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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Ach, es weihnachtet wieder …

Weihnachten – ein Erfahrungsbericht

Die Flipflops sind kaum im Schuhschrank verschwunden, da vernimmt man schon das erste „In 6 Wochen ist Weihnachten“. Die zu erwartende – wenn auch unbegründete – Reaktion: Die Gesichtszüge entgleisen, als hätte man in eine Zitrone gebissen. „Jetzt ist es raus“, denkt man sich und geht ganz unweigerlich in einen Zustand des Abwartens über.

 Und dann ist tatsächlich wieder Dezember. Als gut organisierte Hausfrau zücke ich sogleich den Stift, notiere, sortiere und verwerfe neue Ideen und lasse meine Erfahrung aus mehreren Jahrzehnten im „familiären Weihnachtsgeschäft“ Revue passieren. Steht die Geschenkeliste, ist ein großer Schritt getan. Doch zunächst stellt sich die Frage: Was habe ich meinem Mann noch nicht geschenkt? Oder: Was schenke ich jemandem, der doch eigentlich schon alles hat?

Beachte ich wider alle Vernunft die Wünsche, die ab dem ersten Advent systematisch bei jedem gemeinsamen Abendbrot geäußert werden (dabei ist das aktuelle Handy meiner Tochter doch gerade mal ein Jahr alt)? Oder gehe ich das Projekt dieses Jahr von der praktischen Seite aus an? Demnach sollte ich meinem lieben Gatten einen Terminkalender schenken, der Tochter ein paar Kopfhörer für ihre Anlage – und für meine Nerven – und dem Opa eine Lesebrille, obwohl ich gar nicht so sicher bin, dass beim Zeitunglesen wirklich eine Leseschwäche der Grund für sein verkniffenes Gesicht ist …

Von Geschenken und Dingen, die man sich schenken kann

Und was ist mit Gutscheinen oder einem Taschengeld? Damit kann man eigentlich nichts falsch machen. Jedoch gibt es dann auch keine bunten Pakete unterm Weihnachtsbaum und kein erwartungsvolles Rütteln. Tja, und was wünsche ich mir dieses Jahr? Harmonie am Festtagstisch, glitzernden Schnee im Vorgarten, keine Katastrophenmeldungen in der Tagesschau … Aber die neue Robbie-Williams-CD hätte ich auch unheimlich gerne, und einen Muff wollte ich schon immer – auch wenn „praktisch“ etwas anderes bedeutet: Vor meinem inneren Auge erscheint der prächtig dekorierte Weihnachtsbaum und davor ein 30-Liter-Sack Katzenstreu mit einer großen roten Schleife daran.

O du fröhliche …

Mein Weihnachtsplan nimmt langsam Form an. Nun geht es um die Organisation der Feiertage. Bei einer Patchworkfamilie braucht man ein Gefühl für Timing: Wer feiert wann und wo? Sind die Kinder am ersten Weihnachtsfeiertag bei ihrem Vater und bleiben sie auch zum Essen? Holen wir Opa Heiligabend schon nachmittags zum Kaffeetrinken? Doch da haben wir bereits Tante Ursula eingeladen, und die beiden waren sich noch nie grün. Zur Sicherheit notiere ich mir auch gleich noch ein paar Themen, die es im Kreise der Familie zumindest bei Tisch unbedingt zu vermeiden gilt, um Querelen vorzubeugen. Da wäre beispielsweise das Thema Taschengeld, InterRail in den Sommerferien, die seit Wochen unauffindbare Fernbedienung für den Videorekorder sowie ganz pauschal Hausaufgaben, Politik und Fußball!
Mir schwebt ein harmonisches Beisammensein im Kreise der Familie vor. Man erzählt sich Anekdoten aus der Kindheit, jene Geschichten, die man immer und immer wieder hören möchte, und die von Mal zu Mal mehr ausgeschmückt werden. Man blättert in Fotoalben, spielt eine Partie Dame … Ja! Das ist die Idee: Nach der Bescherung gibt’s Essen und dann machen wir einen Spieleabend. In der Abseite müsste noch die alte Spielesammlung sein. Ich schau gleich mal nach.

Was steht auf dem festlichen Speiseplan?

