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Hier dürfen Bäume sich entwickeln
Eine Liebeserklärung an den Wald: das international einzigartige Konzept der »Naturnahen Waldnutzung« im Lübecker Stadtwald.
Ein überraschendes Bild: Statt in Reih und Glied stehen die Bäume ähnlich einem verwunschenen Märchenwald im eigenen Rhythmus. Statt des gewohnten Anblicks gleich starker, aufgereihter Stämme hier fast schon ein Familienporträt: alte, ehrwürdige Bäume mit großem Durchmesser, dahinter ein Dickicht nachwachsender Jungpflanzen, die in einer Lichtlücke durch Selbst-Aussaat ihren Platz gefunden haben. Abwechslung fürs Auge, Bäume, die man schon beim zweiten Spaziergang wiedererkennt, die individuelle Gestalten sind, das findet man in den Lübecker Wäldern.
Der Lübecker Stadtwald ist der sechstgrößte Großstadtwald im Bundesgebiet, und er gehört den Lübeckern seit 1163, seit Heinrich der Löwe ihn der Stadt schenkte. Natürlich haben die Ausmaße sich seitdem geändert, sind größer geworden, doch seine Bedeutung für die Bewohner der Stadt war schon immer immens. So hat der Wald oft das Überleben der Stadt gesichert: als Holzlieferant für den Schiffsbau und Fachwerkhäuser, aber auch als Gebietszuwachs, um den wichtigsten Handelsweg bis Lüneburg, die Salzstraße, abzusichern. Das ist auch der Grund, warum ein großer Teil von Lübecks Wäldern außerhalb der eigentlichen Stadtgrenze liegt.
Die Entstehung einer Idee
Drei Gründe gab es für ihn, das heute so berühmte Lübecker Konzept der »Naturnahen Waldnutzung« einzuführen, berichtet Forstdirektor Dr. Lutz Fähser. Zum Ersten ergab es sich aus der Beschäftigung mit Betriebswirtschaft: Ganz schnell sei ihm klar geworden, dass man den Ertrag schmälert, wenn man in ein System eingreift, das von sich aus optimal funktioniert. Jeder Eingriff reduziert die Produktivität des Waldes und kostet Geld. Am Beginn seiner Arbeitszeit als Förster wurde ihm beim Beobachten und Auswerten fast unberührter Wälder schnell klar, dass sich hier eine Gewinnsteigerung fast von selbst einstellt.
Zum Zweiten wurde Fähser bei seiner Arbeit in Projekten der Entwicklungshilfen mit den strengen Regeln der Bundesrepublik für Waldwirtschaft konfrontiert, und das hieß und heißt: ökologisch arbeiten, die Bevölkerung einbeziehen, kein Gift verwenden, keinen Kahlschlag zulassen. Was liegt näher, als sich an diese Gebote auch zu Hause zu halten?
Und zum Dritten nahm Fähser die von der Bundesrepublik 1992 gegebene Unterschrift unter die Biodiversitätskonvention ernst. Auf Umweltgipfel in Rio de Janeiro verpflichtete sich auch das ehemalige Westdeutschland dazu, seine Wälder in ihrer natürlichen Vielfalt wiederherzustellen oder zu erhalten. Und wie das praktisch aussehen kann, sollte in Lübeck gezeigt werden. Und es wurde in Lübeck gezeigt! 1995 beschloss die Bürgerschaft, das Konzept der »Naturnahen Waldnutzung« umzusetzen.
Die Umsetzung
Einer der wichtigsten Grundsätze des Konzeptes ist: so wenig wie möglich eingreifen. Schon nach wenigen Jahren zeigt sich, wie in einer gerade abgeschlossenen wissenschaftlichen Studie der Deutschen Bundesstiftung für Umwelt (DBU) belegt wird, dass diese sehr behutsam bewirtschafteten Wälder schon deutlich die Entwicklung zu Naturwäldern begonnen haben. Seeadler, Kraniche, Schwarzspechte, aber auch viele kleine Organismen, die in Schleswig-Holstein verschollen schienen, haben sich vermehrt angesiedelt.
Gleichzeitig haben sich die Qualität und die Menge des Baumholzes stärker erhöht als in den intensiv bewirtschafteten Nachbarforsten. Eine gute Ökologie schafft eine hohe Wirtschaftlichkeit. In den 5 000 Hektar Stadtwald werden jährlich immerhin rund 20 000 Kubikmeter Holz geerntet.
Vorbild für die Welt
International gilt Lübeck als das erste geschlossene Konzept, das die Beschlüsse des Umweltgipfels konsequent umsetzt. Gäste aus aller Welt reisen an, um die Erfolge in Lübeck zu bestaunen und nehmen oft genug die hervorragenden Ergebnisse hier zum Anlass, im eigenen Land zu handeln.
Viele große Städte haben das Konzept längst übernommen, zum Beispiel Berlin, München, Saarbrücken, Bonn und Hannover.
Also, kommen Sie nach Lübeck und staunen Sie: Besuchen Sie die Lübecker Wälder wie etwa das Naturschutzgebiet Schellbruch mit 100 000 rastenden Zugvögel, das Dummersdorfer Ufer am Rande der Ostsee oder das Wakenitzufer, das auch als »Amazonas des Nordens« bezeichnet wird. Oder kommen Sie zum jährlichen Walderlebnistag auf die Katharineumswiese und erleben Sie Wald zusammen mit 15 000 Besuchern einmal ganz anders.





