Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Dem Terror entkommen
Eine Reise durch Kambodscha.
Poipet teilt das Schicksal vieler Grenzstädte: Eben noch bestürmt, sieht sie sich im nächsten Moment auch schon wieder verlassen. Zugegeben: Das klotzige Hotel direkt hinter der Passkontrolle schmeichelt dem Auge ebenso wenig wie die breite Ausfallpiste, deren Existenz vor allem dem Wunsch nach Entkommen geschuldet scheint.
Allein die Straßenhändler links und rechts geben Anlass zum Verweilen – und sei es nur, um ihr freundliches Lächeln gebührend zu erwidern. Doch wir verweilen nicht, sondern reihen uns ein in den Strom der unzähligen Ankömmlinge aus Thailand, die Ausschau halten nach einem Transportmittel Richtung Angkor, Phnom Penh oder eben Battambang.
Ein Land schaut nach vorn
Der Taxifahrer spricht kaum ein Wort. Vereinzelte Fragen beantwortet er knapp mit »yes« oder »no« und manchmal quält sich auch ein »of course« über seine Lippen. Aber er lächelt hinter seiner dunklen Sonnenbrille. Vermutlich ist es ohnehin zu heiß für eine Unterhaltung, zu heiß und zu staubig. Hinzu kommen die kraterähnlichen Schlaglöcher, die zu erhöhter Konzentration und ständigen Ausweichmanövern zwingen. Der Gedanke an Landminen drängt sich auf und unweigerlich geht der Blick über die Reisfelder links und rechts, wo landesweit noch unzählige dieser tod- und leidbringenden Relikte des Pol-Pot-Regimes vergraben liegen und auf ihre mühselige und riskante Räumung warten.
Seit Mitte der neunziger Jahre ist Kambodscha weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Es zählt nicht länger zu einer Krisenregion und hat wirtschaftspolitisch (noch) keine nennenswerte Bedeutung erlangt. Dreißig Jahre nach Zerschlagung der Roten Khmer befindet sich das überwiegend agrarisch strukturierte Land in einem Zustand zögerlicher Westorientierung.
Auf dem Wasserweg nach Siem Reap
Unser erstes Ziel, die beschauliche Stadt Battambang, liegt am Ostufer des Binnenmeers Tonle Sap. Ihr Rückgrat ist der Fluss Sangker, von dem zu beiden Seiten die Straßen rechtwinklig abzweigen. Die städtebauliche Ordnung ist geprägt von den schmucken Fassaden aus Kolonialzeiten und steht in angenehmem Kontrast zum Menschentrubel auf den Straßen. Zwei Tage und Nächte genießen wir die kurortähnliche Atmosphäre, dann nehmen wir mit einer betagten Fähre Kurs auf Siem Reap.
Die steile Treppe hinunter zum Boot setzt einen klaren Kopf und guten Gleichgewichtssinn voraus. Neidvoll beobachten wir die unzähligen Einheimischen, die mit sicherem Schritt und schwerem Gepäck im Nacken das Hindernis nehmen, fast auf allen Vieren folgen wir ihnen. Spätestens hier, eingezwängt zwischen Reissäcken und auf der Hut vor der schnell aufsteigenden Sonne, findet der Reisende ein wenig Zeit, den Kambodschanern wenigstens oberflächlich ein Stück näherzukommen. Die meisten scheuen den Blickkontakt nicht, im Gegenteil: Ihre offene Neugier fordert zur – gestenreichen – Kommunikation auf. Was Thailand bereits hinter sich hat, steht diesem Land noch bevor: die Ermüdung an den zahllosen Touristen.
Die Fähre tuckert langsam dahin, zu langsam gar. Die anhaltende Trockenheit macht dem Fahrplan einen Strich durch die Rechnung. Der Sangker hat Niedrigwasser, und so gestalten sich die ersten 30 Kilometer zu einem Kampf mit dem Schilf. Gleich drei Mal schlägt der Bug des Bootes seine Zähne in das Grün am Ufer, dann ist auch noch die Lenkung blockiert, ein Tauchgang zur Befreiung der Schraube unumgänglich. Die meisten Mitfahrer scheinen mit derlei Widrigkeiten vertraut, es wird gelacht, geredet, gegessen und gedöst. Schließlich nehmen wir Fahrt auf, und als der Fluss, nunmehr auf siebzig, achtzig Meter Breite angewachsen, diese Bezeichnung auch verdient, kommen zu beiden Seiten die bekannten »Schwimmenden Dörfer« in Sicht.
