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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Bei ihr wird jeder gern zum Mitläufer

Interessante Berufe: Wattführerin

Beruflich läuft es. Nicht zuletzt, weil Elfriede Wulff eine führende Rolle einnimmt. In ihrem Nebenberuf als Wattführerin wandert sie pro Jahr ca. 45 bis 50 Mal auf ihrer Heimatstrecke von Lüttmoorsiel im Beltringharder Koog zur Hallig Nordstrandischmoor.
Christoph Kolumbus entdeckte seinerzeit eine neue Welt auf der anderen Seite des großen Teiches. Und heute? Da genügt der Austausch nur eines Konsonanten. Denn schon auf der anderen Seite des großen Deiches erschließt sich während der vom Frühjahr bis Anfang November dauernden Saison ein ganz eigener Makrokosmos: der Nationalpark Wattenmeer! Vorausgesetzt, es steht einem eine erfahrene Wattführerin wie Elfriede Wulff zur Seite.

Überdies, so wird man im Lande der Gezeiten feststellen, läuft auch die Zeit noch anders. Nur 20 Jahre eher, und es wäre wohl nur ein Nachfahre Kolumbus’ oder eines anderen Entdeckers in Frage gekommen, dieses Interview zu führen. Nicht nur, dass sich die Höfe des Sönke-Nissen-Koogs – hier wohnt Elfriede – mit ihren durchweg grünen Dächern kaum voneinander unterscheiden, nein, damals gab es hier noch nicht einmal Hausnummern. Schließlich wisse doch jeder, wo man wohnt, zumindest jeder, der es wissen muss. So jedenfalls sah das Selbstverständnis der Anwohner bis zu dem Tag aus, als ein herbeigerufener Krankenwagenfahrer tragischerweise umherirrte, weil er es eben doch nicht wusste.

Im Norden nahm sie ihren Lauf
Ihr ganzes Leben hat die heute 68-Jährige und beachtenswert agile Wattführerin in der Weite der nordfriesischen Ebene zugebracht. Ist sie gerade nicht im Wattenmeer unterwegs, dann schwingt sie sich aufs Rad oder spielt Tennis. Geboren wurde sie in Bredstedt. Hier ging sie auch zur Schule und lernte ihren späteren Mann kennen. Mit ihm zusammen baute sie nur 5 km außerhalb ihres Geburtsortes den gemeinsamen Hof auf. Dabei spielte ihr „ein bisschen landwirtschaftliche Lehre“ in die Karten, wie sie selber sagt.
Zur Landwirtschaft gesellte sich schließlich noch ein weiteres Geschäftsfeld. Vor knapp 25 Jahren war die erste Ferienwohnung des Ehepaares bezugsfertig. Mit der Besonderheit, dass bei den Wulffs nicht nur Urlaub auf dem Lande, sondern auch auf dem Meeresboden möglich ist. Jedenfalls, wenn das Wasser seinen Rückzug antritt.

Als besonderen Service des Hauses bietet die im Watt bewanderte Gastgeberin an, ihre Besucher einmalig in der Woche durch Schlick und Priele nach Nordstrandischmoor zu führen. Auch wenn es mittlerweile zehn Ferienwohnungen sind und diese wie der Hof inzwischen vom Sohn und der Schwiegertochter geführt werden, so bleibt das Angebot für die Gäste des Hauses doch bestehen. Solange die Leute noch mit ihr laufen wollen, so lange wird sie mit ihnen einmal in der Woche Wattwandern, kündigt sie forsch an. Schließlich hat sie große Freude an ihrem Beruf und spaziert auch abseits der Saison gern durchs Watt.

Wat(t) will man mehr
Elfriede ist heiß begehrt. Zu den Führungen für die eigenen Gäste gesellen sich seit 8 Jahren auch die Anfragen des Naturzentrums Bredstedt sowie weiterer Vereine hinzu, denn seit jener Zeit ist sie auch von höchst offizieller Stelle ermächtigt, Leute ins Watt zu führen. 1999 beschloss die Nationalparkbehörde, dass künftig nur noch autorisiertes Fachpersonal Wanderungen leiten dürfe. In einem kostenpflichtigen Kurs wurden und werden angehende Botschafter des Nationalparks in der Ökologie des Wattenmeers, den gesetzlichen Regelungen im Nationalpark sowie in Didaktik, Methodik und Sicherheit ausgebildet.

Zusätzlich zu dem ursprünglich absolvierten Kurs müssen sich Nationalpark-Wattführer zweimal im Jahr zu einer Fortbildung einfinden, um im Januar des Folgejahres wieder zertifiziert zu werden. Grundvoraussetzungen für einen Wattführer bzw. eine Wattführerin sind die Freude an und der Respekt gegenüber der Natur. Außerdem sollte man sich im Watt auskennen, und ein wenig Wetterkunde schadet auch nicht. Derzeit stehen die Jobaussichten aber nicht zum Besten. Die ca. 20 in Nordfriesland heimischen Wattführer haben diesen Teil des Wattenmeers bereits unter sich aufgeteilt. Da man sich kennt und schätzt, käme es Elfriede auch nie in den Sinn, die Heimatstrecke eines anderen Wattführers zu laufen. Diese Art von Ehrenkodex ist ein mustergültiges Beispiel für den Zusammenhalt an der Küste!

Wieder auf dem Deich
Überhaupt gewinnt man den Eindruck einer großen nordfriesischen Familie, wenn man den Ausführungen Elfriedes lauscht. Etwa, wenn sie von den 19 Einwohnern auf Nordstrandischmoor erzählt und dass die hiesige Schule ab diesem Sommer 50 % mehr Schüler unterrichtet. Das dritte Kind einer Familie wird eingeschult. Oder wenn sie vom alten Knudsen berichtet, einem Postboten, der von Pellworm ausgehend, dreimal in der Woche eine 14 km lange Strecke durchs Watt läuft, um dem einzigen auf Hallig Süderoog abgeschieden lebenden Ehepaar die Post zu bringen.

Auf dem Deich des Beltringharder Koogs lassen wir uns den Wind um die Nase streichen, während Elfriede mir per Fingerzeig „ihren“ Teil des Wattenmeers umreißt. Der Finger deutet auf die in der weiten Ebene bizarr anmutenden, hoch aufragenden Speichersilos der Stadt Husum im Süden, führt über die Halbinsel Nordstrand weiter zu „ihrer“ Hallig und wieder nördlich davon zur Hamburger Hallig bzw. nordwestlich davon zur Hallig Hooge. Weit draußen, kaum noch auszumachen, zeichnen sich Amrum und Föhr schwach ab.

Etwa fünf Stunden dauert die insgesamt acht Kilometer lange Tour mit Elfriede, eine Zeit, in der der Lebensraum Wattenmeer und dessen Bewohner genau unter die Lupe genommen werden. In einer sprachkundigen Runde schnackt sie dabei auch liebend gern „en beten op Platt“. Auf der Hallig bietet sich die Gelegenheit, entweder im hiesigen Krug zu entspannen oder weiter in Entdeckerspuren zu treten.

Und auch wenn meine letzte Frage ungeklärt bleibt, nämlich jene nach der Herkunft des Wortes Watt, so ist ein Aufenthalt an der Nordsee immer wieder im wahrsten Sinne des Wortes eine Horizont­erweiterung. Eine, bei der Elfriede Wulff hoffentlich noch viele Jahre hilfreich zur Seite steht!

Elfriede Wulff
Sönke-Nissen-Koog Nr. 3
25821 Reußenköge
Telefon (0 46 71) 22 45
www.familie-wulff.de

ath

Fotos: Henrik Matzen