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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Schieben Sie mal eine Flotte Kugel!

Boßeln – Nationalsport der Friesen

Was dem einen das runde Leder, ist dem anderen der handliche Kloot. Und was dem einen geselliges Spiel, ist dem anderen bitterer Ernst. In den Regionen, in denen geboßelt wird, sind genau wie beim Fußball Begriffe wie „Kreisliga“ oder „Lokalrivalen“ keine Fremdwörter.

In Deutschland wird diesem Sport überwiegend in den norddeutschen Küstenregionen nachgegangen, genauer gesagt in Nord- und Ostfriesland, Dithmarschen sowie dem Oldenburger und dem Emsland. Aber auch fernab der Küste, in Nordrhein-Westfalen, hat Boßeln längst seine Anhänger gefunden. Und wer meint, dass dieser etwas andere Kugelsport eine rein deutsche Angelegenheit sei, sollte mal in die Niederlande, nach Irland, Italien und in die USA schauen. Dorthin haben deutsche Einwanderer die Kugel gebracht.

Alles ganz einfach eigentlich

Aber worum geht es hier denn nun eigentlich genau? Es gilt, eine bestimmte Strecke mit möglichst wenigen Würfen zu überwinden. Nicht sehr kompliziert? Das täuscht!

In der klassischen und professionellen Variante dieser Disziplin treten zwei Mannschaften, unterteilt in vier Gruppen mit jeweils vier Werfern, gegeneinander an. Diese vier Athleten teilen sich eine Kugel … pardon, einen „Kloot“ (plattdeutsch für Erdklumpen) oder eben eine „Boßel“ (und dies ist tatsächlich das plattdeutsche Wort für Kugel). Es gibt keine feste Wurfbahn, sondern man spielt einfach entlang der Landstraße – und das nicht selten über eine Strecke von acht oder mehr Kilometern. Seitens der Auto- und Fahrradfahrer ist nun enorme Rücksicht geboten.

Der Team-Mitspieler setzt seinen Wurf am Landepunkt des jeweiligen Vorwerfers der eigenen Mannschaft an. Die zurückliegende Boßel wird immer zuerst geworfen. Erreicht man auch beim zweiten Ansatz nicht den gegnerischen Kloot, hat der bessere Werfer einen „Schöt“, beim dritten Fehlversuch zwei Schöt usw. So ein Schöt (gesprochen Schköit) entspricht also einem Punkt oder, oberflächlich betrachtet, einem Toooor!, nur eben ein büschen komplizierter …

Wenn Friesen sich die Kugel geben

Ursprünglich waren die Boßeln aus schwerem Holz, heute bestehen sie vornehmlich aus synthetischen Materialien oder aus Gummi. Das irische Pendant der „Road-Bowler“ ist aus Stahl. Das A und O aber ist der richtige Dreh, eine ausgefeilte Technik in Sachen Anlauf, Fingerstellung und Abwurf. Schließlich hat man es hier nicht mit einem glatten Parcours zu tun, sondern muss sich den Windungen und Unebenheiten der Straße anpassen. Erwischt der Werfer den perfekten Drall, gelingt ihm vielleicht ein „Rillenwurf“ entlang der Straße – und die gegnerische Mannschaft kann nur noch zusehen, wie die Boßel der Spurrille folgend dem Horizont entgegenrast.

Die verschiedenen Materialien nehmen zudem erheblichen Einfluss auf Flug und Landung. Erst nach reichlichem Einsatz bekommt die anfänglich glatte Boßel „Griff“. Hat sie im Laufe der Zeit zu viel an Oberfläche verloren, ist sie zu ersetzen. „Beinhart“, das Reglement!

Allein in Ostfriesland erkämpfen sich mehrere tausend Sportler in fast 150 Vereinen jede Saison Schöt für Schöt. Die regionale Presse würdigt dies mit einer mehrseitigen Boßelbeilage, bei spektakulären Ergebnissen oder Wettkämpfen auch mal mit der Titelstory. Alle zwei Jahre steht die Deutsche Meisterschaft an, alle vier Jahre die Europameisterschaft (2004 in Westerende, 2008 in Cork, Irland).

Damit niemand kalte Füße bekommt

Die Boßelsaison reicht vom Winter bis ins Frühjahr, da die norddeutschen Gräben rechts und links der Strecke dann gefroren und die Boßeln somit leichter zu bergen sind. Um dies trockenen Fußes zu bewerkstelligen, greift man zum „Klootsoeker“ (Klootsucher), einer Art Besenstiel mit Körbchen, der im gut sortierten Handel einer jeden Boßelregion erhältlich ist.

Neben der sportlichen Leistung darf aber auch eines nicht zu kurz kommen: der Spaß an der Freude! Ausgiebiger Konsum von landestypischen Speisen und vor allem Getränken trägt zweifelsohne das Seine dazu bei, zum Beispiel im Rahmen der regionaltypischen Kohlfahrt.

Aber Achtung: Boßeln ist bitte nicht mit Bosseln zu verwechseln! Das Bierchen danach (oder währenddessen) sei im wahrsten Sinne des Wortes dahingestellt – hier geht es um Breiten- und Leistungssport mit nationalen Feld-, Stand- und Straßenwettkämpfen. Bosseln hingegen ist ein Reha-Sport, der mit dem Stockschießen verwandt ist und ausschließlich in Turnhallen gespielt wird.

Na dann, gut Wurf und wohl bekomm’s!

Infos zu aktuellen Wettkämpfen gibt es zum Beispiel im Online-Archiv der Ostfriesischen Nachrichten:
www.ostfriesische-nachrichten.de (Suchbegriff „Boßeln“ eingeben).

Fotos: Ostfriesische Nachrichten