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Donnerstag, 24. Mai 2012
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„Also habe ich jetzt zwei Herzen

Interessante Berufe: Chansonsängerin

„Margaux und die Banditen“ erwecken das Chanson zu neuem Leben – und übertreten hierbei sowohl nationale wie stilistische Grenzen.

 Zwei, drei Sekunden lang herrscht vollkommene Stille im Raum, selbst die Rauchschwaden in der Luft scheinen für einen Moment innezuhalten – dann bricht Applaus los, Zurufe von allen Seiten und natürlich auch Pfiffe dieser ganz speziellen Art. Der Beifall gilt den drei Musikern auf der Bühne und der Frau im roten, hoch geschlitzten Kleid, die sich einmal mehr als „Wariatka, die Verrückte“ in die Herzen des Publikums gesungen und getanzt hat.

Margaux Kier ist gebürtige Polin und sie singt Chansons. Chansons? Aus Polen? Sie lächelt und antwortet mit einer Gegenfrage: „Besitzen die Franzosen ein Exklusivrecht auf die Liebe?“ Wohl kaum. In der Tat hat diese Liedform, die seit Jahrhunderten auf ganz besondere Weise mit diesem Gefühl verbunden ist, auch bei unseren Nachbarn im Osten eine lange Tradition. Ihre „Erfindung“ allerdings kann sich die „Grande Nation“ durchaus auf die Fahnen schreiben. Ein Grund mehr für die Sängerin und Schauspielerin, in jüngerer Zeit auch eine Auswahl französischsprachiger Stücke in ihr Repertoire aufzunehmen.

Von Ost nach West
Es ist jedoch vor allem die deutsch-polnische Begegnung, die der in Bydgoszcz geborenen Kölnerin so sehr am Herzen liegt. Wohl keines ihrer mittlerweile vier Programme bringt die Berührung dieser zwei Kulturen so lyrisch auf den Punkt wie „Also habe ich jetzt zwei Herzen ...“.
Zwei Herzen – damit sind nicht nur (ihre) „zwei Heimatländer“ gemeint, das Bild steht auch für so gegensätzliche Befindlichkeiten wie Glück und Trauer, Lust und Leid oder Gier und Scham, zwischen denen die Menschenseelen ihrer Liedgeschichten die gesamte Klaviatur der Emotionen durchleben und durchleiden. Und ganz gleich, ob sie dies in polnischer oder deutscher Sprache tun: Tief im Innern berühren sie den Zuschauer in jedem Fall.

Zur Grenzgängerin wird Margaux bereits mit zwölf Jahren. Es ist der persönlichen Intervention des damaligen Außenministers Genscher zu verdanken, dass sie und ihr jüngerer Bruder den Eltern in den Westen folgen dürfen. Schnell beherrscht sie die deutsche Sprache und nach dem Abitur studiert sie schließlich Medizin. Längst aber ist sie auch den schönen Künsten zugetan, und so lässt sie sich nach der Ausbildung auf den Reiz einer doppelten Berufung ein: Neben ihrer ärztlichen Tätigkeit erlernt sie Schauspielerei und Gesang.

Das Leben: eine Bühne
Die Paarung dieser Künste ist es auch, die ihre Bühnenpräsenz als Chanteuse auszeichnet. Chanteuse wohlgemerkt, und nicht Chansonnière. Denn während Letztere dem eher kabaretthaften Vortrag verpflichtet ist, setzt Margaux den Akzent auf die emotionale Interpretation ihrer ausgewählten Texte.
Innerhalb eines Abends schlüpft sie in die verschiedensten Rollen: Mal ist sie der Vamp, mal das unschuldige Mädchen, dann wieder wird sie zur Verlorenen, die ihre Träume vom Glück an die Freier im Hafen verkauft. Und nur selten greift sie zu einem Requisit wie Brille oder Sonnenschirm, um ihre Darstellung zu unterstreichen – die eigentliche Verwandlung gelingt ihr überzeugend aus eigener Kraft.

„Margaux und die Banditen“ schauen auf nunmehr sieben erfahrungsreiche Jahre zurück. „Deutschland hat zweifellos eine Chansonkultur“, betont die Sängerin, „aber sie wird hierzulande nicht sonderlich gelebt.“ Umso beachtlicher ist, dass ihr Ensemble längst über die Grenzen des Rheinlands hinaus gefeiert wird und sich mittlerweile ebenso auf nord- wie ostdeutschen Bühnen zu Hause fühlt. Aber natürlich standen auch schon mehrere Konzertreisen durch Polen auf dem Programm.

Alles eine Frage des Stils
Fragt man sie nach einem musikalischen Motto für ihre Programme, muss sie nicht lange überlegen: „Chanson mag Jazz“. Tatsächlich sprengen die Arrangements der Band die Grenzen, in denen sich der Chansonvortrag klassischerweise bewegt. Und spätestens an dieser Stelle kommen die ins Spiel, die den Namen der Band komplettieren: eben die Banditen. Die Lust der Protagonistin am Experimentieren hat über die Jahre Musiker mit sehr unterschiedlichen stilistischen Profilen an ihre Seite gelockt, Interpreten mit folkloristischem Hintergrund ebenso wie solche, die tief im Jazz verwurzelt sind.

Von Beginn an dabei ist Kontrabassist Daniel Speer (u. a. Kulturförderpreisträger der Stadt Herford), dessen sensibles, nach allen Seiten hin offenes Spiel den roten Teppich ausrollt für alle übrigen Mitstreiter. Vertraut gewordene Begleiter sind auch Florian Weber, „der Jazzpiano-Newcomer in Deutschland“ (Die Zeit) und Gewinner der „Piano Solo Competition“ des „Montreux Festival du Jazz“, Gitarrist Frank Wingold, der u. a. die „Dutch Jazz Competition 2002“ für sich entschieden hat, sowie Komponist, Pianist und Akkordeonist Jura Wajda aus Tschechien. Ihre zumeist langjährige Verbundenheit bestätigt nicht zuletzt auch die Qualität von Margaux’ eigenwilligen Interpretationen.

„Lieder über die Liebe und Lieder über die Lieblosigkeit“ – so übertitelt sie gern die Sammlung der mittlerweile gut 100 Liedtexte, die sie und ihre Band seit 2000 zusammengetragen haben. Bekannte Dichter und Komponisten wie Brecht, Tucholsky, Weill, Kreisler und Biermann sind ebenso vertreten wie Osiecka, Młynarski, Lipska, Konieczny, Krajewski – polnische Künstler, die bei uns noch auf ihre Entdeckung warten. Neben diesen „geliehenen“ Werken, zu denen auch Verse der Nobelpreisträgerin Szymborska zählen, finden sich inzwischen ebenso Texte aus der Feder der Sängerin.

Wie sie ihre unterschiedlichen Berufe unter einen Hut bekommt? „Es ist nicht ganz einfach und oft anstrengend, aber auch aufregend und schön. Gerade diese beiden Berufe muss man hundertprozentig erfüllen. Ich glaube, es geht nur, wenn man es mit Leidenschaft tut.“ Und nach einer Pause fügt sie hinzu: „Ja ... wenn ich etwas mache, dann mache ich es ganz und gar!“

Kontakt
Freunde des Chansons, Konzertveranstalter und andere Interessierte können schreiben an:
E-Mail: kontakt(at)margauxunddiebanditen(dot)de
oder reinschauen unter:
www.margauxunddiebanditen.de

espa

Fotos: Margaux & Freunde