonds Hospital ist ein Armenhaus für die so genannten »bedesmen«.