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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Über den Wolken

Kurzgeschichte

Die Glocken der Petri-Kirche schlugen zehn Mal, als Katrin ihren Haustürschlüssel ins Schloss steckte. Nach dieser Mammut-Tour habe ich mir mein Bett wirklich verdient, dachte die Stewardess. Wann war ich eigentlich das letzte Mal zu Hause, bevor ich gefühlte Dutzend Mal zwischen Dresden, Frankfurt und München hin- und hergeflogen bin?
Sie wollte gerade den Trolley zum Lift ziehen, als ihr Blick auf ihren Briefkasten fiel. Zwei dicke Umschläge quollen aus dem Schlitz. Auch aus dem Kasten ihres Nachbarn Tom, der eine Etage über ihr wohnte, ragten Briefe und Zeitschriften.
Nanu, dachte Katrin, bisher hatte der sympathische Computerfachmann aus dem dritten Stock doch zuverlässig ihren Briefkasten geleert, wenn sie länger unterwegs war. Dafür steuerte sie schon mal seinen geliebten englischen Oldtimer in die Autowerkstatt – was das Schnauferl ziemlich häufig nötig hatte. Aber warum waren jetzt gleich beide Briefkästen ungeleert?
Katrin stellte ihren Koffer in der Diele ab, legte die Post auf den Küchentisch und griff zum Telefon. „Entschuldige bitte den späten Anruf, Tom, hier ist Katrin.“
„Oh, ’n Abend“, hörte sie ihren Nachbarn mit einer Stimme krächzen, die scheinbar mit einem Reibeisen behandelt worden war.
Katrin streifte die Pumps ab und stellte Teewasser auf. „Bist du krank?“, fragte sie. „Ich dachte, weil unsere Briefkästen …“
„Seit vier Tagen“, flüsterte Tom. „Grippe. Böse Sache. Ich liege klatschnass und zitternd im Bett und fühle mich so unbedeutend wie ein Sandfloh in der Sahara.“
Katrin überlegte schnell. „Wer versorgt dich denn?“, fragte sie – und verfluchte gleichzeitig das aufkeimende Mitleid in ihrer Stimme. Diese Frage hatte sie eigentlich nur aus Höflichkeit stellen wollen. Schließlich verfügte der gutaussehende Tom zu ihrer Enttäuschung über einen weiblichen Bekanntenkreis, der so groß war wie die Mitarbeiterinnenliste einer Model-agentur lang.

***

„Was hast du für ein Glück, dass ich gerade eine Mammut-Tour hinter mir habe und drei Tage zu Hause sein kann“, lächelte Katrin und brachte Tom einen dampfenden Teller Gemüsesuppe ans Bett.
„Ich finde es echt klasse, dass du dich so rührend um mich kümmerst, Katrin“, krächzte Tom zwischen zwei Löffeln Suppe und sah seine Nachbarin dankbar an.
„Ach weißt du, es macht Spaß, ausnahmsweise mal unter den Wolken zu servieren“, scherzte Katrin und stellte die benutzten Teller und Teetassen auf ein Tablett.
Tom, den Katrin fiebernd zwischen zerwühlten Laken vorgefunden hatte, ging es nach drei Tagen Krankenpflege tatsächlich schon viel besser. Das Fieber war dank der von ihr unermüdlich erneuerten Wadenwickel rasch gesunken.
Warum tu ich das hier eigentlich, fragte sich Katrin dennoch. Wo ist denn Toms langmähnige blonde Schwedin abgeblieben, die aussieht wie Brigitte Bardot in ihren besten Jahren? Oder die hübsche Dunkelhaarige, die schon übermütig kichert, wenn sie mit Tom an Katrins Wohnungstür vorbeikommt?
„Liebe Katrin, ich würde mich gern für deine Hilfe revanchieren“, hörte sie plötzlich Toms Stimme dicht hinter sich.
Sie fuhr herum. Ihr Nachbar hatte sich den gestreiften Frotteebademantel angezogen und war mit einer Tasse Tee in der Hand in die Küche gekommen.
Als Katrin ihn so vor sich stehen sah mit seinen strubbeligen Haaren und dem sanften Glanz in seinen strahlenden Augen, wurde ihr ganz warm im Bauch.
„Hättest du Lust, mich in zwei Wochen zur Geburtstagsparty meines Bruders Pit zu begleiten? Er wird vierzig und feiert mit über hundert Leuten“, sagte Tom.

***

Wie gut sich Tom von seiner Grippe erholt hatte, konnte Katrin bald hören – und riechen. Ein schwerer Parfümduft hing im Treppenhaus, als Tom nach seiner Krankheit wieder Damenbesuch empfangen hatte. Lautes Gelächter und Musik tönten aus seiner Wohnung, als Katrin eines Abends nach Hause kam.
Katrin begegnete Toms neuer Herzensdame, einer rassigen Schönen mit schulterlangem Haar, nun häufig im Treppenhaus – ihr Gesicht glänzte jedes Mal verschwitzt, wenn sie sich von ihm verabschiedet hatte.
Warum hatte er dieses Vollblutweib eigentlich nicht vier Wochen früher aufgetan, dachte Katrin aufgebracht. So aufgeheizt, wie sie immer ist, hätte sie die Wadenwickel gleich ihnen beiden anlegen können.

***

Die Party bei Pit war ein riesiger Erfolg. In allen Ecken des alten, mit lodernden Fackeln geschmückten Gartens wurde gegessen, getrunken und gelacht. Tom, den Katrin in einem schlichten weißen Hemd und sandfarbener Hose einfach umwerfend fand, ließ seine Nachbarin kaum aus den Augen.
Katrin beobachtete gerade die ausgelassen tanzenden Partygäste, als ihr der Seeteufelspieß, an dem sie gerade knabberte, beinahe im Hals stecken blieb. Tom hatte doch tatsächlich auch die rassige Schönheit eingeladen. So ein Schuft!
Dann bat Tom auf der Terrasse plötzlich um die Aufmerksamkeit der Gäste.
„Liebes Bruderherz, liebe Freunde! Den Kulturgenuss, der Sie jetzt erwartet, verdanken Sie einzig und allein einer …“, er schien nach Worten zu suchen, „reizenden jungen Dame namens Mutter Teresa – nein, ich meine natürlich Katrin!“
Katrin wurde plötzlich so rot wie die Krebse auf dem Büfett. Torsten suchte ihren Blick. „Sie war es nämlich, die mich innerhalb weniger Tage von einer Grippe kurierte und mir gerade noch rechtzeitig unsere Proben ermöglichte.“
Mit einer eleganten Handbewegung stellte er Katrin den Gästen vor. Dann erklangen die gleichen rhythmischen Klänge, die Katrin seit Wochen aus Torstens Wohnung vernommen hatte – Mambo!
Tom nahm die rassige Brünette in den Arm und legte mit ihr einen so wilden Tanz hin, dass sich die Gäste vor Lachen bogen.
Am lautesten lachte Pit, Toms Bruder. „Bravo, mein Schatz!“, rief er der Tänzerin zu. Und zu Katrin gewandt: „Macht sie das nicht großartig? Aber meine Frau war ja schon immer für Überraschungen gut. Prost!“

Wiebke Sundermann

Illustration: Karin Zander