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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Im Dialog bleiben

Zum Grillessen ins Haus Narnia, einer Facheinrichtung für Jugendarbeit und Gewaltpädagogik.

Natürlich sind wir auf den letzten Drücker, meine Kollegin und ich, und der Gedanke an weitere Folgetermine stimmt auch nicht gerade gelassen, als wir gegen halb eins den Wagen vor dem alten, schönen Bauernhaus parken. Bereits beim Aussteigen aber fällt aller Stress ab. 

Gewaltpädagogik in dieser Idylle? Das passt so gar nicht zusammen, resümiert vielleicht ein von TV-Klischees verbogenes Hirn. Tatsächlich jedoch könnte es besser gar nicht passen. Das dachte sich auch Thomas Hölscher, als er 1990 die therapeutische Einrichtung von der  nahe gelegenen Stadt Bordesholm hierher verlegte. Acht Einzelzimmer integriert der ehemalige Resthof, was in diesem speziellen Fall bedeutet: acht Plätze für männliche Jugendliche ab 14 Jahren, die in der Vergangenheit schon einmal gewalttätig geworden sind.

 

Aggression ist nicht Gewalt
»Es sind schwierige Fälle darunter, klar«, stellt der gelernte Tischler und Lehrer fest, »und wer meint, dass sich extreme Defizite in der Kindheit und frühen Jugend gewissermaßen reparieren ließen, blickt an der Wirklichkeit vorbei.« Worauf Thomas Hölscher und seine Mitarbeiter den Focus legen, ist das Bemühen, den Jugendlichen einen Weg zu sich selbst zu ebnen, damit sie mit ihrer latenten Aggression umzugehen lernen. Und das funktioniert nur über den wechselseitigen Dialog. Denn, so das Credo des hier vertretenen Therapieanspruchs: Ein Mensch, der mit sich und anderen in Kontakt steht, wird nicht gewalttätig. »Gewalttätig wird er nur, wenn er seine Aggression, also diesen extrem wichtigen Impuls, Themen anzupacken und Ziele anzugehen, nicht mehr den anderen mitteilen kann.«

Das sieht auch ??(VORNAME WIRD NACHGEREICHT)  Schreiber, die therapeutische Leiterin, so. Seit ihrem 18. Lebensjahr begleitet sie das Haus Narnia, zunächst als ungelernte Betreuungskraft für einen Schüler, später im Zuge verschiedener Fachausbildungen (unter anderem Konflikt- und Gewaltberatung) als längst vielseitig geschulte Pädagogin. Umso trauriger stimmt sie und die anderen im Team die Tatsache, dass immer wieder, wie auch heute, Sender bei ihnen anrufen, die das Thema bevorzugt reißerisch präsentieren wollen. Nach dem Motto: Wer einmal jemanden zusammengeschlagen hat, tut das ohnehin immer wieder – Therapie hin, Betreuungsangebot her. »Das ärgert mich schon sehr«, sagt Thomas Hölscher.

 

Mehr Betreuer als Jugendliche
Sehr entspannt geht es dagegen rund um den Grill zu, der mit tatkräftiger Unterstützung von Viktor Burnaschow, einem aus Weißrussland stammenden Pädagogen, zusammengebaut wurde. »Eigentlich hatten wir ja einen Grillmeister erwartet«, witzelt Anja Hölscher, die bis 2008 mit ihrem Mann und den beiden Kindern die Einrichtung mitbewohnte. »Einfach war das nicht, so nah dran zu sein an den Problemen der Jugendlichen, während zwei Zimmer weiter so etwas wie ein Zuhause für die eigene Familie stattfinden sollte.« Aber irgendwie hat es wohl doch funktioniert.

Insgesamt 18 Mitarbeiter kümmern sich um 14 Klienten (acht hier vor Ort, sechs weitere im Rahmen von Projektgruppen) – ein Verhältnis, wie es im heilpädagogischen Bereich seinesgleichen sucht. Und das doch im höchsten Maß gerechtfertig ist. »Wer es ernst meint mit den Kindern, der braucht vor allem eines: Geduld«, erläutert Jens Martens, der als Honorarkraft für die Einrichtung arbeitet, den therapeutischen Ansatz. »Alles hier geschieht auf freiwilliger Basis. Allerdings: Wer eines dieser Zimmer bewohnen möchte, muss uns davon überzeugen können, dass er es auch wirklich will.« 

Und tatsächlich wollen das viele, die Warteliste ist lang. Aber so ist das leider mit so wertvollen Betreuungseinrichtungen wie dem Haus Narnia: Ihr betreuungsintensives Konzept kann immer nur relativ wenigen zugutekommen – denen jedoch rund um die Uhr und zu hundert Prozent.

espa

Einrichtungsleiter Thomas Hölscher und Ehefrau Anja in heißer Mission.
Hatten ihren Spaß beim Grillen: die vielen Betreuer von »Haus Narnia«
Fotos:
Ines Matz-Boomgaarden