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Morgendliche Rittertafel
Sie haben gewonnen!
Nein, von einem glücksverwöhnten Menschen kann bei Dorothea Wentorf nicht gerade die Rede sein. Vor 30 Jahren verlor sie ihren Mann, als der einzige Sohn gerade 4 Monate alt war.
Später erkrankte sie an Krebs. Und heute ist die jetzt 58-jährige gelernte kaufmännische Angestellte nach zwei schweren Wirbelbrüchen arbeitsunfähig.
Doch von all diesen Lasten merkt man an diesem Morgen nicht viel. Sie hat zwei befreundete Ehepaare und ihren Nachbarn in ihre gemütliche Wohnung im Kieler Stadtteil Altenholz eingeladen und plaudert ausgelassen mit ihnen über alte Zeiten. Herrn Bathel kennt sie von früher, als er noch ihr Briefträger war. „Landzusteller, quasi ein Postschalter auf Rädern“, wirft er betonend ein.
Herr Kohlmorgen war ein Arbeitskollege ihres Mannes, und der Nachbar darf kommen, weil bei ihm und Frau Wentorf Nachbarschaftshilfe ganz groß geschrieben wird und sie oft füreinander da sind.
Auf alte Zeiten verweisen auch die vielen Erinnerungsstücke an der Wand. Auf einigen ist Dorothea sogar als Fußballschiedsrichterin zu sehen.
Alte Wurzeln
Und neben süßen Kinderbildern und nostalgischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen hängt ein großer, gerahmter Familienstammbaum. Das sei der Stammbaum mütterlicherseits, erklärt sie. An dem der väterlichen Seite ihrer Familie arbeitet sie gerade. Bei Standesämtern, Heimatverbänden und Kirchengemeinden trägt sie Informationen zusammen. Später möchte sie neben den bloßen Geburts- und Heiratsdaten auch eine Broschüre über Leibeigenschaften und andere Sitten der früheren Zeit herausgeben. Die Ahnentafel soll dann bis mindestens 1650 zurückreichen, so wie die, die schon neben der Tür hängt.
Vielleicht bestätigt sich dabei auch die Legende, dass ihre Familie auf ein Raubrittergeschlecht aus dem Elsass zurückgeht. So wurde ihr zumindest berichtet. Und auch wenn sie dem nicht so ganz Glauben schenken mag, lächelt sie doch etwas stolz, als man sie auf das Familienwappen über der Tür anspricht.
„Manchmal läuft alles verkehrt“
So die Lebensweisheit auf der Uhr in Dorotheas Wohnzimmer, die – ja, Sie lesen richtig – gegen den Uhrzeigersinn geht.
Wegen ihrer Krankheit kann sie weder Beruf noch Sport ausüben, selbst reisen und einkaufen sind nur sehr eingeschränkt möglich. „Man gewöhnt sich daran“, sagt Dorothea trotzdem voll Lebensmut. Anfangs hat es wehgetan, berichtet sie, sich einschränken zu müssen, die eigenen Grenzen kennen zu lernen. Aber sie hat sich damit arrangiert. Heute verbringt sie ihre Zeit mit Fremdsprachen. Englisch, Schwedisch und Dänisch beherrscht sie.
Als sie an der Kieler Schleuse ihre Lehre machte, war Schwedisch Pflicht. Schließlich kamen die meisten Schiffe von skandinavischen Reedereien. Heute geht sie noch oft am Kanal spazieren. Und manchmal gönnt sie sich eine Reise nach Skandinavien – vorausgesetzt, sie findet zwischen Arztterminen und Krankengymnastik Zeit dafür.
Ansonsten hat sie auch gern ihre Enkel Fynn Niclas, 8, Julian, 5, und Kevin, 13, um sich. Fynn Niclas wird erst von dem Frühstück erfahren, wenn alles vorbei ist, verrät uns die Oma zwischen zwei Käsebrötchen. „Er wollte unbedingt mit frühstücken, dabei muss er doch zur Schule.“
Ihre Familie ist ihr großer Halt. Am Wochenende übernachtet der kleine Fynn Niclas oft bei ihr. Da schläft Dorothea dann im Wohnzimmer auf einer Matratze – wegen ihres Rückens – und der kleine Mann, wie es sich gehört, in Omas großem Bett. Um ihn nicht zu enttäuschen, will sie das Gewinnerfrühstück mit den Resten von Käse, Wurst, Schinken und Erdbeeren morgen noch einmal wiederholen.
Da bleibt uns an dieser Stelle nur noch, einen guten Appetit zu wünschen oder wie der Schwede sagt: „Smaklig måltid“.
sd










