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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Warum eigentlich nicht?

Die Kurzgeschichte

 Mama, krieg ich einen Hund?“
  Claudia schreckte aus einem wunderschönen Tagtraum auf. „Was?“
„Einen Hund. Krieg ich einen?“, wiederholte Lynn geduldig. Die Vierzehnjährige ließ sich den Sand durch die Zehen rieseln und schlürfte lautstark den letzten Rest Cola-Eis aus der aufgeweichten Tüte.
„Was willst du denn mit einem Hund?“, antwortete Claudia, immer noch nicht ganz bei der Sache. Verträumt schaute sie dem Kreuzfahrtschiff am Horizont nach.
„Na was wohl? Kuscheln, knuddeln und liebhaben. Und überhaupt – ein Hund ist immer für einen da und lässt einen nie allein.“
Peng! Das hatte gesessen. Zwar wusste Claudia, dass ihre Tochter ihr keinen Vorwurf machen wollte, aber es ließ sich nicht leugnen, dass Lynn einfach viel zu oft alleine war. Seit dem tödlichen Unfall ihres Mannes vor fünf Jahren musste Claudia viel arbeiten, um für sie beide sorgen zu können.


Ein Hund, dachte Claudia, als sie blinkend vom Strandparkplatz fuhren, warum eigentlich nicht? Wenn ich schon keinen großen zotteligen Kerl finde, könnten wir uns wenigstens einen kleinen zotteligen Kerl anschaffen. Sie lachte laut los und hätte in der Kurve beinahe eine Radfahrerin überfahren. Lynn nahm die Kopfhörer ab und beäugte ihre Mutter zunächst skeptisch, wurde dann aber von ihrem Lachen angesteckt.
„Drehst du jetzt völlig durch, Mama? Worüber lachst du denn so? Und was hat die arme Radfahrerin dir getan?“
„Ach nichts“, antwortete Claudia mit Tränen in den Augen. Lange hatten die beiden schon nicht mehr so unbeschwert gelacht, und als sie zu Hause in die Auffahrt fuhren, hatte Claudia einen Entschluss gefasst.
„Nimm dir morgen nach der Schule nichts vor“, sagte sie, „wir fahren ins Tierheim.“


„Und ich darf wirklich einen Hund haben? Echt und ohne Quatsch?“ So überdreht war Lynn sonst nie.
Während sie die auf das Tierheim zugingen, hatte Claudia das gute Gefühl, das Richtige zu tun. „Na nun warte erst mal ab, ob wir überhaupt einen passenden Hund finden“, entgegnete sie sanft. „Freu dich noch nicht zu sehr, sonst bist du nachher enttäuscht.“
Genau in der Sekunde, in der Claudia den Türgriff fassen wollte, wurde die Tür von einem Mann aufgestoßen, der direkt in sie hineinlief. Er bückte sich brummelnd nach seiner heruntergefallenen Tasche, murmelte ein flüchtiges „Verzeihung“ und eilte dann unbeirrt weiter.
Spontan stieg Ärger in Claudia auf, wie so häufig in letzter Zeit. Oft brachten sie Kleinigkeiten in Wut. Während der Mann eilig in seinen Kombi stieg und geräuschvoll vom Grundstück fuhr, schnaubte sie etwas heftiger als nötig vor sich hin: „Es geht auch langsamer, guter Mann. Herrgott noch mal, was für eine Pfeife!“
„Ach, reg dich nicht auf, Mama, ist doch nichts passiert. Und eigentlich sah der doch ganz nett aus – ein bisschen wie mein Sportlehrer.“
Claudia hatte sich wieder gefangen und witzelte: „Na ja, der sah vielleicht nett aus, aber überleg mal, warum der hier so hektisch aus dem Tierheim gestürzt kommt. Der hat bestimmt heimlich den Dackel seiner Frau abgeliefert.“
Beide kicherten hemmungslos.
„Oder das war der böse Tierfänger! Können wir mir jetzt meinen Hund besorgen?“, drängelte Lynn.
Das Auto schien sich zur Seite zu neigen, als sie mit Samson auf der Rückbank abfuhren. „Samson“, das war ein vierzig Kilo schwerer, schwarzer Neufundländer, der bei weitem Claudias Vorstellungen überstieg, die sie von einem „Kuschelfreund“ für ihre Tochter gehabt hatte. Doch da war nichts zu machen, das war Liebe auf den ersten Blick. Gerade hatten sie das Tierheim betreten und „Wir suchen einen Hund für meine Tochter“ zu dem Angestellten gesagt, als Samson sie auch schon zielsicher zu seinem Käfig bellte.
Lynn hatte sich sofort entschieden und auch Claudia konnte sich dem süß treudoofen Blick des schwarzen Ungetüms nicht lange entziehen. Eine lange Spazierrunde später war klar: Das Zotteltier gehört jetzt zur Familie.
Lynn hippelte unruhig auf dem Beifahrersitz herum: „Ich will Samson gleich Melle und Wiebke zeigen, fahr schneller, Mama!“
„Moment, wir müssen erst noch zum Tierarzt wegen Würmern, Flöhen und so ...“, bremste Claudia ihre Tochter.
Lynn kreischte übertrieben: „Iiih! Glaubst du etwa, Samson hat Flöhe?!“
„Na ja, sicher kann man da nicht sein, und außerdem will ich mich ein bisschen über Impfungen und so weiter informieren.“


