Artikel Freizeit im Detail

 
Sie sind hier: Freizeit / Artikel
Mittwoch, 23. Mai 2012
...

Liebelei mal drei

Ratekrimi

Ich hätte auf meinen Vater hören sollen. »Junge«, hatte er immer gesagt, »als Kriminalkommissar hast du nie Feier­abend.« Mein alter Herr hatte mal wieder recht gehabt. Die Woche war hart gewesen und ich hatte mich den ganzen Freitagnachmittag auf ein kühles Bier in meiner Lieblingskneipe gefreut, als der Anruf kam: Hans Kreidel, der berühmte Marzipan-Hersteller und Besitzer der Fabrik »Zuckerwerk«, war erschlagen aufgefunden worden.
»Es passierte in seinem Büro, Wagnerstraße 28. Mit einem Briefbeschwerer aus Speckstein hat ihn der Täter offensichtlich am Kopf getroffen, das Opfer liegt neben seinem Schreibtisch«, hatte mir mein Assistent Sven telefonisch durchgegeben, während ich eilig Jeansjacke und Umhängetasche griff und mich zu Fuß auf den Weg vom Polizeipräsidium zum Tatort machte.
Hans Kreidel, 63 Jahre alt, war einer der bekanntesten und reichsten Männer der Stadt. Nicht nur, weil sich der ehemalige Konditorgeselle aus kleinsten Verhältnissen mit enormem Fleiß nach oben gearbeitet und ein Imperium geschaffen hatte. Er genoss in unserem Städtchen auch einen zweifelhaften Ruf als notorischer Schürzenjäger und Fremdgänger, das pfiffen die Spatzen von den Dächern.
Dass »Zuckerwerk« angeblich das weltbeste Marzipan herstellte und es in entfernteste Länder befördern ließ, beeindruckte mich persönlich wenig. Nicht etwa, weil mir mein Arzt strengstens verboten hatte, weiter zuzunehmen. Ich hasste das klebrige Zeug einfach.
Als ich in der zwölften Etage aus dem Fahrstuhl stieg, hörte ich Stimmengewirr am Ende des Flurs, eine Frau schluchzte herzzerreißend. Ich betrat das Chefzimmer, wo die Leiche des Marzipan-Fabrikanten gerade von allen Seiten fotografiert wurde und die Spurensicherung am Werk war.
Sven reichte der weinenden Frau, einer teuer gesträhnten Blondine Anfang sechzig, eine Packung Taschentücher.
»Das ist Margot Kreidel, die Witwe der Opfers«, erklärte er mir. »Sie hat ihren Mann gefunden. Sie sagt, es war kurz nach 19 Uhr.«
»Herzliches Beileid, Frau Kreidel«, sagte ich und nahm ihre rechte Hand, die in einem butterweichen Nappaleder-Handschuh steckte. »Was wollten Sie von ihm? Waren Sie verabredet?«

***

»Nein«, flüsterte sie. »Heute ist unser Hochzeitstag, den er wie üblich vergessen hatte. Ich hatte Opernkarten besorgt und wollte ihn damit überraschen. Weil das Sekretariat nicht mehr besetzt war, ging ich sofort in sein Büro. Da lag mein Mann am Boden, mit dem Gesicht nach unten, und atmete nicht mehr!« Weinend betupfte sie die Tränen.
Sven und ich führten Margot Kreidel ins benachbarte Sekretariat, wo mir beim Anblick einer einsamen, Lippenstift-verschmierten Kippe im Aschenbecher plötzlich nach einer Zigarette zu Mute war.
 Sven stellte mir eine andere attraktive Frau vor. Sie trug ein tadellos sitzendes Nadelstreifen-Kostüm und kaute nervös auf ihrer blassen Unterlippe herum. Ihr schmales Gesicht wies rötliche Flecken auf.
»Meine Name ist Vera Vierhaus«, sagte sie leise und schien sich große Mühe zu geben, dem hasserfüllten Blick von Kreidels Sekretärin Antje Meyer, die uns gegenüber stand, auszuweichen. »Ich bin … ich war Herrn Kreidels persönliche PR-Assistentin. Noch um 17 Uhr hatten wir eine kleine … Besprechung in meinem Büro. Hans, ich meine, Herr Kreidel, war freundlich und bestens aufgelegt wie immer.«
Sie begann zu weinen. »Er war so ein toller Chef, hatte immer ein offenes Ohr für meine Ideen, gab mir so viel … Freiraum. Kurz vor 18 Uhr verließ er mein Büro gleichzeitig mit mir, wir verabschiedeten uns vor der Tür. Ich weiß es deshalb noch so genau, weil unsere sehr zuverlässigen und pünktlichen Gebäudereiniger gerade Feierabend machten. Freitags kommen sie ja immer früher als sonst.«
Ich nickte. Ein gründliches Putzgeschwader ist heute Gold wert, dachte ich. Im Polizeipräsidium fand ich morgens häufig die Krümel des Cheeseburgers vom Vortag unter meinem Schreibtisch.
»Toller Chef, offenes Ohr, was für ein dämliches Gesäusel«, blaffte nun Sekretärin Antje Meyer los, während eine Wolke von kaltem Nikotin meine Nase erreichte. »In der ganzen Firma ist doch bekannt, dass die Vierhaus vor einem Monat ein Verhältnis mit dem Chef angefangen hatte. Fast täglich hielten die beiden ihre berühmten ‚Besprechungen’ in Veras Kemenate ab, von der Herr Kreidel jedes Mal mit hochrotem Kopf an seinen Schreibtisch zurückkehrte. Seine Frau kann einem nur leidtun!«
Vorsichtig wandte ich mich Margot Kreidel zu, die nach Fassung rang. Immer wieder rieb sie ihre Handflächen an dem engen schwarzen Kostümrock ab.
Auch Vera Vierhaus schien plötzlich zu erstarren. »Das sagst du doch nur, weil du bei ihm nicht landen konntest, du intrigante Tippse«, zischte sie.
»Oh, da täusch dich mal nicht, meine Liebe«, fauchte Antje Meyer. »Ich sag’s ja ungern vor Frau Kreidel – aber meinetwegen wollte er sich sogar … scheiden lassen.«
Ein Mann zwischen drei Frauen, oder waren es letztendlich noch mehr? Das konnte nicht gut gehen, fuhr es mir durch den Kopf und ich lobte mich mal wieder insgeheim für meine weise Entscheidung, schon drei Heiratsanträgen von Frauen widerstanden zu haben. Ich führte zwar ein biederes, aber wenigstens klar strukturiertes Leben.
»Frau Meyer, wann haben Sie heute das Büro verlassen?«, fragte ich die Sekretärin, die mit zitternden Fingern einen Lippenstift aus der Handtasche zog und purpurne Farbe auflegte. Offensichtlich ihr Entspannungsritual.
»Es war gegen 17.15 Uhr«, antwortete Antje Meyer wie aus der Pistole geschossen. »Der Chef war ja in seiner Lieblings-Besprechung, die Putzleute fuhrwerkten herum, mein Typ war wohl nicht mehr gefragt. Also ging ich nach Hause.«
Wenn wir uns mit diesen Aussagen zufriedengegeben hätten, hätten Sven und ich vermutlich bis Ostern rätselnd in Hans Kreidels Sekretariat gestanden. Das war zum Glück nicht nötig. Eine Dame allerdings hat uns nämlich nicht alles erzählt. Das machte aber nichts. Sie hat sich anderweitig verraten. Wissen Sie, wie?
Wiebke Sundermann

Illustrationen: Karin Zander