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Donnerstag, 24. Mai 2012
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480 PS und ganz schön viel Leben

Interessante Berufe: Fernfahrerin

Petra Riemer ist Woche für Woche mit ihrem eigenen Laster
für uns Verbraucher unterwegs. Morgens auf dem Weg zur Arbeit die Haustür hinter sich schließen, Mittagessen in der Kantine, abends vor dem Fernseher die Füße aufs Sofa packen – all das ist Petra Riemer fremd. „Nee, das wäre nichts für mich“, lacht die 48-jährige gelernte Arzthelferin aus Lage in Niedersachsen und dreht den Schlüssel im Zündschloss, um ihren Vierzigtonner zu starten. „Ich liebe den Alltag hier oben auf dem Bock. Hier fühle, hier spüre ich das Leben. Ja, so einfach ist es.“

Petra Riemer weiß, wovon sie spricht. Seit 27 Jahren schon ist sie als Fernfahrerin auf den Straßen der Europäischen Union unterwegs, transportiert zum Beispiel Schuhe, Unterwäsche, Kühlboxen und Kleinmöbel von Hamburg nach Bordeaux in Frankreich und holt für die deutschen Verbraucher Orangen und Zitronen aus der Provence ab. Gerade war die Truckerin mit dem frechen blonden Kurzhaarschnitt im französischen Grenoble, damit wir unsere Weihnachtsteller mit Nüssen füllen können.

Zwischen Kinderbett und Autobahn
Jahr für Jahr umrundet sie vier Mal die Erde – zumindest rein rechnerisch. „Immer von montags bis freitags bin ich unterwegs“, erzählt Petra Riemer. Das Wochenende gehört nämlich nur ihr und ihrem Mann Gundolf (55), der Trucker ist wie sie. „Diese freie Zeit ist sehr wichtig für uns“, sagt sie. „Dann wird stundenlang erzählt, gekocht und gegessen, herrlich! Welche Hausfrau hat schon die Gelegenheit, so gut wie jede Woche seine Lieblingsspezialitäten aus Frankreich, Spanien und Co. direkt vor Ort zu kaufen?“, lacht sie.

Ausgerechnet der Familiensinn ihres Mannes, mit dem sie seit 30 Jahren glücklich verheiratet ist, hat Petra Riemer zum Fernfahren gebracht. Er, in jungen Jahren Elektriker im Bergbau, wollte damals unbedingt eine Familie gründen. „Ich aber nicht“, grinst sie. „Ich hatte einen Job als Arzthelferin in einem Krankenhaus. Mit Kindern, dachte ich, müsste ich mein Berufsleben ja für lange Zeit auf Eis legen.“ Also überlegten sich die Riemers folgendes Lebensmodell: Sie ließen sie sich beide in dem alteingesessenen Fuhrunternehmen von Petras Familie in Dortmund zu Lkw-Fahrern ausbilden und gründeten ihre eigene Minifirma.

„Als sich unsere erste Tochter Jasmin ankündigte“, erinnert sie sich, „teilten wir uns einen Truck. Einer von uns lieferte Papierrollen nach Spanien, zurück nach Deutschland Zwiebeln, Melonen und Fliesen, während der andere Jasmin und später auch Annabell erzog – und umgekehrt!“

Nie wird Petra die Zeit vergessen, als ihre jüngere Tochter Annabell, ein Schrei-Baby, jede Nacht durchbrüllte. „Ich glaube, auf Knien habe ich damals meinen Mann angefleht, die nächste Fuhre übernehmen zu dürfen. Ich wollte in der Koje endlich mal wieder schlafen!“, erzählt sie. Als sie nach der Tour nach Hause kam, stand Vater Gundolf grinsend in der Tür: Auch Jasmin hatte zum ersten Mal in ihrem jungen Leben durchgeschlafen …

Frühstück für zwei in Paris
„Natürlich galten wir beide in unseren Anfangsjahren bei Kollegen schnell als der Pantoffelheld und das Flintenweib“, erinnert sich Petra Riemer. „Aber das störte uns kein bisschen. Immerhin mussten wir mit unserem selbst erschaffenen Arbeitsmodell die Kleinen ja nie in fremde Hände geben. Wer genießt schon solchen Luxus?“ Seit ihre Mädchen selbstständig sind, fahren beiden Eltern ihre eigenen Brummis – häufig sogar die gleichen Strecken.
Da kommt es immer wieder zu romantischen Begegnungen unterwegs“, lacht Petra Riemer. „Wir treffen uns schon mal zum Frühstück in Paris oder für ein, zwei Tage in der Provence.“ Ein Riesenspaß für das Ehepaar. Doch Petra Riemer ist nicht immer nach Lachen zumute. Was sie manchmal richtig wurmt: dass die Autofahrer auf den Autobahnen und Landstraßen sie und ihre Kollegen als Verkehrshindernisse und Störenfriede ansehen.

„Das ist einfach unfair! Zum einen sitzen in den Lkw Menschen am Steuer, in der Regel Familienväter, die nur ihre Arbeit machen und heil nach Hause kommen wollen. Zum anderen sind wir Fernfahrer doch Leute, die die Nation mit lebensnotwendigen Gütern versorgen. Keiner von uns Truckern ist unterwegs, um Pkw-Fahrer zu ärgern“, betont Petra Riemer.

Selbst ist die Frau
Das Selbstbewusstsein hat die Truckerin vermutlich von ihrem Vater gelernt, der als Fuhrunternehmer ein strenger, aber liebevoller Lehrer war. „Er sagte mir immer: Mädchen, was du nicht mit Kraft schaffst, machst du eben mit Köpfchen. Daran dachte ich erst kürzlich mal wieder, als ich nachts bei strömendem Regen auf dem Standstreifen einer holländischen Autobahn einen Reifen wechseln musste“, sagt sie.
Überhaupt ist der humorvollen Dortmunderin, die von ihren Auftraggebern bevorzugt zu schwierigen Kunden geschickt wird, keine Notlage fremd. „Den Keilriemen wechseln und andere Reparaturen erledigen, das gehört zum Handwerk“, sagt sie. „Manche männlichen Kollegen bieten zwar immer wieder ihre Hilfe an, aber ich mache alles allein. Das habe ich gelernt, das ist Ehrensache!“

Von den Kollegen geschätzt
Zu den Selbstverständlichkeiten gehört auch, ihren 480 PS starken Lkw, den sie alle dreieinhalb Jahre gegen ein neues Modell austauscht, „rückwärts auf einer Briefmarke“, wie sie sagt, zu parken. „Mit meinem kleinen Pkw zu Hause sieht das allerdings anders aus …“, gesteht sie und lacht.
Wenn sie am Steuer sitzt, schiebt sie am liebsten Hörbücher in den CD-Spieler, besonders historische Frauenromane haben es ihr angetan. Abends in ihrer Koje entspannt sie sich gern bei einer DVD. Fernsehserien wie „Forsthaus Falkenau“ und „Dallas“ helfen ihr, sich von dem oft anstrengenden Alltag am Steuer ihres Vierzigtonners zu erholen.

Die männlichen Kollegen, mit denen sie in den Fernfahrerkneipen zu Abend isst, schätzen Petra Riemer als hilfreiche Gesprächspartnerin. „Da schütten mir viele ihr Herz aus über ihre Beziehungen und fragen mich um Rat“, sagt sie. „Aus diesen Diskussionen habe ich viel für meine eigene Ehe gelernt.“
jank

Fotos: Petra Riemer (2)