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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Berg der Mythen

»Der Ararat steht für allen Anfang. Hier ist die Wiege der Menschheit. Hier ist Noah mit seiner Arche gelandet. Hier konnten die Menschen nach der Sintflut neu beginnen.«

Fritz F. Pleitgen, ehemaliger Intendant des WDR

Er ist die einzige Erhebung weit und breit, doch diese Besonderheit macht ihn fast noch anmutiger und bestärkt seine Besucher in dem Glauben, das Grab der Arche Noah gefunden zu haben. Doch auch unabhängig davon ist der Ararat in Ostanatolien eine Besteigung wert.

Die Reise beginnt mit einer Busfahrt nach Dogubayazit, der Kleinstadt zu Füßen des Ararat. Die Landschaft ist herrlich: karge Hügel, Gras, Steine, Disteln, eine vielfarbige Erde und Wege, die Ziegen und Schafe seit Jahrhunderten in die Landschaft zeichnen. Zwischendurch ärmliche Dörfer, gestapelte Kuhfladen als Brennmaterial und ausgemergelte Kühe.

In einer anderen Welt
Heulaster kommen uns mit atemberaubender Ge­schwindigkeit entgegen, und mit ihnen Wolken von Staub, den die Räder auf dem trockenen Untergrund aufwirbeln. Die Männer auf den Feldern arbeiten wie seit jeher: Sensen in der Hand, Heugabeln, manchmal haben sie ein Pferd zur Hilfe. Das Bild ist fremd und vertraut zu-­gleich und es wird beherrscht vom Anblick des majestätischen Ararat. In der Ebene um Dogubayazit leuchtet einsam der
Gipfel dieses Berges, 5167 Meter hoch
und gekrönt von einer schneeweißen Gletscher­haube.

Der Ararat ist bekannt durch die biblische Geschichte. An seinen Hängen soll vor vielen Tausenden von Jahren die Arche Noah nach der Sintflut angelegt und das menschliche Leben nach dem göttlichen Strafgericht erneut begonnen haben. Am Fuße des Berges hat ein Erdrutsch vor einigen Jahren eine Formation frei gelegt. Die Umrisse des harten Erd- und Steingebildes lassen die Formen eines Schiffes vermuten – das Wrack der Arche Noah?
Die früheren Holzbauteile sind verfault oder als Feuerholz verbrannt worden, echte Überreste des Schiffes hat man daher nie gefunden.

Im Tal wird das erste Camp aufgeschlagen. Das begleitende Küchenteam kocht ein letztes stärkendes Mahl vor dem Aufbruch zur anstrengenden Tour: Kartoffelsuppe mit Koriander und Tomateneinlage, dazu gebackener Ziegenkäse mit Bratkartoffeln und gefüllter Paprika – ein wirklicher Festschmaus. Unglaublich, dass so ein Essen in einer einfachen Campingküche möglich ist. Aber die Tourführer haben Erfahrung und Improvisationsvermögen und sie kennen die Vorlieben ihrer Gäste.

Es wird kälter
Nach einer kalten Nacht unter sternenklarem Himmel startet der erste Aufstiegstag zum Ararat mit einer umfangreichen Kontrolle der Besteigungsgenehmigung und der Pässe an einem türkischen Militärposten. Eine gewisse Unbehaglichkeit macht sich breit, hier nahe der Grenze zu Iran, Armenien und Aserbaidschan. Und im Süden liegt der Krisenherd Irak, von den inneren Unruhen in der Vergangenheit ganz zu schweigen.

Der Aufstieg zum Lager eins führt vom Ende des Fahrwegs sechs Stunden lang durch grüne Weiden bis auf eine Höhe von 3200 Meter. Das Gepäck wird von Pferden getragen. Jedes Tier trägt zwischen 40 und 50 Kilo. Sichtlich Spaß macht das den Tieren nicht, aber so können ihre Besitzer etwas dazuverdienen.

