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Mittwoch, 23. Mai 2012
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Liebe geht durch   den Magen

Kurzgeschichte

 Einfach nichts konnte Tamaras Laune verbessern. Nicht der Anblick der sanft plätschernden Wellen des Gardasees und auch nicht die nach frischem Schinken duftende Pizza, die Marcello gerade ihr und ihrer Freundin Bettina serviert hatte. Selbst die funkelnden Augen des italienischen Kellners würdigte Tamara keines Blickes.
„Ach, Bettina, entschuldige bitte. Ich verderbe dir mit meinem Sauertopfgesicht noch den ganzen Urlaub.“ Mit Tränen in den Augen griff Tamara nach ihrem Glas Lambrusco.
„Aber ich kann nun mal nicht so gnädig mit Peter sein wie du. Wenn ein Mann schon nach zwei gemeinsamen Jahren allen Ernstes behauptet, getrennter Urlaub brächte frischen Wind in die Beziehung, dann …“, schluchzte Tamara. „Dann kann so ein Egoist nicht der Mann sein, mit dem ich Kinder haben möchte. Warum verstehst du das denn nicht?“
Bettina schüttelte energisch den Kopf. „Männer brauchen manchmal ihre Freiheit, glaub mir. Vielleicht ist es ihm mit dir einfach zu eng geworden.“
Sie beugte sich über den Tisch und schwenkte übermütig ihr Weinglas.
„Sieh’s doch einfach mal positiv. Wie sonst könnten wir den Gardasee und den erfreulichen Anblick seiner männlichen Anwohner so ungestört genießen?“
Nun musste auch Tamara grinsen. Bettina hatte eine so erfrischende Art, sie aus ihrem Stimmungstief zu ziehen. Und dennoch wusste Tamara nicht, ob ihre Liebe zu Peter auf Dauer stärker war als sein offensichtlich heftig ausgeprägter Freiheitsdrang.
Er hatte darauf bestanden, diesen Sommer drei Wochen allein durch Frankreich zu trampen – konnte das etwa schöner sein als romantische Ferien zu zweit in einer kleinen Pension in Malcesine? Stundenlang an staubigen Landstraßen ausharren statt über einladend duftende Märkte und durch mit Oleander geschmückte Gassen zu bummeln? Und wer weiß, vielleicht hatte er ja bei einer seiner häufigen Dienstreisen nach Montpellier eine rassige Französin …
„Signorina, è stanca? Sind Sie müde vielleischt? Oder hat Pizza nischt geschmeckt heute?“ Mit gespielt kummervoller Miene räumte Signor Vettone die leeren Holzteller ab.
„Nein, Signore“, kam Bettina ihrer Freundin zuvor. „Tamara ist traurig, weil ihr Freund diesmal nicht mit ihr nach Malcesine fahren wollte. Ich kann ja verstehen, weshalb“, ihr Mund näherte sich verschwörerisch Signor Vettones Ohr. „Vermutlich wäre es ihm peinlich, ausgerechnet in Italien, das eine so paradiesische Küche besitzt, an seine größte Bildungslücke erinnert zu werden.“ Bettina kicherte übermütig: „Er kann nämlich kein bisschen kochen!“
„Lass das Thema jetzt, bitte“, zischte Tamara und setzte für den verwundert blickenden Ristorante-Besitzer ein charmantes Lächeln auf. „Andere Mütter haben doch auch schöne Söhne. Vor allem die italienischen!“
Nun prusteten beide Freundinnen vor Lachen, während Signor Vettone kopfschüttelnd ins Haus zurückeilte.



Keuchend stellte Tamara ihren Koffer vor der Wohnungstür ab. Bevor sie in ihrem Trenchcoat nach dem Schlüssel kramte, legte sie sich in Gedanken ihren Plan noch einmal zurecht. „Peter“, würde sie sagen, „Peter, ich habe die ganzen drei Wochen nur an dich gedacht. Aber nicht so, wie du glaubst. Ich kann …“
„Hallo, mein Schatz!“, rief Peter aus, der in diesem Moment die Wohnungstür weit öffnete. Tamara fühlte einen Stich in der Brust. Peter sah in dem weißen Hemd und den Jeans einfach umwerfend aus.
Er war braungebrannt, das blonde Haar war noch eine Spur heller geworden, und seine graugrünen Augen strahlten.
„Ich bin so froh, dass du wieder da bist, Tamara“, sagte er. „Hattest du eine schöne Zeit am Gardasee? Wie geht’s Bettina? Lass mich doch mal den Koffer reinholen.“
Er wollte sich gerade an Tamara vorbeizwängen, da drückte sie ihn sanft zurück in die Diele. „Peter, ich muss mit dir reden. Die Sache mit uns ging mir die ganzen drei Wochen nicht aus dem Kopf.“ Sie spürte, wie sich ihre Augen wieder mit Tränen füllten. Mist, sie hatte doch ganz ruhig bleiben wollen.
Peter blickte sie überrascht an. „Welche Sache denn?“
Tamara schüttelte unglücklich den Kopf. „Ich kann nicht mit einem Mann zusammen sein, der sich schon im dritten gemeinsamen Jahr von mir erdrückt fühlt. Getrennter Urlaub, das ist für mich …“
Nun konnte Tamara vor Weinen gar nicht mehr weiterreden.
„Ach, mein Liebling, ich glaube, ich sollte mich bei dir entschuldigen“, fing Peter an.
„Was gibt es denn da zu entschuldigen“, schluchzte Tamara.
„Hör mir bitte zu, mein Schatz. Du musst mir meine Notlüge verzeihen. Ich …“
„Moment mal, Peter, was riecht denn da in der Küche? Seit wann gibt es denn Coq au vin als Tiefkühlgericht?“
Tamara stürzte in die Küche, Peter hinterher.
Sie traute ihren Augen nicht: Auf dem Herd stand ihr großer Bräter mit einem friedlich vor sich hin köchelnden Rotweinhuhn, umgeben von Zwiebelhälften, frischen Champignons und Speckwürfeln. In einem anderen Topf kochten Kartoffeln, und auf der Arbeitsplatte lagen frisch gewaschene Salatblätter.
Tamara war außer sich. „Wer hat das gemacht?! Hast du deine Französin etwa mit in unsere Wohnung gebracht?“
Peter nahm seine aufgewühlte Freundin fest in die Arme.
„Tamara, mein Schatz, jetzt hör mir doch mal zu. Als du vor deiner Reise mal wieder meine geliebten Königsberger Klopse gekocht hast, wurde mir schlagartig eines klar – nämlich dass du niemals einen Mann heiraten würdest, der mit Ach und Krach ein paar Spiegeleier mit aufgewärmtem Spinat zustande bringt. Also habe ich mich zu einem Crash-Kurs in französischer Küche bei dem berühmten Maître Simon Pierrebourg in Montpellier angemeldet. Er beköstigte uns manchmal während unserer Dienstreisen.“
Nun musste Tamara wieder weinen, diesmal aber vor Erleichterung und Freude.
„Ich kann es noch gar nicht fassen“, sagte sie mit zitternder Stimme. „Und das alles für mich?“
Peter nickte und gab Tamara einen langen, zärtlichen Kuss.
„Glaubst du, ich könnte jetzt als Ehemann bestehen?“Wiebke Sundermann

Illustration: Karin Zander