Der Gegenwart entrückt: die Tempel von Angkor
Dau lächelt viel – er weiß, was er seinen Fahrgästen schuldig ist. Umso mehr, wenn ein Verdienst von 15 US-Dollar in Aussicht steht. Für diesen Lohn will er uns einen Tag lang durch das mehr als 300 Quadratkilometer große Areal von Angkor kutschieren, wo die bis zu 1200 Jahre alten Tempelanlagen stehen. 1992 wurden sie von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Seitdem fließen Millionen von Dollar in die Erhaltung der beeindruckenden Kulturstätten – theoretisch zumindest. Die Pflege der Tempel hat jedoch nicht nur die Korruption zum Feind, sondern ebenso Diebe, die so manche Reliquie mitgehen lassen, sowie die stetig nachwachsende Vegetation.
Schillernder Mittelpunkt ist Angkor Wat, die größte Tempelanlage der Welt. Das Bauwerk mit seinen fünf maiskolbenförmigen Türmen ist schon deshalb einzigartig, weil es, im Gegensatz zu allen anderen Anlagen in Angkor, nicht nach Osten, sondern nach Westen ausgerichtet ist. Bemerkenswert auch die Anordnung der Flachreliefs entgegen dem Uhrzeigersinn: nach Khmer-Tradition dem Tod entgegen. Das millionenfache Berühren hat die einst bunten Abbildungen längst jeder Farbe beraubt, doch selbst so offenbart sich noch die hohe Kunst ihrer Anfertigung.
Phnom Penh – ein Dorf mit zwei Millionen Einwohnern
Dass die Nachfrage das Angebot bestimmt, ist eine kapitalistische Lehre – keinesfalls aber eine kambodschanische. Hier will vielmehr das Angebot die Nachfrage bestimmen. In konzentrierter Form zeigt sich dies in der Hauptstadt Phnom Penh.
Es gibt von vielem einfach zu viel, das Gleichgewicht der marktwirtschaftlichen Kräfte hat sich noch nicht eingestellt. Auch der kleine Junge mit seinem Bauchladen voll von Büchern und Reiseführern bekommt das zu spüren. Wir haben keinen Bedarf, stattdessen laden wir ihn zum Essen ein. Bei einer Hühnersuppe und Limo erzählt er uns in radebrechendem Englisch von seinem Leben auf der Straße. Und lächelt dabei – Armut ist eben relativ.
Der Charme der Stadt beschränkt sich allerdings nicht nur auf das Miteinander und die Kunst der Improvisation, die die Geschäftigen am Straßenrand unter Beweis stellen. Phnom Penh ist auch architektonisch reizvoll. Zumindest dies ist ein Verdienst der französischen Kolonialherren, unter deren Führung die Stadt im 19. Jahrhundert neu aufgebaut wurde.
Einen weiteren Hauch Nostalgie beschert der Besuch des
Foreign Correspondent‘s Club of Cambodia. Gut möglich, dass hier, neben Korrespondenten aus aller Welt, auch so mancher der 140 deutschen Sanitäter, die 1992 von der Bundeswehr nach Phnom Penh geschickt worden sind, Zeit für eine Erfrischung fanden. Der Einsatz dieser freiwilligen Helfer zur Versorgung von 44 000 Opfern der Roten Khmer war der erste Auslandsauftrag deutscher Friedenstruppen überhaupt.
Eine sehr unmittelbare und nur schwer zu ertragende Konfrontation mit der Zeit unter Pol-Pot bedeutet der Besuch von Tuol Sleng, dem Genozidmuseum in Phnom Penh. Es dokumentiert die Schreckensherrschaft der Roten Khmer in nüchterner und gerade darum erschütternder Weise. Nahezu 20 000 Insassen verloren hier qualvoll ihr Leben.
Wohin jetzt?
Nach so viel Hochkultur und Vergangenheitsbewältigung steht der Sinn nach Sonne, Meer und Nichtstun. Das an der südwestlichen Küste gelegene Sihanoukville bietet ideale Voraussetzungen dafür. Wer es allerdings ruhig und romantisch mag, sollte von hier Kurs auf Bamboo-Island nehmen. Das Eiland erfüllt alle Träume von einem Urlaub in Robinson-Manier inklusive einfacher Bambushütte und liebenswerten Gastgebern, die im Falle einer Ausbuchung gern auch mal ihr eigenes Domizil zum günstigen Preis abtreten.espa









