Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Die Kinomacher
Zu Besuch im »Studio-Filmtheater« in Kiel.
Bestimmt fünf Minuten lang herrscht verkehrte Welt: Während nämlich die Zuschauer in den gut gefüllten Sitzreihen gebannt auf die Leinwand starren, fackelt eben dort ein komplettes Kino ab. Man kann von Glück reden, dass »Inglourious Basterds« nicht in 3-D gedreht wurde – eine finale Massenpanik hätte so gar nicht zu dem über zweistündigen Kinovergnügen gepasst.
Stattdessen schlängelt sich die Menschentraube nach dem Abspann ganz gelassen durch den Ausgang ins Foyer, manche immer noch grinsend, andere mit einem leichten Kopfschütteln, das Eine wie das Andere passend zu einem Streifen aus der Feder von Quentin Tarentino. Längst nicht alle nehmen den direkten Weg nach draußen – immerhin laden am anderen Ende des Gangs ein Dutzend Tische sowie ein gemütliches Sofa zu einem Schlummertrunk ein.
Das erste Haus am Platz
Seit gut fünf Monaten steht die Glastür im Parterre den Kinofans wieder offen – selbstverständlich war das allerdings nicht. Als im August 2009 das ehemalige »Neue Studio« nach acht Jahren Betrieb seine Pforten endgültig schließen musste, deutete zunächst nichts auf eine Wiederbelebung hin. Eine lange Kieler Lichtspielhaus-Tradition schien unwiderruflich ihr Ende gefunden zu haben. Kein ungewöhnliches Schicksal in Zeiten von Home-Entertainment und DVD-Verleih. Was nur Insider wissen konnten: Zu dem Zeitpunkt standen Dennis T. Jahnke und Matthias Ehr, Mitarbeiter der alten Crew, bereits in Verhandlungen mit dem Pächter. Am Tag vor Heiligabend war es dann so weit: In Kiels ältestem Kino ging abermals der Vorhang hoch, auf den Tag genau 95 Jahre nach dessen Premiere.
»Wir waren uns dessen gar nicht bewusst«, sagt Dennis, »erst in alten Unterlagen fanden wir dann einen Hinweis auf die Ersteröffnung am 23. Dezember 1914.« Seinerzeit hieß es »Palast«, gut 1000 Zuschauer fanden darin Platz. Goldene Zeiten erlebte das Kino dann in den zwanziger Jahren unter dem Namen »Capitol«, und den bewahrte es sich bis 1963. Von da an wurde es zum »Studio«, eine Bezeichnung mit Programm. Schließlich war das Angebot an neuen Kinofilmen inzwischen so groß, dass zwei Filmsäle einfach mehr Profit versprachen. Eine weitere Aufteilung folgte nur fünf Jahre später.
Kino macht man nicht mal eben so
Der Ausbildungsweg der beiden Geschäftsführer führte jedoch alles andere als unweigerlich ins Kinogeschäft. Der Eine ist studierter Volkskundler, der Andere hat Grund- und Hauptschullehrer für Englisch, Deutsch und Sport studiert. (Anmerk.: Weil er nicht zuende studiert hat) An ihren angepeilten Arbeitsplätzen angekommen sind aber beide nicht, die Leidenschaft fürs Kino überwog. So begegneten sich die zwei nach diversen Jobs letztlich an diesem Ort, wo sie ihr bereits erworbenes Wissen komplettiert haben. Dass sie einmal selbst das Ruder übernehmen würden, davon haben sie vermutlich lange Zeit nur geträumt.
»Wir verstehen uns als Dienstleister – schließlich geht es um deutlich mehr als das Abreißen von Eintrittskarten und das Anschmeißen des Projektors.« Tatsächlich fordert allein schon der Wettbewerb eine gehörige Portion Ehrgeiz und Kreativität, von der Freude am Austausch mit den Besuchern mal ganz abgesehen. Zunächst ist da das administrative Geschäft, allem voran der Kontakt zu den Filmverleihern. Und die denken in erster Linie wirtschaftlich, längst nicht jedes Kino bekommt jeden Film.
Aber wer will auch schon jeden? Und an diesem Punkt greift das Konzept oder auch die subjektive Auswahl. Gewiss: Um manche Streifen kommt man schwerlich herum, doch bei drei Kinosälen lässt sich gut jonglieren: Kleine, feine Filme lassen sich so immer wieder gut einbauen.
Nicht minder wichtig ist, die Bedürfnisse des Publikums auszuloten, und das funktioniert recht häufig nur über »try and error«. Seit Längerem schon gibt es die wöchentliche Sneakpreview: Der Titel des Films wird erst kurz vor Start mitgeteilt. In Planung sind ein Movie-Brunch (Frühstücksbuffet mit anschließender Vorführung), Seniorenkino (inkl. Kaffee und Kuchen) sowie themenbezogene Filmreihen.
Ganz frisch im Programm ist ein regelmäßiger Film im OmU-Format. »Unglaublich, aber wahr: Für jeden fremdsprachigen Film stehen in Deutschland durchschnittlich nur fünf Kopien im Original zur Verfügung.« Schuld daran ist die hohe Synchronisationsqualität hier zu Lande – sowie die Mentalität oder auch Bequemlichkeit der Zuschauer. Andererseits gibt es immer mehr Fremdsprachler vor Ort sowie kulturelle Institutionen, Schulen und Hochschulen, die ein solches Angebot zweifellos begrüßen.
Ein Schmuckstück in Heimarbeit
Damit sich die Besucher auch außerhalb des Kinosaals wohlfühlen, haben Dennis und Matthias keine Mühen gescheut. Mit tatkräftiger Unterstützung von Freunden und Familienangehörigen erstrahlen die Räumlichkeiten seit der Wiedereröffnung in neuem Glanz, angefangen bei der stilvollen Tapete über das Mobiliar bis zu der kunstvoll gestalteten Speisekarte.
Und die Technik? »Unsere Perle ist ein Digital-Projektor der allerneuesten Generation, der sich bei Bedarf auch auf 3-D aufrüsten lässt.« Ob dies notwendig wird, darüber entscheiden nicht zuletzt die Freunde des »Studio-Filmtheaters«. Und die schätzen vor allem das ausgesuchte Filmprogramm und das freundliche Ambiente. Hoffentlich noch sehr, sehr lange.
Infos (auch zum Serviceangebot) gibt es auf: www.studio-filmtheater.deespa