Das Lager liegt auf einer idyllischen Wiese, die ein Bächlein quert. Ein letzter großer Treffpunkt für Bergsteiger, die auf den
Gipfel wollen. Beim abendlichen Bier werden hier viele Bekanntschaften geschlossen und Tipps für den Aufstieg ausgetauscht. Auch iranische Bergsteigergruppen trifft man hier, sogar Frauen sind dabei. Iranerinnen in modernem Bergsteigeroutfit – und ohne Kopftuch.

Vom Lager 2 aus, auf 4200 Meter Höhe, beginnt dann der Aufstieg. Es ist drei Uhr am Morgen und bitterkalt. Doch die Wetter­vorhersage verspricht einen herrlichen Gipfeltag. Begleitet vom Licht des Vollmondes und dem Schein der Stirnlampen geht es über Geröllfelder langsam nach oben. Es erfordert Konzentration, keine Steine loszutreten und nicht auszu­rutschen.

Noch ist der Gipfel des Ararat in eine Wolkenkappe gehüllt. Gegen sieben Uhr aber schiebt sich die Sonne langsam hinter dem Ararat hervor. Ein langer, eindrucksvoller Schatten des Berges erscheint auf dem umgebenden Tiefland. Dann endlich wird die Schneegrenze erreicht. Die Sonne hat sämtliche Wolken vertrieben und die letzten Meter verlaufen über sanfte Firnhänge bis zur leuchtenden Spitze.

Als der Gipfel erreicht ist, geht der Blick in die Ferne und hinab ins Tal. Die Sicht ist spektakulär und jeder der Tourteilnehmer, so scheint es, genießt sie in diesem Moment auf seine ganz eigene Art. Manch einer denkt hier über den Mythos Ararat nach und kehrt für einen Moment in sich. Andere schreien, rufen, hüpfen, singen und tanzen vor Freude. Der Ararat aber schweigt.

Ziegenbraten mit Bier
Um die geschundenen Muskeln und die wunden Füße nach dem Gipfelsieg zu verwöhnen, laden heiße Schwefelquellen hoch über dem Euphrat zum Baden ein. In 40 Grad heißem Wasser und umgeben von eindrucksvoller Landschaft lässt sich
das Leben genießen. Und irgendwie be- schleicht einen im Zenit dieser Entspannung die Vorstellung, die Spiritualität der Region mit Händen greifen zu können.

Rund um den Berg scheint das Leben der Menschen stillzustehen. Ganze Familien leben als Nomaden mit ihren Ziegenherden an den Hängen des Ararat. Auch Familie Ceven lebt so. Sie wohnt in einem ein­fachen Zelt, davor grasen die Tiere.
Die Wohnstätte der Familie ist immer genau dort, wo genug Gras für die Tiere wächst.

Ein Sohn der Familie, Kemal, ist Bergführer am Ararat. Ab und zu bringt er ein paar Touristen mit nach Hause. Sie werden stets herzlich empfangen, und meist wird dann ein kleines Festessen veranstaltet. Sehr zum Gefallen der Gäste, weniger zu dem der Ziegen. Denn eine von ihnen wird zu Ehren der Besucher geschlachtet und am Abend als leckerer Braten serviert.

Familie Ceven leben streng muslimisch. Deshalb ist auch zum fettigen Ziegenmahl jedes Bier tabu. »Ein guter Freund hat mich einmal hier besucht«, erzählt Kemal, »er hat hinter die Rückwand des Zeltes eine Schüssel voller Bierdosen gestellt und heimlich ab und zu unter der Zeltplane hindurch danach gegriffen. Meine Mutter hat nichts gemerkt und meinen Freunden hat die Ziege gleich doppelt so gut geschmeckt.«sawi

Auf dem Weg zum Gipfel kreuzen Nomaden den Weg.
Sind das Spuren der legendären Arche Noah?
Freude, Stolz und Demut erfüllen die Gipfelstürmer.
Fotos: S. Wiegand