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Donnerstag, 24. Mai 2012
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Tod einer Lady

Ratekrimi

 Diesen Blick, da war sich Eliza­beth Mansfield ganz sicher, diesen Blick würde sie bald am meisten vermissen. Mit zitterigen Fingern schob sie die geblümte Gardine des Küchenfensters zur Seite und sah aus dem Fenster.
Es gab keinen Zweifel mehr, der Herbst hatte Einzug gehalten auf Dartsworth, dem alten schottischen Landhaus, das sie seit vielen Jahren allein bewohnte – wenn man einmal von ihrer treuen Haushälterin Miss Holly und einem halben Dutzend Siamkater absah.
Das Turmglöckchen von Dartsworth hatte gerade zur elften Stunde geschlagen und dichter Nebel lag über dem nur etwa eine halbe Meile entfernten Moor. Der grüne Zweisitzer auf dem Gutsparkplatz sah fast aus wie einer der zahlreichen Moorhügel in der Ferne.
Zeit für eine Tasse Earl Grey, dachte Mrs Mansfield und griff nach der Silberkanne. Zeit, meine angespannten Nerven zu beruhigen. Bei dem Besuch, den sie sich zum Wochenende eingeladen hatte, hieß es in der Tat, Ruhe zu bewahren. Da klingelte es an der Haustür.


