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Blick durchs Schlüsselloch
Begegnung mit einem unbekannten Edgar Degas: Die Ausstellung »Edgar Degas. Intimität und Pose« läuft noch bis 3. Mai 2009 in der Kunsthalle in Hamburg.
Als 1917, nach dem Tod des in Einsamkeit und Armut in Paris verstorbenen Edgar Degas, seine Angehörigen darangingen, seine Wohnung auszuräumen, stießen sie auf einen verschlossenen Schrank.
Zur Überraschung aller Beteiligten fand sich dort eine große Anzahl kleiner, sorgfältig in Wachs gearbeiteter Skizzen und Plastiken. Glücklicherweise wurden diese Plastiken gerettet und in Bronze gegossen.
Der Hintergrund
Edgar Degas ist vor allem berühmt als der große impressionistische Maler und Zeichner. Seine pastellfarbenen Tänzerinnen, anmutig und leicht, häufig wie Momentaufnahmen aus einer ungezwungenen, privaten und intimen Übungsstunde, erfreuen sich internationaler Bekanntheit und Beliebtheit. Sein plastisches Werk hingegen stand, bis auf eine Ausnahme, nie im Scheinwerferlicht.
Der Maler Edgar Degas, der zwölf Jahre lang mit den Impressionisten ausstellte, überraschte im berühmten Pariser Salon, der jährlichen großen Kunstausstellung, nicht nur das Publikum. Dort, wo die Pariser und auch die internationale Kunstszene sich der Kritik und der Öffentlichkeit stellten, präsentierte sich der Künstler mit einer ersten Plastik statt der Bilder, die man von ihm erwartete.
Ungewöhnlich war diese Plastik nicht nur, weil sie von einem Maler stammte. Es handelte sich um eine fast lebensgroße junge Balletttänzerin. Die »Kleine Tänzerin von 14 Jahren« war aus Wachs geformt, allerdings: Ihr Röckchen, Mieder, Haarschleife und Haar sowie die Ballettschuhe waren echt.
Die Pariser der damaligen Zeit empörten sich. Zum einen waren sie irritiert über die Vermischung von Kunstform und Wirklichkeit. Zum anderen repräsentiert die kleine Tänzerin etwas vom Schicksal der Pariser Ballettmädchen ihrer Zeit, mit dem die gute Pariser Gesellschaft nicht konfrontiert werden wollte. Sie spiegelt die Anstrengung ihres Broterwerbs und die darunter leidende Gesundheit wider und lässt uns aus der Nähe erkennen, dass das rosa Tutu, das auf der Bühne so niedlich wirkt, aus der Nähe betrachtet eine individuelle Existenz ist.
Degas künstlerische Fragestellung, inwieweit eine Plastik die Wirklichkeit abbildet oder gar sie selbst ist, wurde nicht verstanden. Daraufhin stellte er, tief gekränkt, Zeit seines Lebens keine einzige Plastik mehr aus. Gleichzeitig wandte er sich, auch aufgrund seines immer schlechter werdenden Augenlichtes, immer stärker der Plastik zu.
Jetzt in Hamburg
In der ganz besonderen Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle sind alle 73 Plastiken (die Badenden, die Tänzerinnen, die Pferde) jetzt bis zum 3. Mai zu sehen. Degas schuf unter Berücksichtigung der impressionistischen Wahrnehmung des Lichtes Skulpturen, die trotz ihrer geringen Größe eine erstaunliche körperliche Präsenz zeigen.
Hier zeigt sich der ganz besondere Blick des Künstlers auf seine Modelle. Er hat einmal selbst gesagt, seine Frauendarstellungen seien vergleichbar mit einem Blick durchs Schlüsselloch. Aber dieser Blick hat nichts von dem Voyeurismus, den man vermuten könnte. Er zeigt die Frauen bei der Beschäftigung mit sich selbst. Er zeigt sie hinter der Bühne beim Baden, beim Kämmen, also in den Momenten, in denen sie sich nicht für die Öffentlichkeit positionieren und darstellen.
Dieser Blick von Degas ist von Sympathie und Freundlichkeit getragen, er entlarvt nicht, er zeigt, dass sie ganz lebendige menschliche Wesen sind, die unsere Sympathie verdienen. Er zeigt, dass ihre Körperlichkeit nicht nur in den grazilen künstlichen Bewegungen des Tanzes Schönheit besitzt, sondern auch bei den alltäglichen, nicht zur Schau gestellten Momenten. Ein Augenblick nur ist aus ihrer Bewegung herausgenommen und festgehalten.
Sicher hat den Künstler das Flüchtige, die Bewegung, besonders interessiert. Auch bei der Werkgruppe der Pferde beschäftigt ihn hauptsächlich die Geschwindigkeit, die Möglichkeit, einen Körper sowohl in seiner körperlichen Präsenz einzufangen als auch in der Flüchtigkeit der Bewegung wiederzugeben.
Dass wir heute seine Plastiken schätzen, kann man auch daran ablesen, dass im Februar beim Auktionshaus Sothebys ein Bronzeguss der »Kleinen Tänzerin von 14 Jahren« für neun bis zwölf Millionen Euro angeboten wurde. Wenn Degas das wüsste
bth
Weitere Infos zur Ausstellung unter:
www.hamburger-kunsthalle.de