„Frau Wegener mit Samson bitte!“
Die junge Tierarzthelferin führte sie in den Behandlungsraum, in dem der Tierarzt sich noch die Röntgenbilder eines Vogels ansah. Als der Arzt sich umdrehte, lachten Mutter und Tochter synchron los.
Fragend sah er die beiden an: „Was ist so komisch?“
„Nichts“, entschuldigte sich Claudia lachend, „wir haben Sie vorhin beim Tierheim gesehen und hatten gewitzelt, Sie wären der Tierfänger oder hätten den Dackel Ihrer Frau entsorgt.“
„Nein, Tierfänger bin ich nicht, und ich habe auch weder Frau noch Dackel“, lachte er jetzt auch. „Ja, jetzt erkenne ich Sie beide wieder. Ich muss mich wohl dafür entschuldigen, dass ich vorhin so ungehalten war. Der Amtstierarzt ist ein Freund von mir, daher helfe ich manchmal im Tierheim aus. Heute hatten wir es wieder einmal mit ein paar schlimmen Fällen von Tierquälerei zu tun, und das kann einem die Laune schon mal verderben.“
Claudia hatte Schwierigkeiten seinem strahlenden Lächeln standzuhalten. Lynn hatte Recht, er sah wirklich aus wie ihr Sportlehrer, nur noch etwas besser. Sie wurde sofort rot, sah zu Boden und antwortete etwas zu schnell und viel zu holprig: „Ach, das ist doch gar kein Problem. Ist ja nichts passiert.“
Lynn bemerkte, wie unsicher ihre Mutter war, und lächelte verschwörerisch.
„Ich bin übrigens Dr. Hoffmann, und jetzt werde ich mir mal Ihren Hund ansehen. Wie heißt er denn?“
Das Behandlungsgespräch ging vorüber, ohne dass Claudia im Nachhinein hätte sagen können, worüber sie gesprochen hatten. Lynn übernahm im Gespräch und beim Ausfüllen der Formulare schnell die Führung, und Claudia stand gedankenverloren dabei, um hin und wieder etwas Dümmliches zu sagen und sofort wieder rot zu werden.
„So, das wäre dann erst mal alles – die erste Behandlung geht als Entschuldigung aufs Haus. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“
Dr. Hoffmann begleitete sie aus dem Behandlungsraum hinaus und winkte zum Abschied.
Als sie die Praxis verließen, neigte sich der schöne Sommertag dem Ende zu. Claudia sah gut gelaunt in die Schäfchenwolken und dachte: Ein Tierarzt? Na, warum eigentlich nicht?
G. Hansen

Illustration: Karin Zander