Artikel dieser Ausgabe aus Reise & Kultur
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Das Brett im Kopf
Im Gespräch mit Spieleautor Michael Rieneck
Mitte der 90er-Jahre, also zu Anfangszeiten des Kieler CinemaxX, stand der diplomierte BWL-Student Michael Rieneck als Betriebsleiterassistent in Diensten des Multiplex-Kinos. (Das klingt Ihnen vertraut? Ist es auch! In der letztjährigen Februar-Ausgabe stellten wir Ute Liepolt vor, ihrerseits und bis dato Theaterleiterin des Kieler CinemaxX.)
Auch wenn er dort nicht mehr beschäftigt ist: Für große Gefühle sorgt er ebenso im neuen Metier. Mit zunehmendem Erfolg konzentriert sich der gebürtige Kieler des Jahrgangs 1966 auf seine Karriere als Spieleautor. Und weil er auf Unabhängigkeit höchsten Wert legt, ist er ganz nebenbei auch noch als freiberuflicher Texter tätig.
In der Regel sind Spiele verständlich
Die Phrase „Wie das Leben so spielt“ fällt öfter, wenn Menschen etwas über ihren Werdegang berichten. Auf Michaels Lebenslauf gemünzt wäre die Aussage „Wie er das Leben gespielt hat“ zutreffender. Seit frühesten Kindheitstagen lässt er keine Gelegenheit aus, dem Spieltrieb zu frönen. Wobei er als Vielspieler unter Spiele-Fans eine Ausnahme ist. Mit entsprechend großem Engagement ist er in die Materie eingetaucht. Ganze Regelwerke wurden beackert, Lösungen für Probleme im Spielsystem gesucht und gefunden, womit auch die gesamte Erfahrung am Spieltisch verbessert wurde.
Schließlich setzte er während seiner Studienzeit erstmals eigene Ideen um. Sein erster Versuch war ein Fantasy-Abenteuer, bei dem die Teilnehmer Zutaten für Zaubersprüche sammeln mussten.
Aller Anfang ist verschieden
Wird bei der Entwicklung zunächst Wert auf die Mechanismen des Spiels gelegt und erst später ein Thema dazu ersonnen – oder macht man es genau umgekehrt? Die Antwort darauf: Natürlich kommt beides vor! Manchmal hat Michael während des Laubharkens im Garten oder bei einem Spaziergang die Idee für eine Spielmechanik, die ihm spannend erscheint. Erst später kristallisiert sich dafür ein Thema heraus.
Beispielhaft für das „aufgesetzte“ Thema steht sein erster veröffentlichter Titel, Druidenwalzer. Eigentlich als Piratenspiel angedacht, hat es, wie der Name schon vermuten lässt, damit so rein gar nichts mehr zu schaffen.
Eine brettreife Vorstellung
Anders dagegen verhält es sich mit Michaels spielerischen Umsetzungen bekannter Weltliteratur. Von einer Verfilmung von Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt inspiriert, übertrug er die Geschichte auf ein Brett. Schon im Titel lag das Spielziel, und in den unkonventionellen Transportmitteln sah er einen wild-romantischen Reiz. Zu Recht! Die neuerliche Reise des Phileas Fogg wurde 2005 mit einer Nominierung für den begehrten Preis „Spiel des Jahres“ ausgezeichnet.
Der Vorteil solcher Umsetzungen literarischer Bestseller ist zum einen, dass sich die zugehörige Geschichte bereits jemand ausgedacht hat. Zum anderen ist der Wiedererkennungswert angesichts einer wahren Flut in den Spieleregalen nicht hoch genug einzuschätzen. Bestes Beispiel dafür ist das in Zusammenarbeit mit seinem guten Freund Stefan Stadler entwickelte Die Säulen der Erde nach der Romanvorlage von Ken Follet. Noch vor Weihnachten musste das Spiel nachproduziert werden, da es zeitweilig vergriffen war.
Kleine Entwicklungshilfen
Ein generelles Rezept für Brett- und Kartenspiele gibt es nicht. Dennoch klopft Rieneck einen ganzen Katalog an Kriterien ab, bevor er mit der Umsetzung beginnt. Spielziel, Bewegung der Figur, Glückselemente ja oder nein, Entscheidungsspielraum für den Teilnehmer – um nur einige zu nennen. Schließlich bastelt er mithilfe von Daten-CDs, Blankokarten und eingescannten Bildern einen Prototypen.
Danach folgt der wichtigste Schritt, die Testphase – und die kann Wochen, Monate oder gar Jahre dauern. Erst wenn er das Gefühl hat, dass ein Spiel hundertprozentig funktioniert, schickt er es an einen Verlag. Dann braucht er nur noch das Quentchen Glück, zur rechten Zeit mit dem rechten Konzept den richtigen Redakteur anzusprechen.
So bekommt man den Stein ins Brett
Wie die eigene Idee ankommt, lässt sich während des einmal jährlich stattfindenden Göttinger Spieleautorentreffens in Erfahrung bringen. An einem Tisch erhält man die Gelegenheit, seinen Entwurf zu präsentieren. Eine weitere Möglichkeit für den Einstieg liefert der Hippodice-Wettbewerb. Und schließlich empfiehlt es sich, der Spieleautorenzunft (SAZ) beizutreten. Unter anderem hilft sie in Rechtsfragen und veranstaltet Workshops. Vom arrivierten Autor bis hin zum Anfänger ohne Publikation auf der Haben-Seite sind hier zahlreiche Autoren Mitglied, Michael inbegriffen.
Und wenn auch nicht jeder Spiele gestalten kann, mit der eigenen Freizeit geht das schon. Spätestens hier schlägt die Stunde zahlloser Spiele. Spielen stimuliert das Gehirn und es fördert die Kommunikation. Schöner kann man, den Aussagen des Spieleentwicklers folgend, einen Abend mit Freunden nicht verbringen.
Ludografie Michael Rieneck
Alle Spiele sind im Kosmos Verlag, Stuttgart, erschienen.
1999 – Druidenwalzer
2003 – Dracula
2004 – In 80 Tagen um die Welt
2005 – Petri Heil
2006 – Asterix & Obelix
2006 – Die Säulen der Erde
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