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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Rock ’n’  Roll aus dem Jenseits

Kurzkrimi

 Der Schuss, mit dem sich Patrick Weigel eine Kugel in den Kopf gejagt hatte, hallte noch lange nach. Die Nachricht hatte die ganze Stadt erschrocken zusammenzucken lassen, denn der junge Geschäftsmann war äußerst erfolgreich gewesen und trotz seines leicht protzigen Lebensstils immer ein allseits beliebter Sohn Bambergs geblieben.
Patrick hatte doch eigentlich alles gehabt: Ein gutes Einkommen, eine kleine Familie, eine Designervilla, und im nächsten Jahr hätte er sogar die Nachfolge seines Vaters an der Spitze der Unternehmensberatung Weigel angetreten, einer profitablen Firma mit immerhin 37 Angestellten.

Das war ganz bestimmt kein Selbstmord! Diesen Gedanken hatte Inga Voß, die junge Kommissarin, schnell gefasst. Aber gut, auf den ersten Blick sah alles danach aus: Da sitzt Patrick Weigel in seinem leger eingerichteten, mit Postern dekorierten Büro in der Unternehmensberatung, der Oberkörper ist auf den Schreibtisch gesunken. In der rechten Hand hängt noch der Revolver, der linke Arm liegt lang ausgestreckt quer über den Tisch, sein Kopf auf der Tastatur. Die Leute von der Spurensicherung, die alles ausführlich vermessen, untersuchen und fotografieren, geben ihr bald recht. „Irgendjemand hat hier sämtliche Fingerabdrücke verwischt. Hier ist wirklich gar nichts zu finden!“, resigniert ihr Kollege. Das Ergebnis der ballistischen Untersuchung, das sie am nächsten Tag zusammen mit den Fotos des Tatorts auf ihrem Schreibtisch findet, bestätigt: Er hat sich nicht selbst erschossen.
So richtig froh ist Inga über diese Erkenntnis aber auch nicht. Denn tot ist Patrick Weigel allemal und es gibt keine verwertbare Spur. Okay, ganz ruhig!, denkt sie sich, die Vernehmungen werden schon etwas bringen!

Weigel senior ist am Boden zerstört. Der Endsechziger hat nicht nur einen Sohn verloren, er sieht auch sein Lebenswerk vernichtet. „Niemand außer Patrick kann diese Firma übernehmen! Ich habe ihn so lange daran herangeführt und …“, er ringt sichtlich nach Luft. „Wer könnte das getan haben?“, fragt Inga vorsichtig nach. „Aus dem Haus niemand. Unvorstellbar!“ – „Die Konkurrenz?“ – „Wir haben hier keine Konkurrenz. Die haben wir schon lange aufgekauft.“ Eher noch ratloser verlässt sie den alten Herrn, der zu sehr mit seinem eigenen Schmerz beschäftigt ist, als dass er ihr ernsthaft helfen könnte.
Verena Weigel findet sie in keinem besseren Zustand vor. Die junge, bildhübsche Witwe öffnet ihr tränenüberströmt die Tür. Nein, auch privat hätte Patrick keine Feinde gehabt, kann Inga ihrem Schluchzen entnehmen, und nein, sie könne sich nicht vorstellen, warum jemand so etwas tun sollte. Aber sie hofft, dass Oliver, sein jüngerer Bruder, nun an seiner Stelle das Unternehmen weiterführt, wo doch seine Frau Jane ihn sowieso gerade verlassen hat. „Gab es zwischen den beiden Streit um den Posten?“, fragt die Kommissarin und sieht sich schon auf der Zielgeraden des Falls. Ein Triumph! „Nein, eigentlich nicht. Oliver hat zwar seine Ausbildung auch in der Firma gemacht, aber er ist dann irgendwann ausgestiegen und arbeitet jetzt als Werbetexter.“

„Wissen Sie eigentlich, was sie mir da antun?!“, brüllt Oliver Weigel der fast ein bisschen erschrockenen Inga verzweifelt ins Gesicht, als er abgeführt wird. „Meine Frau hat mich sitzenlassen, mein Bruder ist erschossen worden, und wenn Sie mich jetzt festnehmen, verliere ich auch noch meinen Job!“ Ja, sie hat ihn verhaften lassen. Er hat ein Motiv: Neid und Geldsorgen durch die bevorstehende Scheidung. Und er hat kein stichhaltiges Alibi. Seine Behauptung „Ich war alleine zu Hause“ konnte keiner seiner Nachbarn zuverlässig bestätigen.
Zwei Tage später wird Oliver wieder entlassen, weil die Hausdurchsuchung keine Beweise brachte. Aber vor allem, weil Weigel senior seine Kontakte spielen ließ und gleich noch eine Armada Anwälte hinterherschickte.

Inga ist grübelnd auf ihrem Schreibtisch zusammengesunken, fast so, wie Patrick vor drei Wochen aufgefunden wurde. Stecken hier alle unter einer Decke? Passte Patrick mit seiner Lebensweise nicht mehr in eine seriöse Unternehmensberatung und musste er, ohne Firmengeheimnisse verraten zu können, beseitigt werden? Hat Verena am Ende ein Verhältnis mit Oliver? Bei dem Gedanken muss sie über sich selbst lachen. Als sie den Kopf hebt, um auf ihre Uhr zu schauen, fällt ihr Blick noch einmal auf die Tatortfotos. So nah hatte sie sie bisher noch nicht betrachtet. Man kann sogar erkennen, was auf Patricks Schreibtischunterlage steht – vor Ort war ihr das gar nicht aufgefallen. Termine, Telefonnummern, ein paar Galgenmännchen … und schräg über die Notizen stand mit zittriger Schrift geschrieben: „Lied 7“.
Was ist das? Ein Hinweis? Hatte er es kurz vor seinem Tod geschrieben? Aber was soll es bedeuten? Dann entdeckt sie es: Auf einem Foto, das von schräg hinter ihm aufgenommen worden war, sieht man, dass Patricks linker, ausgestreckter Arm anscheinend auf etwas zeigt: ein CD-Regal!

Hastig und nervös zieht sie in seinem Büro eine CD nach der anderen aus dem Regal. Bob Dylan, Lied 7:
„I Don’t Believe You“. Rolling Stones, Lied 7: „She Saw Me Coming“. Guns N’ Roses, Lied 7: „You Could Be Mine“. Aero­smith, Lied 7: „Janie’s Got A Gun“ … Plötzlich wird ihr heiß und kalt: Jane! Olivers Frau.
Aber warum? Sie war bisher vollkommen unverdächtig, wohnt auch seit der Trennung nicht mehr in Bamberg. Ihr den Mord nachzuweisen, gestaltet sich nun allerdings recht einfach. In ihrem Auto finden sich Schmauchspuren, die aus der Tatwaffe stammen, und kurz nach der Tat hat sie ganz in der Nähe mit ihrer EC-Karte eine Tankrechnung bezahlt.

„Warum haben Sie das getan?“, fragt Inga die Verhaftete. „Weil Oliver ein Versager ist und ich bei der Scheidung sonst leer ausgegangen wäre! Er wäre in die Firma zurückgekehrt. Und ich hätte dann noch etwas davon abbekommen!“ – „Aber dadurch wurde er zum Hauptverdächtigen.“ – „Wenn er im Knast gelandet wär’, hätt’s mich auch gefreut!“, keift sie nur.
„Tja, aber beim Säubern des Tatorts haben Sie leider etwas übersehen“, lacht Inga sie aus und freut sich, dass die Waffen eines Mannes noch raffinierter sein können als die einer Frau. Florian Neumann

Illustration: Karin Zander