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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Aus Ole mach olé

Flamencolehrerin und -tänzerin Ina Heller über feuriges Flair im hohen Norden

Ich gebe es zu, ich war verlockt. Verlockt, diesen Artikel mit der Überschrift „Feuer und Flamenco für den Beruf“ einzuleiten, in Anlehnung an einen früheren Bericht über den Beruf des Feuerwehrmannes. Und ich gebe noch etwas zu: Flamenco hierzulande, das konnte ich mir kaum vorstellen.

Wie könnte es eine so von Leidenschaft geprägte Ausdrucksweise schaffen, in Schleswig-Holstein zurechtzukommen? Wie sähe so etwas aus?

Das kam mir spanisch vor

Denkt man an den Flamenco, so entsteht vor dem geistigen Auge das Bild einer rassigen Spanierin mit wallendem, pechschwarzem Haar, in deren strengen Gesichtszügen viel Stolz zu lesen ist und in deren dunklen Augen das Feuer lodert, eines, in dem man schon durch bloßes Hineinschauen verglühen kann. Kaum jemand wird sich, überspitzt gesagt, stattdessen einen pfeifeschmökenden Hein ausmalen. Mit dem Vorurteil aber, dass im hohen Norden nicht genügend Temperament stecke, räumt Ina Heller auf. Damit, und mit einigen anderen Trugschlüssen, denen man sonst noch aufsitzen könnte.

Verabredet sind wir passenderweise in Kiels andalusischem Kneipenrestaurant, dem La Tasca. Schon von ihrer Erscheinung her widerlegt Ina ein weit verbreitetes Klischee, nämlich jenes von der blond-blauäugig-kühlen Norddeutschen. Obgleich gebürtige Kielerin, kam sie dem oben geschilderten Bild sehr nahe. Aber damit hatten die Überraschungen erst begonnen.

Schritt für Schritt

Schon ehe Ina den Tanz zu ihrer Verdienstquelle machte, konnte sie ein bewegtes Berufsleben vorweisen. Nach dem Abitur studierte sie spanische Literatur und Ethnologie, bevor sie sich 1991 der Werbebranche zuwandte. Dort begann sie in der Buchhaltung, korrigierte Texte und half bei der Fotoauswahl sowie in der Mediaplanung, sprich: Sie entwickelte sich zum Allroundtalent.

Und was machen Leute, wenn sie jung sind und das Geld brauchen? Genau, sie heben einen Postkartenverlag aus der Taufe, der sich auf Karten mit Drachenmotiven spezialisiert.

So verrückt es klingt: Liquide Mittel warf dieser zur Genüge ab. Geld, welches unmittelbar in Inas Tanzausbildung floss, denn seit geraumer Zeit bereiste sie Spanien mindestens einmal im Jahr, um vor Ort Flamenco-Unterricht zu nehmen. Tanz hatte sie schon ihr Leben lang begleitet, Ballett, Jazz- und auch Steptanz, aber mit dem Carmen-Film von Carlos Saura Anfang der 80er-Jahre war sie dem Flamenco verfallen. 1997 war die Zeit reif, und Ina machte ihr Hobby zum Beruf.

Alles andere als ein Armutszeugnis

Inas Entscheidung für den Flamenco war nicht aus der Not geboren. Doch genau da kommt er her. Seine Ursprünge werden im 15. Jahrhundert vermutet, als die Gitanos nach Andalusien kamen. Im Städtedreieck Sevilla–Cádiz–Jerez bot sich der Raum für die Entfaltung ihrer Kultur, denn unter der Herrschaft der Mauren gab es lange schon ein Nebeneinander der Kulturen. Der ersten Harmonie folgte eine Phase der Anfeindungen und diskriminierenden Erlässe.

Dem Selbstbewusstsein der Gitanos entsprechend sahen sie diese von außen kommende Abgrenzung aber vielmehr als Bestätigung ihrer Gemeinschaft und ihrer Lebensweise. Über ihre gesellschaftliche Rolle jedenfalls wird kein Wort der Anklage verloren. Schmerz wird dennoch im Flamenco verarbeitet. Verlust oder Tod sind entgegen dem geläufigen Bild von der lebensfrohen Art das vorherrschende Thema. Im Laufe der Zeit trugen sich über 100 Formen des Tanzes zusammen.

