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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Damit die Welt nicht untergeht

Deiche

Deiche sorgen dafür, dass das „Land zwischen den Meeren“ auch wirklich dort bleibt. Was uns heute wie selbstverständlich vor den Gewalten der Nord- und Ostsee schützt, ist das Ergebnis von vielen Jahrhunderten schmerzvollen Lernens und harter Arbeit unter Einsatz des eigenen Lebens.

Die Dramatik, die von diesen scheinbar unzerstörbaren Bollwerken ausgehen kann, inspirierte schon Theodor Storm zu seiner berühmten Novelle „Der Schimmelreiter“ von 1888. Sie handelt von dem Deichgraf Hauke Haien, der sich Zeit seines Lebens für die Verbesserung der Deiche einsetzt. Als trotzdem seine Frau und sein Kind beim Bruch eines alten Deichabschnitts ertrinken, stürzt er sich verzweifelt mit in die Fluten.

Tiefergelegt

Bis ins Hochmittelalter gab es in „unserem Norden“ noch keinen organisierten Deichbau. Die wenigen Menschen bauten ihre Häuser in gefährdeten Gebieten auf Warften, den aufgeschütteten Erdhügeln. Ab dem 11. Jahrhundert begann allerdings die verstärkte Besiedelung der weiten Marsch- und Moorflächen an der Nordsee. Die Moore wurden in den kommenden Jahrhunderten systematisch abgebaut und die so freigelegte Marsch konnte landwirtschaftlich genutzt werden. Durch das Abtragen des Moors, Setzungsvorgänge und Entwässerung der Marsch kamen weite Teile auf diese Weise allerdings unter Meeresniveau, so dass das Land auch ohne Sturmflut nur noch durch Deiche gehalten werden konnte.

Wissens-Flut

Die erste Form waren Ringdeiche, die sich um eine Siedlung oder
einen Weideplatz schlossen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die­se Deiche verbunden, bis sie eine gemeinsame Linie bildeten.
Waren frühe Deiche oft kaum höher als zwei Meter, aber im Profil den heutigen Deichen ähnlich, setzten sich im Spätmittelalter die Stackdeiche durch. Diese hatten eine hölzerne, senkrechte Wand zur Wasserseite, die sich oft mehrere Meter über das Watt erhob. Sie waren allerdings sehr aufwändig in Bau und Pflege, große Teile des Baumbestandes mussten dafür abgeholzt werden. Zudem erwies sich, dass sie leichter unterspült und von hochspritzendem Wasser aufgeweicht wurden. Nach der Burchardiflut von 1634 wechselte man wieder zu flacheren Deichen.

Bundesdeichschutz

Während der Deichbau früher noch Aufgabe der Landbesitzer war, die bei Verletzung der Pflichten mit drastischen Strafen belegt wurden, ist er heute eine Staatsangelegenheit mit eigenen DIN-Normen. Moderne Küstendeiche sind ausgeklügelte Systeme mit mehreren Stufen. Meist liegt vor dem Deich zunächst unbebautes Deichvorland, das die Wellen bricht und den Ansturm des Wassers vermindert. Vor dem eigentlichen Deich kann auch noch ein relativ niedriger Sommerdeich liegen, der zwar nur geringere Fluten aufhält, aber als haltbare Vorstufe im Ernstfall den Hauptdeich entlastet. Der eigentliche Hauptdeich ist dann der größte in der Reihe.

Die Seeseite ist viel flacher ansteigend als die Landseite, um Wellen weniger direkte Angriffsfläche zu bieten und sie „totlaufen“ zu lassen. Weiter im Hinterland folgt manchmal noch eine zweite Deichlinie, die aus Schlafdeichen (oft den alten, durch Landgewinnung ins Hinterland gerückten) besteht. Diese verhindern, dass nach einem Deichbruch größere Flächen überflutet werden.

Määäh-Maschinen

Deiche bestehen meist aus einem Sandkern, der von einer ein bis zwei Meter dicken Schicht aus gut zusammenhaltendem Klei (Marschboden) bedeckt wird. Auf der obersten Schicht wird zur Vermeidung von Erosion und zur Erhöhung der Stabilität Gras angepflanzt. Um die Grasnarbe kurz und dicht zu halten und auch um den Boden festzutrampeln, werden Deiche oft von Schafen beweidet.

Nur wenige der Schutzwälle haben eine Teerdecke. Die Höhe ist von der jeweiligen Landschaft und Flutgefahr abhängig. Die Flussdeiche an der Elbe haben beispielsweise eine Höhe von bis zu acht Metern, Seedeiche sind in der Regel noch höher und teilweise über 100 Meter breit.

Auch wenn heute neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und viele Jahrhunderte Erfahrung in Bau und Pflege dieser Bauwerke einfließen, bleibt wohl auch in Zukunft zu hof­fen, dass der rastlose Geist Hauke
Haiens sich bei einer Sturmflut schützend vor sie stellt …

Fotos: Aboutpixel.de