Vor mir liegt ein Stapel Kochbücher. Doch die zündende Idee, wie man beliebte Klassiker zum Fest aufpeppen könnte, lässt noch auf sich warten.

Gemäß den Reaktionen meiner Lieben auf alle Vorschläge meinerseits merke ich relativ schnell, dass ich hier nach dem Ausschlussprinzip vorgehen muss. Sohnemann mag kein Püree, aber Kartoffeln, die er dann minutenlang mit der Gabel zu Mus zerdrückt. Mein Mann gibt der Krokette, die er beim letzten Weihnachtsfest noch schnell beim Tischabdecken in den Mund gesteckt hat, die Schuld an einer schlaflosen Nacht. Meine Tochter verzieht bei Rotkohl das Gesicht und würde sich bei Rosenkohl nur auf einen Kompromiss einlassen, nämlich dick mit Käse überbacken … Käse … Käsefondue! Eine Woge der Begeisterung kommt mir entgegen! Über Sättigungsbeilagen brauche ich mir nun jedenfalls keine Gedanken mehr zu machen.

Die Qual der Wahl

Der Wecker klingelt. Es ist der 24. Dezember. Eine letzter Programmpunkt, den ich bis heute erfolgreich verdrängt habe, treibt mich aus den Federn: Was um Himmels Willen ziehe ich bloß an? Die neue Seidenbluse – ist schön, aber irgendwie unbequem und müsste dann danach in die Reinigung.

Der beige Pulli – seit ich ihn einmal meiner Tochter geliehen habe, ist er auf ewig in den Untiefen ihres Kleiderschrankes verschwunden. Der Jeansblazer – ist „cool“, sagt mir mein Sohn, ist „warm“ sagt mir eine Hitzewallung. Ich ziehe mich 5- bis 6-mal um und entscheide mich für die Seidenbluse. Als 10 Minuten vor der verabredeten Zeit Tante Ursula klingelt, ist mein Mann übrigens noch im Bademantel.

Frohes Fest!

Während ich in der Küche noch schnell ein paar Dips anrühre, erwähnt meine Tochter in einem Nebensatz, dass sie dieses Jahr nicht am ersten, sondern am zweiten Feiertag zu ihrem Vater fährt und dass Tante Ursula über Nacht zu bleiben gedenkt.

In meinem Kopf wirbeln sämtliche Termine und Anverwandten durcheinander, und ich beschließe kurzerhand, dieses Durcheinander erst nach dem Dessert gedanklich zu sortieren. Auf dem Weg ins Esszimmer stoße ich nur ganz leicht mit dem Ellbogen an die Türklinke, dabei schwappt ein Schwung Chilisauce über den Ärmel meiner Seidenbluse. Prima, denke ich – dann eben doch ganz „cool“ im Jeansblazer.

Gegen 20 Uhr sinken alle satt und glücklich in die Sofakissen. Als ich die Familie mit meiner Idee vom Spieleabend zu begeistern versuche, eröffnen mir die Kids, dass sie noch auf eine Weihnachtsparty eingeladen sind, für die sich meine Tochter übrigens gerne meinen Jeansblazer ausborgen würde. Opa ist auch schon eingenickt und lehnt mit dem Kopf auf Tante Ursulas Schulter. Was das Fest der Liebe doch alles möglich macht …

Mein Resümee: Gute Planung macht sich bezahlt, auch wenn alles irgendwie ganz anders läuft als vorgesehen. Neben dem Couchtisch türmt sich ein beachtlicher Müllberg, 1 PC-Spiel und 4 Paar Sportsocken liegen zum Umtausch bereit („Lass dir doch einfach einen Gutschein geben, Mama, dann suche ich mir selber etwas aus“).

Ach, es war wieder einfach schön. Wäre es nicht toll, zweimal im Jahr Weihnachten zu feiern? Nein, nein, wir wollen nicht übertreiben, sondern noch ein bisschen die Stimmung genießen. Ich kuschle mich in meinen neuen Morgenrock und nutze den Moment, einen Silvesterplan zu entwerfen: Wer feiert wann und wo? Was koche ich? Und vor allem: Was ziehe ich an?

tide

Fotos: mcm-Archiv