Mit überhöhter Geschwindigkeit jagte der klapprige Kombi die lange Auffahrt zu Dartsworth hinauf. Vor der mächtigen holzgetäfelten Eingangstür bremste er scharf und eine laut schluchzende, langhaarige Blondine stieg aus. Mit der einen Hand klingelte sie Sturm, mit der anderen betätigte sie den eisernen Türklopfer.
Inspector Sullivan öffnete selbst. „Guten Tag, Sie sind …?“
„Wer hat meine Großmutter erwürgt? Wer tut so etwas bloß? O Gott!“
„Das ist Lizzy Shuman, Mrs Mansfields Enkelin“, erklärte die ganz in Schwarz gekleidete Miss Holly dem Inspector, „Kosmetikerin. Sie schien sehr an Mrs Mansfield zu hängen. Jeden Dienstagnachmittag kam sie extra aus Aberdeen, um mit ihrer Granny Schach zu spielen.“
Inspector Sullivan nickte.
„Ich muss Ihnen ein paar Fragen stellen, Mrs Shuman“, sagte er. „Reine Routine, Sie wissen schon.“
Lizzy zog ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und tupfte sich die Tränen ab. „Natürlich“, flüsterte sie.
„Sie haben also angerufen, bevor Sie sich auf den Weg von Aberdeen nach Dartsworth machten. Warum eigentlich?“
„Granny hatte ein solches Geheimnis um dieses Wochenende gemacht, wissen Sie. Plötzlich hielt ich die Spannung nicht mehr aus und griff zum Telefon, um ihr etwas zu entlocken.“ Lizzy zückte wieder ihr Taschentuch. „Wie immer nahm Miss Holly das Gespräch an. Sie schluchzte so sehr, dass ich sie kaum verstehen konnte.“
Inspector Sullivan versuchte, einen langbeinigen Kater loszuwerden, der ihm um die Knöchel strich. „Was hat Miss Holly wortwörtlich gesagt?“
„Sie war völlig außer sich. Kein Wunder, sie hatte Granny ja gerade gefunden. Sie rief: ,Die arme Mrs Mansfield! Sie müssen schnell kommen, Lizzy, schnell!‘ Dann legte sie auf.“
Plötzlich kläffte draußen ein Hund und jemand klopfte ungeduldig an die Tür. Ein groß gewachsener Mann mit schütterem, ungepflegtem Haar stand im Eingang. Auf seinem Hals prangte ein tätowierter Schmetterling.
Streng betrachtete der Mann den Chihuahua auf seinem Unterarm, der den Kater laut keifend in die Flucht schlug.
„Poupette, halt’s Maul! Hey, Schwesterchen, du hier? Was ist denn das für eine merkwürdige Versammlung?“, grinste der Mann. Im rechten Unterkiefer fehlte der Eckzahn.
„Mein Bruder David“, erklärte Lizzy dem Inspector. „Er versucht sich als Aktmaler in London-Soho. Zumindest hatte er es vor, als er das letzte Mal aus dem Knast entlassen wurde. Ich habe ihn mindestens fünf Jahre nicht gesehen. Seit ich weiß, dass er hohe Spielschulden hat, traue ich ihm nicht mehr über den …“
„Hey, Liz!“, fuhr David sie aufgebracht an und machte einen Schritt auf seine Schwester zu. „Was fällt dir ein, so mies über mich zu sprechen? Wer ist dieser Kerl überhaupt? Miss Holly, jetzt sagen Sie doch auch mal etwas! Und wo ist die Alte?“
„Mrs Mansfield ist … tot“, meldete sich Miss Holly leise zu Wort. „Jemand hat sie erwürgt, während ich auf dem Markt zum Einkaufen war. Vielleicht jemand, der …“
Es klingelte an der Tür. Miss Holly fuhr sich mit der Hand über die gestärkte Schürze, bevor sie öffnete.
Auch der Anblick des nächsten Gastes, ein stämmiger Mann in einem verblichenen schwarzen Nadelstreifenanzug mit ledernen Autohandschuhen, schien die blasse Mittvierzigerin nicht gerade zu erfreuen.
„Guten Tag, Miss Holly“, lächelte der Mann und drückte der überraschten Haushälterin einen leicht welken Herbststrauß in die Hand, den er hinter seinem Rücken verborgen gehalten hatte.
Inspector Sullivan musterte den Neuankömmling mit unverhohlenem Interesse.
„Guten Tag. Inspector Sullivan, Mordkommission Aberdeen. Wer sind Sie?“
„Ronald Mansfield. Sagten Sie Inspector? Was wird hier gespielt? Miss Holly, wo ist Granny?“
Miss Hollys Augen füllten sich mit Tränen. „Sie ist oben, Mr Mansfield. Aber Sie können Ihre Großmutter nicht sprechen, sie …“
„Mr Mansfield, bitte beantworten Sie meine Frage“, unterbrach Inspector Sullivan die erschöpfte Hausangestellte. „Wo waren Sie heute zwischen elf und ein Uhr mittags?“
Ronald Mansfield begann nervös zu blinzeln. „Warum fragen Sie? Ich habe Dartsworth schon kurz vor elf erreicht – zum Glück hat mein alter kleiner Spitfire die Fahrt durchgehalten! Schließlich war ich mindes­tens zehn Jahre nicht mehr hier, da sollte sich meine Reise auch lohnen.“
Er kratzte sich im Nacken.
„Ich bin Immobilienmakler und wollte Granny ein hervorragendes Angebot für Dartsworth unterbreiten. Nach meinem Besuch bin ich ins Dorf gefahren, um zu lunchen. Wo ist Granny überhaupt, Miss Holly?“
Zur Überraschung aller drei Enkel und von Inspector Sullivan schüttelte sich Miss Holly plötzlich in einem heftigen Weinkrampf.
„Ihr verlogene Bande!“, schrie sie und griff sich einen der Kater. „Ihr seid doch alle nur gekommen, weil ihr dachtet, eure Granny würde nun endlich das Erbe verteilen! Nur weil sie in ihrer Einladung geschrieben hatte: ‚Das letzte Hemd hat keine Taschen.‘!“
Gar nicht damenhaft wischte sie sich mit der Schürze die Nase ab und stieß ein hysterisches Gelächter aus.
„Dabei wollte sie euch nur mitteilen, dass sie Dartsworth gerade verkauft und sich eine kleine Etagenwohnung im Dorf gemietet hat. Den Rest des Erlöses hatte sie dem Züchterverband für Rassekatzen zugesprochen.“
Miss Holly schnaubte. „Heute wollte sie den Anblick eurer Gesichter genießen, ihr untreues Pack!“
Und zu Lizzy gewandt sagte sie: „Sie wusste genau, dass Sie sich mit Ihren ständigen Besuchen bei ihr einschleimten, um das Erbe einmal allein abzusahnen – schließlich besuchte Mrs Mansfield den gleichen gesprächigen Friseur in Aberdeen wie Sie.“
Inspector Sullivan tippte eine Nummer in sein Mobiltelefon.
„Bitte um Verstärkung, Kollegen. Ich habe herausgefunden, wer Mrs Mansfield umgebracht hat.“

Wiebke Sundermann

Illustration: Karin Zander