Was heute noch zum Flamenco zählt und was nicht, darüber streiten sich die Geister. Eine Grenze festzulegen ist schwierig, da immer wieder Elemente anderer Volksweisen entlehnt wurden. Die vermeintlich dem Flamenco zugeordneten Kastanietten jedenfalls entstammen der spanischen Folklore.

Mehr als nur eine Formsache

Besonders die schwermütigeren Formen Seguiriyas und Soleares hat Ina zu schätzen gelernt. Mit dem Flamenco entdeckte sie eine neue, eine traurige Seite an sich. Sich dieser hinzugeben und sich von der Gruppe tragen zu lassen, hat etwas Erholsames. In den Worten einer ihrer Lehrerinnen: „Wir vertiefen uns in den Schmerz, um ihn zu verlieren.“

Die Schlussfolgerung, es müsse einem schlecht gehen, um Flamenco zu tanzen, ist allerdings voreilig. In gleichem Maße tanze sie auch die fröhlichen Formen. Zum Beispiel die Bulerías. Diese sehr verspielte Variante greift tänzerisch Elemente nahezu jedes Themas auf und führt diese dann witzig ad absurdum. Was dem Flamenco tatsächlich als Nährboden dient, sind brach liegende, tiefer gehende Bedürfnisse. Man müsse auf der Suche nach etwas sein, und da spielt dann auch ein Faktor wie regionale Herkunft keine Rolle mehr.

Eine Kunst für sich

Flamenco ist mehr als Tanz, Flamenco ist eine Kunstrichtung. Das komplexe Wesen zu erlernen ist folgerichtig nicht ganz einfach! Jene ca. 80 Teilnehmer, die Inas Kurse besuchen, stört dies wenig. Im Gegenteil, sie sind mit Begeisterung dabei. Besonders bei den reiferen Damen beeindrucke und erfreue sie diese Hingabe, sich auch jenseits der 60 einer neuen Erfahrung mit so viel Engagement zu widmen.

Sind Deutsche die „besseren Spanier“?

Besser oder schlechter – das sind Kategorien, in denen Ina nicht denkt. Zumal sich vielleicht noch die technische Ausführung, nicht aber das individuelle im Flamenco zum Ausdruck gebrachte Gefühl des Einzelnen beurteilen lässt. Und darum gehe es schließlich. Eine Weile unterrichtete Ina spanische Kinder – unter den Blicken ihrer Mütter, die den Unterricht der Deutschen äußerst kritisch beäugten.

Noch deutlicher wurden die Fachkenntnisse des Publikums während einer ihrer Lehrreisen. Vor einigen Jahren war die Kielerin mit einer deutschen Freundin persischer Abstammung in Spanien unterwegs. Mit ihnen in der Gruppe reiste eine Spanierin, wie sie dem stereotypen Bilde nach deutscher nicht sein könnte: blond, blass und mit Haaren, die endlos dem Boden entgegeneilten. So tingelten sie gemeinsam von Hotel zu Hotel, von Auftritt zu Auftritt. Und während die Hotelgäste zwar das Bemühen der blonden „Deutschen“ anerkannten, war es doch für jeden „offensichtlich“, dass es die dunklen Schönheiten „eben einfach im Blut“ haben.

Eine bühnenreife Vorstellung

Das hindert Ina allerdings nicht daran, sich auch weiterhin den kritischen Blicken zu stellen. Mit ihrer Bühnengruppe
Sol y Sombra tritt sie zu Feierlichkeiten oder anderen Events auf. Unterstützt wird sie während ihrer Auftritte von zwei Gitarristen. Dabei zeichnet sich eine Bühnenchoreografie dadurch aus, dass sie auch mal vom klassischen Flamenco abrückt.

Und legt Ina erst mal los, gibt es wortwörtlich auch kein Halten mehr. Einmal, inmitten einer besonders schwungvollen Pirouette, hielt es Inas schweren Ohrring nicht mehr an seinem Platz, und dieser flog in perfektem Bogen drei Meter quer durch den Raum punktgenau in das mit Rotwein gefüllte Glas eines Zuschauers. „Olé!“ – oder wie Ole sagen würde: „Jo!“

Weitere Informationen unter:
www.solo-flamenco.de

ath

Fotos: Bevis