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Samstag, 04. Februar 2012
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Auf Wassern erbaut.

Venedig - einst reichste Republik und größte Seemacht der Welt.

Aus Morast erwachsen und den ständigen Launen des Meeres ausgesetzt, droht ihr von Anbeginn der sprichwörtliche Untergang – und doch trotzt diese vor 1.200 Jahren errichtete Siedlung in einer unwirtlichen Lagune Nordostitaliens nicht nur den Unbilden der Natur und feindlichen Angriffen, sondern ebenso der Schwarzen Pest und erhebt sich zur größten und mächtigsten Wirtschaftsmetropole des Mittelalters.

Venedig ist aus der Not heraus entstanden – besiedelt von Menschen, die im Zuge der Völkerwanderungen im neunten Jahrhundert Zuflucht suchen vor den Goten, Wandalen und Hunnen, die den Kontinent brandschatzen und mit äußerster Gewalt bis in die hintersten Winkel des Festlands vordringen. Mit dem Rücken zur Wand betreten die Getriebenen eine Region, die jedem Anreiz zum Verbleiben spottet: eine Ansammlung von Inseln und Sandbänken, die im ewigen Widerstreit liegen mit den Fluten und auf denen nichts wächst außer Gras und dürres Gestrüpp. Allein die bis zu zwölf Kilometer langen und maximal 500 Meter breiten Nehrungen, von den Elementen geformt, geben den Ankömmlingen die Hoffnung, hier eine sichere Heimat zu finden.

Das Salz der Erde.
Zunächst aber muss diese Heimat erst einmal erschaffen werden. Über Jahrzehnte wird Sand aus den Tiefen der Lagune abgetragen und den Inseln hinzugefügt, werden Untiefen beseitigt und der gewonnene Boden mit Weidengeflecht gesichert. Gleichzeitig entstehen an den Inselufern Sperren, die das Wasser fernhalten, der landseitige Teil wird trockengelegt. Da­raufhin schlagen Arbeiter rund zwei Meter lange und 15 Zentimeter dicke Pfähle aus Eichen-, Erlen- und Pappelholz in den Grund. Sie bilden das Fundament, auf dem Brett an Brett genagelt wird – als solide Grundlage für die Häuser. Dazwischen verlaufen künstlich angelegte Wasserstraßen, von denen der berühmte Canal Grande die breiteste und längste ist.

Der Standort ist ideal für einen Handelsumschlagplatz – jedoch, es gibt nichts, womit zu handeln sich lohnen würde. Nichts außer Fisch und Salz! Das kostbare Mineral, unerlässlich zur Konservierung von Lebensmitteln, findet sich in Unmengen am Grund der Lagune, lässt sich relativ mühelos abschöpfen und macht die Stadt innerhalb kürzester Zeit reich. Immer mehr Menschen – Bauern, Fischer, Schiffer, Handwerker, Schmiede und natürlich Salzsieder – ziehen zu, und bereits um 1.000 n. Chr. zählt die »Serenissima Repubblica di San Marco«, die Alldurchlauchteste Republik von San Marco, zu den fünf größten Metropolen Europas. Benannt nach dem Heiligen Markus, dessen Gebeine im Jahre 828 aus Alexandria geraubt werden und wenige Jahre später in der fertig gestellten Markuskirche ihre letzte Ruhe finden.

Salz, Holz und Sklaven – dies sind die »Güter«, die Venedig zur Macht verhelfen. Die Republik will jedoch bald mehr, möchte Handelswege zum Orient ausbauen, wo Kostbarkeiten wie Seide und Gewürze zu erwerben sind. Dieses Ansinnen erfordert allerdings die Eroberung Konstantinopels, Zentrum des Kaiserreichs von Byzanz, größte und reichste Stadt der bekannten Welt und bis dahin uneinnehmbares Tor zu den Schätzen jenseits des Okzidents. Das zu stürmen ist der Plan des 95-jährigen Enrico Dandolo, seines Zeichens Doge und damit politisches Oberhaupt der Republik. Der Kreuzzug gegen das oströmische Reich gelingt, 1204 fällt die Stadt unter der Belagerung von 30.000 Soldaten aus ganz Europa, und Venedig steigt dank hinzugewonnener Besitzungen in der Ägäis zum uneingeschränkten Finanz- und Handelsmittelpunkt des Abendlandes auf.

Der Reiz des Verfalls.
Vier weitere Jahrhunderte lang nutzt die Republik ihren fast grenzenlosen Einfluss, zwingt Konkurrenten in die Schranken und beherrscht mit ihrer riesigen Flotte die lukrativen Handelsrouten. Doch was die Geschichte vielfach bezeugt, bleibt auch der Serenissima nicht erspart: Eine Machtkonzentration dieser Größenordnung provoziert auf Dauer nicht nur Widersacher in anderen Ländern, sondern führt auch zu politischen Intrigen in den eigenen Reihen, die wie ein bösartiger Pilz das innere Gefüge aushöhlen und zunehmend schwächen.

Als Konstantinopel im 16. Jahrhundert von den Türken erobert wird und zudem noch die venezianische Enklave Zypern in deren Besitz übergeht, kommt es zur großen Seeschlacht. Die siegreiche Republik gewinnt nur scheinbar, denn die Osmanen rüsten erneut auf und ringen Venedig einen Friedensvertrag ab, der ihre bis dahin uneingeschränkte Macht endgültig beendet.

Der wirtschaftliche Niedergang der Stadt geht einher mit ihrer wachsenden Romantisierung. Das Nebeneinander von Wasser, Stein und Holz, als Ingredienzien eines einmaligen Kunstwerks begriffen, entwickelt sich im 19. Jahrhundert zum Anziehungspunkt für Künstler und wohlhabende Schaulustige, die Venedig zu einer Renaissance ganz eigener Art verhelfen.

Der Zeit entrückt.
Noch immer lockt Venedig wie nur wenige andere Städte Europas Jahr für Jahr Abermillionen von Touristen an, die sich zwischen Kanälen, historischen Bauwerken und dem von unzähligen Gondeln gesäumtem Ufer am Markusplatz unweigerlich in diese Epoche zurückversetzt fühlen. Als wäre noch etwas zu spüren von dem regen Treiben, das seinerzeit auf dem »Rialto« geherrscht haben muss, dem großen Um­schlagplatz der Stadt, wo Kaufleute aus aller Herren Länder unter der strengen Aufsicht der behördlichen Aufseher ihre Waren zum Kauf anboten.

Nicht minder nostalgisch wirkt der Anblick der herrschaftlichen Villen, die die Wasserläufe säumen, allen voran den Großen Kanal, der sich über eine Länge von vier Kilometern durch die Stadt schlängelt und auf dessen spiegelnder Oberfläche die vielfach verzierten Fassaden beeindruckend in den Himmel wachsen. Die wohlhabendsten Familien der Stadt seinerzeit ließen nichts unversucht, den Wettstreit um das schönste, imposanteste Haus für sich zu gewinnen.

Gut möglich, dass Venedig noch lange Zeit dem nagenden Wasser trotzen wird – einmal besucht haben sollte man diese Stadt in jedem Fall!espa

Fotos: Shutterstock (4), Christian Mixdorf (1)